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Lesen lernen mit Hannes Binder

Das Literaturmuseum Strauhof widmet seine erste Ausstellung im Jahr einem unbekannten Bekannten, dem Zeichenkünstler Hannes Binder und seiner schwarz-weissen Sicht auf die Literatur und seine innere und äussere Welt.

Die Graphic Novel, der Literaturcomic sind längst im Mainstream der Buchproduktion angekommen. Hannes Binder ist seit einigen Jahrzehnten mit gezeichneter Literatur unterwegs. Seiner ersten Werke waren die illustrierten Glauser-Taschenbücher für den Arche-Verlag in den 90er Jahren, jetzt hat der Limmat-Verlag sein neuestes Buch Der digitale Dandolo herausgegeben, das er dank eines längeren Aufenthalts in Venedig realisierte.

Pläne für die Anpassung der Rialtobrücke im Studio des S. Augustinus. Aus: Der digitale Dandolo,  Limmat Verlag 2020

Dieser titelgebende Enrico Dandolo (um 1107-1205), Doge von Venedig, führte bereits erblindet den Vierten Kreuzzug (1202-1204) nicht ins Gelobte Land, sondern eroberte und plünderte mit den Kreuzrittern Konstantinopel, womit er den Aufstieg Venedigs zur Grossmacht eingeleitet hatte. Binder hat die Figur nicht gewählt, um eine historische Graphic Novel zu «schreiben», der Kreuzfahrer dient ihm als Leitfigur bei seinen Reflexionen bei seinen Gängen durch das analoge Venedig von heute und gestern. Linear erzählen ist nicht gefordert, im Gegenteil, allerlei optischen Reizen folgend begegnet die Erzählfigur nicht nur den unübersehbaren und zerstörerischen Kreuzfahrtschiffen, sondern auch den grossen Dichtern Thomas Mann, Ezra Pound und Rilke. Kausalität oder Zeit sind aufgelöst zugunsten einer freien und assoziativen Bildmontage. Die Zeitmaschine ist für Hannes Binder zentral: Er zeichnet ja auch in einem digitalisierten Umfeld nach wie vor analog.

Die Arbeiten mit Schabkarton sind sein Markenzeichen: «Ich habe gern Widerstand beim Arbeiten,» begründet er. Wer die Ausstellung betritt, liest im ersten Abschnitt folgendes: «Literaturübersetzungen sind eine Art Übersetzung in eine andere Sprache – die Bildsprache,» das bedeute «nicht nur lesen sondern auch schauen.» Dabei hört man ein feines Kratzgeräusch – ums Eck läuft ein Video: Hannes Binder beim Verfertigen seines Porträts. Faszinierend, ihm zuzusehen und zu hören, wie die Feder über den präparierten Karton schabt und kratzt.

Binder (*1947) suchte wie viele Grafiker und Designer aus der Schweiz gleich nach der der Kunstschule sein Glück in Mailand, jedoch der Wunsch, als Illustrator zu arbeiten, war nicht gefragt. Für Aufträge beim Tagesanzeiger-Magazin kam er zurück nach Zürich, hatte jahrelang ein sicheres Einkommen, bis ein Chefredaktor alles neu machen wollte und Bewährtes oder auch bewährte Mitarbeiter rauswarf. Damals sei er «auf die Welt gekommen», sagt Binder, es gab keine materielle Sicherheit mehr. Es sei hart gewesen.

«Der Schachspieler» von und mit Friedrich Dürrenmatt – eine makabre Geschichte mit brillanten Illustrationen. Hier als Licht-Bild in der Ausstellung.

