FrontKolumnenKapitalismus oder Sozialismus?

Kapitalismus oder Sozialismus?

Ab nächster Woche kommt die Zeit der Wahrheit. Zögerlich, vor allem für bürgerliche Politiker zu zögerlich, will der Bundesrat langsam die restriktiven Corona-Massnahmen lockern, damit das einkehrt, was zweifellos die meisten erhoffen: Normalität.

Eine Normalität aber wie davor, die wird es wohl nie mehr geben. Denn schon jetzt entbrennt ein regelrechter Gelehrtenstreit, damit einhergehend politische Auseinandersetzungen um das eine: Wie sieht die Welt, wie sehen die politischen Institutionen aus, wie wird sich die Weltwirtschaft danach präsentieren? Und plötzlich geht es um ganz zentrale Fragen: mehr Kapitalismus oder mehr Sozialismus? Mehr Nationalismus oder mehr Globalisierung? Mehr Schweiz oder mehr Europa? Mehr oder weniger Staat? Mehr Umweltschutz oder mehr ungehemmter Verbrauch von natürlichen Ressourcen?

Die Einen wollen möglichst alles retten, gestärkt neu auferstehen lassen, was war, auch und gerade den Kapitalismus, den sie neu begründen, ihn so stark festigen wollen wie nie zuvor. Andere wollen ihn endlich überwinden, wollen einen erstarkten Staat etablieren, wollen endlich einen rettenden  Klimaschutz umsetzen, mehr Gleichheit schaffen, die eklatanten Unterschiede bei der Vermögensverteilung ausgleichen, die hohen Einkommen und vor allem die grossen Vermögen weit stärker besteuern, ein Grundeinkommen einführen, wollen global die Welt nachhaltig retten.

Martin Rhonheimer (70), der Schweizer Professor an der päpstlichen Universität in Rom, hofft und schreibt in der NZZ, dass wir nach der Corona-Krise kapitalistischer,  unternehmerfreundlicher,  innovativer werden sollten, endlich werden könnten. Frank Snowden (73), US-Amerikanischer Professor für Medizingeschichte an der Yale Universität, der sich in Rom selbst infizierte, wünscht sich in einem Spiegelgespräch eine grüne Wirtschaft: “Umweltschutz und Gesundheitsschutz müssen in Zukunft Hand in Hand gehen“. Und wir dürften nicht mehr nationalstaatlich denken und handeln. Frank-Walter Steinmeier (64), der deutsche Bundespräsident, vertritt eine moderatere Position: „Zu lange haben wir geglaubt, dass wir in unserem System unverwundbar sind, dass es nur immer schneller, höher und weiter geht. Die Korrektur kann jetzt beginnen.“

Nur: Korrektur wohin? Zu weniger Wohlstand bei uns, zu mehr Wohlergehen in den abgehängten Staaten in Afrika beispielsweise, gar in Osteuropa. Oder aber zu dem Wohlstand zurück, den wir bei uns möglicherweise über die Krise hinaus sichern können, weil wir so reich sind. Denn überraschenderweise können wir in den reichen Staaten, gerade auch in der Schweiz, Milliarden locker machen, die bis jetzt fein säuberlich gehütet wurden, können mit Kurzarbeit überbrücken, was die Volkswirtschaft am weiteren Leben erhält: Vollbeschäftigung. Wir leben in einem Staat, der in modernste Infrastrukturen investieren kann, der Startup-Unternehmern auch in der Krise Hoffnungen auf Startkapital vermitteln kann, wie dies unsere Finanzminister Ueli Maurer eloquent letzte Woche kund tat. Wir können uns damit noch weiter entfernen von den Menschen, die in den armen Ländern ein tristes Leben fristen, von den tausenden Flüchtlingen beispielsweis auf den griechischen Inseln, die um ihr Leben bangen müssen.

Noch verschwinden die gelehrten Artikel von den gelehrten Professoren und Politikern in der Fülle der Berichterstattung über die Krise. Sie sind noch Randerscheinungen in einer Welt, die viele Menschen bedroht und die eines wollen: gesund überleben.

Und dennoch ist eines zu hoffen, dass sie vermehrt beachtet werden, dass wir uns mit den Szenarien, die sich jetzt ankündigen, auseinandersetzen, dass wir aufmerksam bleiben. Denn eines ist zurzeit überall spürbar: eine starke Solidarität in der Nachbarschaft. Zu wünschen ist, dass sie ausstrahlt zu mehr Solidarität über die Grenzen hinweg, zu mehr sozialem Ausgleich über die Nationalstaaten hinaus, zu mehr Verständnis für die Flüchtenden in dieser Welt.  Schlicht zu mehr Gemeinsinn, auch in unserem Land.

Vorheriger ArtikelWelche Wahrheit?
Nächster ArtikelEin literarisches Mosaik aus Afrika

5 Kommentare

  1. Lieber Toni, Was möchtest du uns Professoren, die Artikel schreiben, mit «gelehrten Artikel von den gelehrten Professoren» wirklich sagen? Herzlichst, Pesche

  2. Lieber Pesche, es ist einfach interessant, was Gelehrte zum Danach zu sagen, zu schreiben haben. Ich stelle einfach fest: Die Positionen könnten unterschiedlicher gar nicht sein. So darf man ja gespannt sein, wie das Danach dann wirklich aussehen wird. Und uns bleibt immerhin die Möglichkeit, genau hinzuschauen und dazu Stellung zu beziehen.

  3. /Users/paulscharer/Desktop/In der Schweiz bestimmen die Parteien die Stimmenden.docx/Users/paulscharer/Desktop/In der Schweiz bestimmen die Parteien die Stimmenden.docx

  4. Menschen bestimmen den Zustand unseres Daseins!!
    Wissenschaftlich begründete Fähigkeiten, könnte uns in eine friedliche Zukunft führen.
    Paul Schärer-Laupper

    In vielen demokratischen Staaten, wählen die Stimmenden gemäss ihrer frei gewählten Partei. Sie diskutieren die Probleme miteinander und stimmen über Lösungsvorschläge offen ab. Die Macht ist vernünftig verteilt. Das Volk lebt einigermassen zufrieden.
    In der übrigen Welt bestimmen die jeweiligen Machthabenden diktatorisch den Kurs ihrer Politik und ihre immer auch begründeten „Wahrheiten“ werden mit mehr oder weniger Härte durchgesetzt.
    Auf der ganzen Welt werden Milliarden an Geld zu Rüstungszwecken, „Verteidigung der eigenen Rechte“, eingesetzt. Die Rüstungsindustrie schafft Arbeit und Verdienst für Arbeiter und Organisatoren. Waffen, mit denen das „Menschenrecht Leben, zu verteidigen ist“ werden immer raffinierter, was an grossartig präsentierten Militärparaden demonstriert wird. Das angebliche Recht, zum Einsatz der optimal geformten Soldaten, wird immer ausgelöst von intelligenten, jedoch lieblosen Menschen, mit entsprechenden eigenen Ansichten über Recht und Unrecht.
    Kühle Intelligenz allein scheint jedoch nicht auszureichen, um Menschen friedlich nebeneinander leben zu lassen. Dazu brauchen wir Menschen, deren vererbten realen Talente optimal geschult wurden, die jedoch auch die Fähigkeit der Menschenliebe als Erbgut in sich tragen und mit ihrem Wissen verbinden können. In ihrem Denken ist vernünftiges, möglichst freiheitliches Sein, für alles Leben, Weisheit, selbstverständlich. Heute sind wir noch nicht in der Lage, friedensfähige Weisheit als Talent bei Führenden zu fordern und die damit gesegneten, sicher vorhandenen, Frauen und Männer, einzusetzen. Nur solche Menschen führen uns in eine erhoffte, friedliche Zukunft.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel