FrontKulturBotschaften aus dem Schattenraum

Botschaften aus dem Schattenraum

Francis Giauque kommt mit seinem Leben nicht zurande. Charles Linsmayer vermittelt die erschütternden literarischen Spuren dieser persönlichen Tragödie.

Die Reihe Reprinted by Huber ist ein Geheimtipp für alle, die sich einen Überblick über die Schweizer Literatur verschaffen wollen. Sie umfasst mehr oder weniger bekannte Namen, vor allem jedoch viele Raritäten von Schweizer Autorinnen und Autoren auch der «zweiten Reihe», das heisst, von Schreibenden, welche nicht als grosse Stars der Literaturszene gelten. Auch da ist es wie im Sport: Ohne Breitensport gäbe es keinen Spitzensport. Ohne die zahlreichen Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die handwerklich wie künstlerisch hochwertige Novellen und Romane schreiben, gäbe es mindestens zu Zeiten, als noch nicht akademische Schreibkurse angeboten wurden, keine Spitzenreiter auf dem Pegasus. Wer kennt Namen und Werk von Alfred Fankhauser, Gertrud Wilker, Heinrich Federer, Maurice Chappaz und manch anderen noch spontan? Vielleicht eher noch von Corinne S. Bille, Annemarie Schwarzenbach, Kurt Guggenheim. Manchen jungen Leuten von heute sind nicht einmal mehr Gotthelf, Meyer, Keller ein Begriff. Sic transit gloria mundi!

Die erwähnte Reihe Reprinted by Huber, betreut vom bekannten Literaturwissenschaftler und Kulturjournalisten Charles Linsmayer, erschien, wie der Name zeigt, ursprünglich im Verlag Hans Huber Frauenfeld, bis dieser unterging wie so manch anderer auch. Verdienstvollerweise hat der Th. Gut Verlag in Zürich die Reihe weiter geführt. Auf Seniorweb waren schon die Besprechung von Maurice Chappaz, In Wahrheit erleben wir das Ende der Welt und von Lore Berger, Der barmherzige Hügel. Eine Geschichte gegen Thomas zu lesen. Ein besonderes literarisches Schatzkästlein ist zudem Schreib oder stirb! 129 Schicksale von Ciro Alegría bis Stefan Zweig von Charles Linsmayer, erschienen 2014 im elfundzehn Verlag, Zürich. Die 129 doppelseitigen Kurzportraits von bekannten und unbekannten Dichterinnen und Schriftstellern zeugen sowohl von der Belesenheit des Autors als auch von dessen einmalig überzeugendem vielfältigen Überblick über die Literatur und deren Geschichte.

Diesmal geht es, wie schon beim Band von Lore Berger, wieder um eine Selbstmord-Geschichte und deren Hintergründe. Francis Giauque ist am 31. März 1934 in Prêles im Berner Jura (heute Gemeinde Plâteau de Diesse, BE) geboren. Am 13. Mai 1965 wird er tot aus dem Neuenburgersee geborgen. Dazwischen ein Leben in Form einer tiefen Tragödie, mit Recht zusammengefasst im Titel Die Glut der Schwermut im Schattenraum der Nacht. Unwirklich, unerklärlich mutet sie an, diese Lebenstragödie. Anfangs, in der Studienzeit, scheint der junge Francis vor einem hoffnungsvollen Leben zu stehen. Doch die Schatten greifen immer näher an seine Seele und damit in seine psychische Gesundheit. Oder ist diese die Folge der somatischen Hautkrankheit, die ihn nicht nur äusserlich verunstaltet, sondern auch innerlich belastet? Im biografischen Nachwort zeichnet Charles Linsmayer die Konturen dieses ungemeisterten Lebens differenziert und in grösstmöglicher Gründlichkeit recherchierend nach.