Gleich mit Glauser begann also die zweite berufliche Existenz, Binders freier Umgang mit literarischen Texten. Im Strauhof sind auf Drehtafeln Texte und Bilder aus verschiedenen Werken zu entdecken und herauszufinden, wie eigensinnig er mit der Vorlage umgeht, da ergeben sich ins Absurde und zugleich Alltägliche führende Interpretationen, die den Betrachter fesseln, sofern er sich Zeit für alle Facetten der Zeichnung nimmt. Der kleine Band mit Eduard Mörikes Gedicht Mondnacht bringt einen zum Staunen über den kreativen Mut, das Poem mit dem nächtlichen Jetzt zu verknüpfen: «Die Inspiration dazu habe ich am Limmatufer gefunden, » erklärt er. Faszinierend auch, wie er die Autoren seiner Literaturvorlagen kurzerhand mit ins Bild holt, beispielsweise bei Dürrenmatts Schachspieler-Novelle.

Frei nach Eduard Mörikes Zeile «Und kecker rauschen die Quellen hervor.» Hintergründig und voller Humor sind Binders Lesarten. Erschienen in: Hannes Binder / Eduard Mörike, Um Mitternacht. Bajazzo 2009

Die meisten Zeichnungen bleiben nicht nur wegen der unheimlichen, abgründigen Inhalte düster. Warum es denn bei ihm nie Tag werde, wurde Binder öfters gefragt. Dazu sagt er, dass er doch das Weiss hervorhole, also Licht mache. An der Wand eine Auswahl von Originalen, faszinierend wegen feinster Details, die der beste Druck nicht wiedergeben kann. Dafür liegen die Bücher bereit zum durchblättern, dank Hörstation gleich Binders Kommentar zur Entstehung im Ohr.

Auch zum Dandolo gibt es eine Vitrine mit Binders Recherchen, einer Materialsammlung aus Postkarten, Notizen, Zeichnungen, Zitaten, gesammelt in Venedig. Dazu erzählt er dass er eigentlich die Absicht hatte, einen richtigen Text zu Venedig zu schreiben. Herausgekommen ist ein Bilderbuch. Insgesamt verzichtet diese Literaturausstellung im Literaturmuseum auf erklärende Worte, die literarischen Texte und des Künstlers Aussagen zu seiner Arbeit, etwa wie ein Schabkarton entsteht oder warum er sich gar an Heidi wagte, sind Erklärung genug. Bei der Heidigeschichte – nacherzählt von Peter Stamm – sei es ihm ähnlich ergangen wie einem Architekten, der im hohen Alter noch eine Kirche bauen darf: Die Bilder sollen neu und zugleich vertraut und geläufig sein.

«Non sotto il cavolo» (Selbstporträt)  Schabkartonzeichnung. Erschienen in: Hannes Binder, Die Chronik des Zeichners Limmat Verlag 2014.

Für den Künstler selbst ist die Ausstellung eine Art Werkschau, die ihm selbst einen neuen Blick auf seine Arbeit erlaubt. Aber sie weist auch auf Künftiges: die Briefausgabe von Friedrich Glauser, belegt mit unveröffentlichten Zeichnungen und die ihnen zugrunde liegenden Zitate. An Martha Ringier schrieb Glauser 1938: «… was wäre aus mir geworden, wäre ich Vaters Spuren gefolgt? Irgendein Sekundarlehrer mit literarischen Ambitionen…» Binders kühne Visualisierung dazu gibt es jetzt exklusiv im Strauhof zu sehen.

Wir wollten noch wissen, welchem seiner Bücher er im hektischen Literaturbetrieb mehr Resonanz gewünscht hätte, weil es ihm besonders am Herzen liege: Es ist die Doppelchronik über seinen Urgrossvater Theo und über sich selbst. Theo wollte Maler werden, musste Kaufmann lernen und wurde reich, fand aber nie mehr Zeit für seinen Traum, sein Urenkel konnte den Weg als Künstler finden und nahm, als er die Aufzeichnungen von Theo bei seiner Grossmutter fand, die Verpflichtung an, darüber zu arbeiten: Die Chronik des Zeichnens ist beim Limmatverlag noch erhältlich.

Hannes Binder. Die doppelte Lektüre im Literaturmuseum Strauhof
bis 17. Mai
Beitragsbild: Hannes Binder im Foyer des Museums vor seiner vergrösserten Zeichnung Labyrinth
Verschiedene Bücher von Hannes Binder sind im Buchhandel erhältlich.

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