FrontKulturEin Leben mit und für die Kunst

Ein Leben mit und für die Kunst

Unter dem Titel «Picasso, Chagall, Jawlensky. Meisterwerke der Sammlung Im Obersteg» zeigt das Kunstmuseum Basel zum dritten Mal eine Gesamtschau dieser Sammlung, in Beziehung gesetzt zu ausgesuchten Werken aus eigenen Beständen sowie einzelnen internationalen Leihgaben.

Der Neubau des Kunstmuseums Basel vermittelt immer noch, vier Jahre nach seiner Eröffnung, das Gefühl, in eine neue Welt einzutreten. Ich nehme mir Zeit, steige die imposante, doch elegante Treppe in den zweiten Stock hoch, lasse mich vom vorherrschenden silbrigen Grau neugierig machen – und dann erfahre die Farben und die Ausdruckskraft der klassischen Moderne, wie wenn ich gerade die Tür zu dieser Kunst öffnen würde. Nicht nur Pablo Picasso, Marc Chagall und Alexej von Jawlensky sind hier zu sehen, sondern auch Werke anderer Künstler dieser Epoche, vor allem Gemälde, aber auch einige Skulpturen.

Zusammengetragen wurde alles vom leidenschaftlichen Sammler Karl Im Obersteg (1883–1969). Die ausgewählten Leihgaben ergänzen jeweils einen bestimmten Aspekt der Sammlung. Es sind oft Werke, die Karl Im Obersteg verkauft hatte, um ein anderes Werk, das sich noch besser in die Sammlung einpasste, erwerben zu können. Dazu gehören nebst vielen anderen einige ausdrucksstarke Bilder von Emil Nolde, Ferdinand Hodler, Paul Cézanne, Cuno Amiet, mit dem er seit jungen Jahren befreundet war.

Karl Im Obersteg auf dem Sofa sitzend, hinter ihm folgende Werke: Chaïm Soutine, La jeune anglaise en bleu (um 1937); Le faisan mort (um 1926/27); L’enfant de choeur (um 1927); La jeune anglaise (um 1927) Kunstmuseum Basel

Die Ausstellung ist nach Themen aufgebaut, jeder Saal hat sein Motto, das sich zuweilen auch auf einzelne Künstler bezieht. Ausser den gut lesbaren Erklärungen sehen wir jeweils einen grossflächigen Fotodruck an einer Saalwand, es sind historische Fotografien aus den Privaträumen von Karl Im Obersteg, die zeigen, wie der Sammler sie damals platziert hatte. Einige dieser Aufnahmen zeigen ihn neben einem Kunstwerk. Ansonsten gibt es nur ein Portrait, gemalt von Bernard Buffet, mit klaren Linien, an eine Grafik erinnernd. – Er war wohl in gewissem Masse ein bescheidener Mensch, der auf eine Darstellung im Kunstwerk wenig Wert legte. Seine Sammlung jedoch bedeutete ihm viel, erzählt die Kuratorin Henriette Mentha, Karl Im Obersteg habe sich immer wieder zurückgezogen, um sich mit den erworbenen Werken intensiv auseinanderzusetzen. Einige Bilder verschenkte er an Freunde.

Im Saal «Alle Wege führen nach Paris» steht ein originaler kleiner Reisekoffer – als Hinweis auf eine Reihe Cézanne-Zeichnungen und auf ein kleines Aktbild von Kiki Montparnasse, die der Sammler alle in diesem Koffer transportiert hatte. – Dieses Bild ist eine Rarität. Kiki Montparnasse, die auch als Prostituierte arbeitete, war als Modell mit Malern bekannt geworden, und wurde ebenso wie ein anderes Modell, Suzanne Valadon, von Degas und anderen Malern ermuntert, selbst mit dem Malen zu beginnen.

Kiki Montparnasse (Alice Ernestine Prin), Les lavandières (1927), Öl und Bleistift auf Leinwand (50×73,5cm). Stiftung Im Obersteg, Depositum im Kunstmuseum Basel

Als Besitzer einer von seinem Vater übernommenen Transportfirma reiste Karl Im Obersteg aus geschäftlichen Gründen oft und besass viele internationale Kontakte. Über diese berufliche Tätigkeit hinaus engagierte er sich in Kriegszeiten im humanitären Sektor, in privaten Hilfsorganisationen und später im Internationalen Roten Kreuz. Auch heikle diplomatische Hilfsdienste übernahm er im 2. Weltkrieg, seine guten Verbindungen dienten ihm dafür. Und für seine Künstlerfreunde setzte er sich ein, wo immer es ihm möglich war. «Unser Schweizer für alle» nannte ihn der russische Maler Robert Genin, da Im Obersteg den heimatlos gewordenen russischen Exilkünstlern zur Seite stand, wo er nur konnte. Diese Hilfsbereitschaft – eine weitere Qualität des Sammlers – stand am Anfang der Freundschaft mit Alexej von Jawlensky, Marianne Werefkin und anderen.

Das Sammeln kannte Im Obersteg von seinem Vater, der von seinen Reisen viele Objekte mitgebracht und im Familienstammhaus in Boltigen / Simmental aufgestellt hatte, u.a. Ethnografisches, Naturwissenschaftliches und Familiäres, – fast ein kleines Museum; daneben hatte der Vater auch eine gut ausgestattete Bibliothek eigerichtet. «Karl Im Obersteg hatte ein gutes Auge für künstlerische Qualität, ungeachtet, ob sie berühmt waren oder nicht», erklärt Henriette Mentha und fährt fort: «Seine ungewöhnliche Sicht auf Kunstwerke und Künstler wird in der Ausstellung durch die afrikanischen Figuren symbolisch dargestellt.»

Marc Chagall, Der Jude in Schwarz-Weiss, 1914. Öl auf Karton, auf Leinwand aufgezogen (101×80 cm). Stiftung Im Obersteg, Depositum im Kunstmuseum Basel

Im Saal, der Marc Chagall gewidmet ist, hängen vier verschiedene Portraits eines Juden – sehr beeindruckend, diese Darstellungen eines orthodoxen Juden im gleichen Raum anschauen zu können. Das Kunstmuseum besitzt damit eine der herausragendsten Bildfolgen von Marc Chagall, was auf Im Oberstegs Initiative zurückzuführen ist. Das Foto-Wandbild zeigt, wie diese Bilder im Haus Im Obersteg aufgehängt waren: mit Marienfiguren zwischen Chagalls Bildern. Deshalb steht im Museum ein überaus schöner schlichter mittelalterlicher Madonnenkopf neben Chagalls Gemälden. Übrigens muss Karl Im Obersteg ein humorvoller Mensch gewesen sein. Wie anders können wir seine Bemerkung «Des Chagalls, pas des Chagaux!» verstehen – das schalkhafte Motto dieses Saales, das mit der französischen Sprache spielt. Und doch waren ihm gerade diese meditativen Bilder wichtig. Im Obersteg sammelte Marc Chagalls Bilder schon sehr früh, bevor der Maler im Westen berühmt wurde. Seitdem fühlten sich der Basler Sammler und der chassidische Maler verbunden.

Auf einen anderen russisch-jüdischen Maler weist Co-Kurator Robert Knöll hin: Chaïm Soutine, der lange Jahre in äusserster Armut lebte, pflegte einen ganz eigenen Stil. Wer schon mehrmals durch das Basler Kunstmuseum spaziert ist, wird sich immer an diese besonderen Werke erinnern. Auch Soutine wurde früh zu einer Entdeckung für Karl Im Obersteg. Im Saal «Randgänger» findet die Reihe der Soutine-Bilder neben anderen begabten, aber wenig bekannten Künstlern seinen Platz.

 

 

 

 

 

Pablo Picasso, Arlequin assis, 1923; Öl auf Leinwand, 130.2×97.1 cm. links: Privatsammlung; rechts Kunstmuseum Basel (für beide gilt: © Succession Picasso / 2020, ProLitteris, Zürich)

Der Saal «Picasso» kann mit seinen hellen Wänden und der strahlenden Beleuchtung als Höhepunkt gelten. Hier wird der Blick ganz auf die beiden Harlekin-Bilder gelenkt. «Es ist ein Glücksfall», sagt Henriette Mentha, «dass diese beiden Bilder zusammen gezeigt werden können.» Zudem sind sie – eventuell ohne Absicht – identisch gerahmt. Das dritte dieser Harlekine hängt im Centre Pompidou, es ist von Picasso nicht ganz fertiggestellt.

Alexej von Jawlensky, Abstrakter Kopf (Mysterium), 1925. Öl auf leinenstrukturiertem Malkarton, 42.5×32.5 cm. Stiftung Im Obersteg, Depositum im Kunstmuseum Basel

Diese Schau besitzt allerdings nicht nur ein, sondern mehrere Highlights. Eine Krönung findet der Rundgang im Saal «Auf dem Weg zum Kreuz». Er ist Alexej von Jawlensky gewidmet, zeigt seine spirituelle Suche, den Weg des Malers vom Gesicht zu immer grösserer Abstraktion, bis darin nichts als das Kreuz sichtbar wird. Bereichert wird der Raum durch Bilder von Paul Klee und Franz Marc. «Karl Im Obersteg hat seine Sammeltätigkeit mit Alexej von Jawlensky begonnen und mit ihm beendet,» so begründet die Kuratorin die Hängung der Werke.

 

Die Ausstellung wird bis 21. Juni 2020 verlängert.
Angaben über Führungen und Veranstaltungen auf der Webseite des Kunstmuseums Basel.

Katalog zur Ausstellung mit zahlreichen Abbildungen und vielen weiterführenden Ausführungen.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel