FrontKulturNello Santi ist nicht mehr

Nello Santi ist nicht mehr

Ein Leitstern ist verglüht, eine Ära ging zur Neige: Maestro Nello Santi, Cavaliere der Italianità, verkörperte in Zürich seit 1958, wie niemand sonst, das künstlerische Gewissen ganzer Generationen. Nun ist er, 88-jährig, verstorben.

1931 in Venetien an der Adria als Sohn einfacher Leute geboren, lernte der junge Nello bald Klavier und Violine, Kontrabass und Trompete spielen. Sein Stern ging schon 1951 am Teatro Verdi in Padua, unweit seiner Wiege, mit „Rigoletto“ auf, dem Verdi-Opus, das ihn auch in Zürich während einem halben Jahrhundert begleiten und zu einem seiner schillernden Markenzeichen werden sollte. 1958 gab er am damaligen Stadttheater Zürich mit „Die Macht des Schicksals“ seinen Einstand. Erst feierten ihn die zugewanderten Heimweh-Italiener, bis ihm nach und nach alles zu Füssen lag, was ihn als Gralshüter vorab der italienischen Musikkultur auf den Schild hob. 

 

Maestro Nello Santi bei seinen letzten Zürcher Auftritten 2019 / Fotos © Opernhaus Zürich

94 Premieren und über 1000 Dirigate sollen es allein in Zürich gewesen sein, denen er sein Credo „prima la musica“ einverleibte. Als das Opernhaus umgebaut wurde, feierte man ihn dann genau so im Kongresshaus wie im Hallenstadion mit „Aida“- und „Turandot“-Gastspielen. Und Luciano Pavarotti, damals noch rank und schlank, wurde rasch zum Intimus des an die New Yorker Met geholten Maestro. Sein fotografisches Gedächtnis erlaubte ihm, praktisch immer ohne Partitur zu dirigieren, jeden Ton, wenn Bedarf, vorzusingen und den Solisten wie dem Orchester mit der unnachahmlichen Gestik seiner vibrierenden Bacchetta väterliche Sicherheit zu vermitteln.

Die Namen sind Legende, die dank Santi Zürich beehrten: Mirella Freni und Nicolai Ghiaurov, Grace Bumbry, James Mc Cracken und Sandra Warfield, Alfredo Kraus, Mara Zampieri, Agnes Baltsa, Leo Nucci, Giorgio Zancanaro, Ruggero Raimondi, José Carreras und Neil Shicoff gehörten genau so dazu wie Weltstar Carlo Bergonzi, der 1991 an einer  Zürcher Operngala zum verehrten Maestro meinte, er habe im Verlauf seiner langen Karriere mit allen grossen Dirigenten gearbeitet, doch Santi sei «il meglio di tutti» gewesen. Das Opernhaus wurde mittlerweile anerkennend gar als „Casa Verdi“ bezeichnet.

Nicht vergessen werden soll, dass Santi von 1986-1994 auch noch Chefdirigent des Radio-Sinfonieorchesters Basel und häufig Gast an der Met, an der Arena di Verona, in Venedig und auf auf vielen renommierten Konzertpodien war.

Mit der Ära Pereira endete allerdings für ihn wie für viele berühmte Gäste die Selbstverständlichkeit ihrer regelmässigen Auftritte. Santi mochte sich gar nicht anfreunden mit eitlen Regisseuren (und -innen), welche schon während der Ouvertüre bei offenem Vorhang ihren Hokuspokus feilboten, weil sie nicht mehr auf die Musik hören wollten. Einige nannten ihn starrköpfig, der das Rampensingen zelebrierte, andere authentisch. Es war für ihn schlichtweg eine Stilfrage und basta. 

Wer nicht auf ihn verzichten mochte, musste mit der Scala Mailand vorlieb nehmen, wo er bei Alexander Pereira immer willkommen war – bis 2019, wo Santi aber seinen allerletzten “Rigoletto“ leider absagen musste. So wurden wir im Frühjahr 2019 Zeuge seiner letzten „Lucia di Lammermoor“-Dirigate, wo der Maestro noch einmal frenetisch gefeiert wurde. Sein beschwerlicher Gang auf den Dirigentenbock machte auch uns das Herz schwer, aber die Dankbarkeit überwog einfach alles.

2013 erhielt Nello Santi noch den mehr als verdienten Kunstpreis der Stadt Zürich. „Va pensiore sull’ali dorate“ – flieg Gedanke auf goldenen Schwingen. Grazie mille, caro maestro Nello Santi.

 

Giuseppe Verdi «Rigoletto»: Die legendäre DVD-Einspielung mit Leo Nucci, Elena Mosuç, Piotr Beczala und Laszlo Polgar unter der Leitung von Nello Santi. Im Handel weiterhin erhältlich.

Vorheriger ArtikelWie war das, als Sie…?
Nächster ArtikelAbenteuer im ewigen Eis

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel