FrontKolumnenPhilosophie von der Goldküste: schwach…

Philosophie von der Goldküste: schwach…

Eigentlich ist es über weite Strecke so ungeheuerlich nicht, was der Denker Ludwig Hasler von der Zürcher Goldküste im Interview mit der NZZ am Sonntag zum Besten gibt. Dass es manchen ZeitgenossInnen am Verantwortungsbewusstsein für die Gesellschaft als Ganzem fehlt, ist eine Binsenwahrheit. Und dass der Grossteil derer, die am Coronavirus starben, ohnehin nicht mehr viel länger zu leben gehabt hätten, ist als Formulierung zwar blanker Zynismus, rechnen uns die Statistiken aber seit Wochen vor.

Bedenklich ist, was die NZZ mit den Plattitüden aus dem Mund des „erfolgreichsten Vortragsreisenden der Schweiz“ macht. „Respekt für die Alten? Wofür?“ titelt das Sonntagsmagazin. „Die Alten“ seien eine Last für das Rentensystem, bremsten bei der Klimapolitik, verweigerten die Kooperation in der Coronakrise, ist im Lead zu lesen. Indirekt stellt die NZZ damit mehr oder minder verschämt die Frage, ob die Alten für die Gesellschaft noch tragbar sind.

Wer sind denn „Die Alten“? Die „verwöhnteste Generation, die je auf diesem Planeten spazieren ging“. Ihretwegen liess die Landesregierung per Notrecht die ganzen „Wahnsinnsmassnahmen“ vom Stapel, die unsere Wirtschaft in die Rezession stürzt und Tausende von Unternehmen in den Konkurs. Wer das sagt, ist nicht etwa ein Kolumnist der „Weltwoche“ oder ein polternder Stammgast in Gillis Talkshow, sondern ein Philosoph, selbst ein Angehöriger jener Babyboomer-Generation, der seine Zeit damit verbringt, über die grossen Fragen des Lebens nachzudenken. Gegen den Vorwurf, privilegiert zu sein, wehrt er sich mit dem Hinweis, dass er selbst aus einer Familie stammt, die man heute arm und bildungsfern nennen würde. Doch von diesem Milieu hat er sich – aus eigener Kraft, wie er betont – längst entfernt. „Ich lebe in einem schönen Haus, habe einen wunderbaren Garten, eine Frau, die prima kocht, Bücher schreibt, also etwas zu erzählen hat.“

Dabei ist dem Ohrensessel-Philosophen durchaus bewusst, dass nicht alle alten Menschen in der Schweiz in einer so feudalen Situation leben wie er. An sie denkt er natürlich auch: an die Migros-Kassierin zum Beispiel, oder an alleinstehende Vereinsamte, „die sich in ihrem Elend bewusst zu Tode saufen“. Doch sie gehören für ihn zu den „Ausnahmen“, zu jenen, die nicht „mit Kreuzfahrtschiffen über die Meere fahren oder sonst von einem Event zum andern tingeln. Weiter scheinen Haslers Einblicke in die sozialen Realitäten dieser Welt nicht zu reichen.

Kein Wort von der Altersarmut, davon, dass z.B. Frauen, oft gezwungen, in prekären Verhältnissen zu arbeiten, im Alter nichts mehr als die blanke AHV haben. Aus der 2. Säule nichts, bestenfalls ein kleiner Zustupf. Das nach einem vollen Arbeitsleben mit Familienpflichten. Frauenrenten sind rund 37 Prozent tiefer als die der Männer. Wer an der Goldküste wohnt, für den spielt dieser Gender Pension Gap kaum eine Rolle.

Anderes von dem, womit die kommenden Generationen werden zurechtkommen müssen, beschäftigt ihn schon: die Finanzierung des Renten- und Gesundheitswesens, die Klimaerwärmung und seit kurzem auch die Corona-Epidemie. „Die Welt, die wir den Jungen übergeben, ist nicht so ganz picobello“, räumt er ein. Die Frage ist bloss, wer mit „wir“ gemeint ist.

Die Redaktion der NZZ am Sonntag macht daraus ein Babyboomer-Bashing, das den Eindruck erweckt, als seien „die Alten“ schuld an allen Problemen. Dabei genügt ein flüchtiger Blick auf den öffentlichen Diskurs über Fragen der Gesundheitspolitik, des Klimawandels, der Migrations- und Sicherheitspolitik, dass die getroffenen Entscheide weniger vom  Alter der daran Beteiligten als vielmehr von deren Interessenbindungen, ethischen Massstäben und von ihrer Parteizugehörigkeit abhängen. Aber um aufzuzeigen, wer in den letzten Jahren im Parlament beispielsweise die Durchsetzung einer wirksamen Klimapolitik blockiert oder verhindert hat, die Kostenexplosion im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen, müsste man die Debatten der eidgenössischen Räten eingehend verfolgen. Das Ergebnis wäre die Einsicht, dass viele der die kommenden Generationen belastenden Probleme nicht auf das Konto „der Alten“ gehen, sondern der bürgerlichen Mehrheiten und der Lobby-Arbeit einflussreicher Interessenverbände, welche die an sich demokratisch legitimierten Behörden kolonisiert haben.

Ein differenzierterer Blick auf das Alter brächte mehr. Ansonsten bleibt die Vermutung eines inszenierten Altersbashing für mediale Aufmerksamkeit, im Interesse der eigenen Vermarktung und auch gewisser politischer Interessen.


Bea Heim, ehem. SP-Nationalrätin, Co-Präsidentin VASOS, Vereinigung aktiver Seniorinnen- und Seniorenorganisationen

12 Kommentare

  1. «Die blanke AHV» – Welch ein Nichts, allenfalls ergänzt mit einer wässrigen Brühe aus der Suppenküche, konsumiert in der eigenen, unbeheizten Wohnung mit Tapeten so gelb wie der Teint der Bewohner, die eingepfercht um das wärmende Feuer des flackernden Fernsehers hocken. Es läuft SRF. So trist ist das in der Schweiz, so traurig ist das Alter. Wer will da schon lange leben.
    Da gibt es keine Vermögen, da gibt es kein Wohlstand. In dieser schmutzigen Pfütze aus Tristesse ist Jammertal ein grünes Paradies. Ein ganzes Leben gearbeitet und dann ein Nichts. Nichts!
    Das ist einfach nur(!) traurig.

  2. Frau Bea Heim ,

    Für diese Stellungsnahme zu den Aussagen von Ludwig Hasler ganz herzlichen Dank, hat es doch meine Ansichten über diesen Philosophen und seine Ansichten bestätigt.
    Wünsche Ihnen eine gute Zeit und bliebet sie gsund. Jrène Aeschlimann

  3. Was Sie da schreiben ist meiner Ansicht nach «bürgerliches Mehrheitenbashing».
    Der letzte Satz in Ihrem Artikel müsste demnach heissen:
    Ein differenzierterer Blick auf die Politik aller Parteien und Interessenvereinigungen brächte mehr. Ansonsten bleibt die Vermutung eines inszenierten «bürgerlichen Mehrheitenbashings für mediale Aufmerksamkeit, im Interesse der eigenen Vermarktung und auch gewisser politischer Interessen.
    Verstehen Sie mich bitte richtig: nicht die von Ihnen geäusserte Meinung über einen sogenannten Denker von der Zürcher Goldküste stört mich aber dass Sie beim Erklären seiner negativen Seiten gleich die ganze sogenannte bürgerliche Mehrheit einschliessen ist meiner Ansicht nach gelinde ausgedrückt eher fahrlässig.

  4. Dem ist nichts beizufügen.
    Dennoch sei die Frage erlaubt, was diesen selbstverliebten Gockel-Kopf zum «Denker» macht.
    Dass de alte Zürcher Tante (NZZ) Alters-Bashing pflegt, war zu erwarten und ist nur logisch: Jetzt in der Krisenzeit, kommt man mit dem alten Anliegen, die Sozialwerke zu schleifen, am besten voran.

  5. Respekt für die Alten? Wofür?
    Dieses Interview ist etwas vom Schlimmsten, was ich je in der NZZ gelesen habe. Es ist pauschalisierend, polemisierend und menschenverachtend und es entwirft ein Zerrbild der Lebensrealität einer ganzen Altersgruppe, das so überhaupt nicht stimmt. Ludwig Hasler beschreibt ein ganz kleines Segment von kaufkräftigen Senioren, das reist und konsumiert, wie es sich die Wirtschaft wünscht, „Silver Agers“. Diese Leute gibt es nicht nur an der Goldküste, wo Hasler lebt, doch das sind nicht „wir Alten“, wie Hasler sagt. Die grosse Masse der Seniorinnen und Senioren lebt nicht so. Die Allermeisten hüten Enkelkinder, setzen sich im Beruf oder in Ehrenämtern ein und leisten einen Grossteil der Freiwilligenarbeit in der Schweiz. Diese Menschen werden im Interview nicht erwähnt, sondern insgesamt mit bösartigen Unterstellungen und pauschalen Vorurteilen über die ganze Altersgruppe zugedeckt. Wo bleibt der Respekt für das Individuum? Schon der Titel des Interviews schliesst einen respektvollen Umgang mit den Alten aus, weil sie ihn nicht verdient hätten. Wofür? Und die grafische Aufmachung der Titelseite setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Der Interviewer führt den Philosophen recht eigentlich vor und verführt ihn mit seinen suggestiven Fragen auf den Pfad des Senioren-Bashings, das wir zur Genüge kennen. Das ist das nicht bloss eine einseitige Darstellung, sondern auch unredlich und unfair gegenüber dem Interviewten. Insgesamt leistet die NZZ mit diesem Magazin einen unrühmlichen Beitrag an die zunehmend spürbare Diskriminierung der Seniorinnen und Senioren.

    • @Rüegg – Ja, das stimmt! Seniorenbashing! Es ist einfach nicht richtig, das man den Senioren einfach nicht gönnt, im Schnitt mehr als 20 Jahre von der Gemeinschaft zu leben! Das ist einfach nicht richtig! Die Generation der Senioren darf auf so vieles stolz sein: Sie hat geschaut, dass der Raubbau an der Natur schon sehr früh aufgehört hat! Sie hat bewirkt, dass wir weg gekommen sind vom Öl und sie hat für Nachhaltigkeit gesorgt! Die Senioren haben sich für diesen Planeten eingesetzt wie nie eine Generation zuvor! Und dass die vielen Kreuzfahrtschiffe voll sein solle mit Senioren, die einfach nur das Leben geniessen, STIMMT EINFACH NICHT!!!

  6. Die Aussagen von Ludwig Hasler sind nach meiner Sicht der Dinge sowohl uninteressant also auch «gemeinplätzig» und wenig philosophisch. Warum immer wieder selbstdarstellerischen «Verkündern neuer Weisheiten» redaktionellen Raum gegeben wird, ist mir unverständlich. Aber der beitrag von Bea Heim ist genauso unnötig, weil wiederum wenig analytisch auf die Sache bezogen, und leider nur polemisch und sehr ideologisch gefärbt LH kommentiert.
    Und: Trotzallen «hysterischen Massnahmen» zum Trotz, zeigen die Zahlen der Gestorbenen ins Verhältnis gesetzt zur Bevölkerung und zu den Todesfällen in früheren Jahren keine wirklich sinifikante» Dramatik», somit: wo ist das Problem? Ich selbst bin im 72igsten und finde die Bezeichung «Risikogruppe» und den Aufruf «zu Hause zu bleiben» eine unerhörte Frechheit! Denn: viel gesünder als ich bin, kann man nicht sein…
    jürg Thurnheer

  7. Guten Tag Frau Heim
    Danke für Ihren Kommentar zu Ludwig Haslers Artikel. Auch mich hat dieser sehr befremdet und ich konnte nicht umhin zu denken, die Zuhörer der 43 verpassten Auftritte Haslers können sich glücklich preisen.
    Freundliche Grüsse
    Barbara Stoecklin

  8. Liebe Frau Heim
    Vielen Dank für Ihre Kolumne. Kurz vor Lockdown, hat eine junge Journalistin der NZZ am Sonntag wütend und pauschal gegen die älteren Menschen geschimpft. Dabei wurden Clichés aufgefahren. Drei Wochen später zitierte ein Volontär vom Tagesanzeiger Aussagen von Ludwig Hasler, (Kreuz-fahrten, Biken, Jungen Zukunft stehlen etc.) Als 67-jährige, arbeitende, Enkel betreuende, ist das frech. Zum Glück sind in der neusten NZZ am Sonntag die differenzierten Meinungen von älteren Menschen gedruckt worden.

  9. https://www.tagesanzeiger.ch/die-schweiz-geht-auf-nur-die-senioren-bleiben-isoliert-592124565676
    So schlimm, auf was Frau Bürgisser (74) alles verzichten muss: das Trainig im Fitnesscenter, das Nähen, Konzerte, Anlässe. Hoffentlich stirbt sie nicht vor Langeweile! Aber zum Glück überwindet sie sich und geht bald zum Coiffeur und zur Pediküre. Dann geht`s gleich wieder beser. Hoffentlich.
    Zum Glück nur steht sie wenigstens unter der warmen Dusche sicherer Renten. Stellen wir uns mal vor, die Senioren müssten um Einkommen, Job und sozialen Abstieg bangen, wie die Berufstätigen. DANN wäre die Welt wirklich in Schieflage!

  10. Und Ludwig Hasler hat doch recht. Nur weil dieser Mann nun zufällig an der Goldküste wohnt, wo halt auch ein gewisser Herr Blocher residiert, und zudem diese Gegend nicht als Stammlande der SP bekannt ist, gilt der Philosoph für Frau Heim bereits als suspekt, ja sie macht ihn. den „Ohrensessel Philosophen“ gar lächerlich.
    Doch bleiben wir bei den Fakten, liebe Frau Heim. Als Rentner mit Jahrgang 1944 darf ich mir erlauben, gewisse Wahrheiten über uns Pensionierte zu äussern, die eigentlich auch Ihnen, Frau Heim, bekannt sein müssten: Wir als Pensionierte belasten unser Gesundheitssystem übermässig, wir beziehen zulasten jüngerer Generationen zu hohe Renten, wir beanspruchen zulasten vieler Familien zu viele Quadratmeter Wohnfläche und treiben dabei die Mieten in die Höhe, wir zahlen als oft durch mehrere Erbgänge Vermögende zu wenig Steuern und gefährden wegen unserer im hohen Alter reduzierten Fahrkünsten die allgemeine Verkehrssicherheit, nebst den auch von Herrn Hasler u.a. erwähnten Versäumnissen in der Klimapolitik.
    Das sind einige Schattenseiten unseres Pensioniertenstandes, die auch nicht trotz der vielen positiven Eigenschaften, auf die wir Rentnerinnen und Rentner stolz sind (vielfältige Freiwilligen- auch generationenübergreifende Familienarbeitende, wichtige Konsumentengruppe, Kulturschaffende etc.) vergessen werden dürfen.

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