Insgesamt umfasst das Buch acht Prosatexte und sieben Abschnitte mit Gedichten aus verschiedenen Epochen. Es ist die erste deutsche Ausgabe der Gedichte und der Prosa von Francis Giauque. Übersetzt hat Barbara Traber die Prosatexte und Christoph Ferber die Gedichte. Was diesen beiden Fachleuten der Sprache damit gelungen ist, kann kaum hoch genug geschätzt werden. Zwar sind alle Übersetzungen von Gedichten immer sorgfältige Nachdichtungen auf Deutsch, und Francis Giauques Prosa ist von einer Dichte und von einem ausdrucksstarken Reichtum, der kaum weniger Sprach- und Rhythmuskompetenz verlangt, soll er in der deutschen Fassung zu adäquater Wirkung kommen. Prosatexte wie Gedichte wirken hier als erinnerte Bilder mit Wörtern, die den Abgrund, der des Dichters Leben spaltet und zerreisst, noch unüberbrückbarer erscheinen lassen.

Deshalb ist es höchst anregend, voll spannend, ja packend, diese schwermütige Prosa aus einem gequälten Schattenleben zu lesen. Viel Mitgemeintes, Hintergrund und Erfahrungsraum schwingt da begleitend mit. In so elegantem und rhythmischem Deutsch geht das nicht verloren. Bei den Gedichten ist das Bildhafte, der Rhythmus, sind die in poetischer Form übermittelten Signale frisch, spontan, lebendig. In den meist kurzen Gedichten und in den Prosatexten wirken immer wieder, und auch in verschiedener Ausprägung, dieselben Lebensmotive. Botschaften aus dem Schattenraum eben. Es geht um die Unmöglichkeit, zusammen zu kommen. Der Begriff Liebe wird zur Metapher für das Unmögliche an sich. Die Hautkrankheit erscheint als das grosse, dunkle, lebensbedrohende Geheimnis. Immer wieder, in Poesie und Prosa, überwältigt die poetisch-literarische Verdichtung des Leidens an der körperlichen und der seelischen Krankheit, der Verbitterung, abgewiesen zu werden – nicht erst zu werden, sondern von Beginn an zu sein!

Die Frau in seinem Leben heisst Emilienne Farny. Zusammenkommen konnten sie nicht – das war wohl ihr Schicksal. Federico Garcia Lorca taucht aus der Erinnerung beim Lesen solcher Texte auf, Donna Rosita bleibt ledig, wo die Metapher steht: «Lieben, und den Leib nicht finden…» In den Gedichten wirkungsvoller als in der Prosa von Francis Giauque scheinen diese irrational flirrenden Impressionen und Expressionen auf, diese Einzelbilder aus dem Schattenreich des unbewältigten Lebens, wie Blitze, kaum einzufangen. Dann immer wieder zum Teil ganz konkret die brennenden Bilder von unechten, schal oder bitter schmeckenden Küssen, von verschmähter und deshalb auch verschmähender Liebe. Manche dieser meist kurzen Gedichte, dieser gewittrigen Blitze aus dem schwermütigen Dunkel eines nicht akzeptierten Lebens, scheinen wie in Abwehr formuliert, rhythmisiert, verdichtet. Sie sind nicht leicht zu ergründende, wenn auch spontan zu verstehende Spuren eines Leidens an sich selbst. Vorbild für das literarische Schaffen von Francis Giauque sind les poètes maudits, ihnen voran nennt er selber Tristan Corbière (1845-1875).

Francis Giauque übt mancherlei Tätigkeiten aus, immer wieder unterbrochen durch krankheitsbedingte «Durchhänger». Am fruchtbarsten ist seine Zeit als Sprachlehrer an der Berlitz-Schule in Valencia, 1958. Diese Zeit in Spanien spielt in seiner Prosa und vor allem in den Gedichten eine auffällige Rolle. In Valencia allerdings bedeutet ein unerklärlicher Zusammenbruch die entscheidende Katastrophe. Was für ein Ringen und Kämpfen dann in Psychiatrischen Kliniken! Kämpfen für Normalität, gegen Härte, Gewalt, Abschottung. Fortan rettet seine Mutter ihn mehrmals vor dem Selbstmord. Sie stirbt 1964 und kann ihn deshalb 1965 nicht mehr retten.

Charles Linsmayer
Reprinted by Huber
Verlag Th. Gut

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