FrontKulturKehrtwende in der Krise

Kehrtwende in der Krise

Nachdem Marie Luise Kaschnitz uns mit der Lebenslüge ihrer “Eisbären“-Protagonistin konfrontiert hat (seniorweb vom 25.4.2020, Welche Wahrheit?), verrät uns der Schriftsteller Thomas Bernhard (1931-1989) die wichtigste Entscheidung seines Lebens.

Angeregt durch die momentan besonders aktuelle Frage, ob es richtig ist, inmitten einer Krise die komplett entgegengesetzte Richtung einzuschlagen, übt „Der Keller. Eine Entziehung“, erstmals erschienen 1976, auch bei erneuter Lektüre einen unwiderstehlichen Sog aus.

Gerade mal 16 Jahre alt war Thomas Bernhard, als er frühmorgens auf dem Weg ins Gymnasium beschloss, ab sofort in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Sein erstes Ziel war das Salzburger Arbeitsamt, wo er die Beamtin um eine Adresse für eine Lehrstelle bat. Die Beamtin zögerte, dachte wohl, sie hätte es mit einem momentan verwirrten Pubertierenden zu tun. Der Junge jedoch liess nicht locker, bis sie ihm einen Zettel aushändigte mit einer Adresse in der „entgegengesetzten Richtung“. Herr Podlaha mit seinem Lebensmittelgeschäft im Keller eines dreistöckigen Wohnhauses, war sein künftiger Chef. Nützlich solle er sich machen, beschied er seinem neuen Lehrling ganz ohne Nachdruck. Für Bernhard indessen ein alles erklärendes Stichwort, denn es machte ihm klar, gerade eine „Periode der Nutzlosigkeit, eine Unglücksperiode, eine fürchterliche Epoche“ abgeschlossen zu haben.

Auch dreissig Jahre später, als Thomas Bernhard seine autobiografischen Erinnerungen publizierte, war er überzeugt, damals nur zwei Möglichkeiten gehabt zu haben: Sich umzubringen, wozu ihm der Mut gefehlt hatte, oder das Gymnasium von einem Augenblick auf den anderen zu verlassen.

Der Anfang im Keller der Scherzhauserfeldsiedlung, wo in den Nachkriegsjahren die Verstossenen, Verzweifelten, Kriminellen hausten, war schwer gewesen. Die anstrengende körperliche Arbeit war der Junge nicht gewohnt. Ganze Lastwagen voller Kartoffeln musste er im strömenden Regen abladen, nur mit einer Eisenschaufel ausgerüstet, in das Magazin befördern, von dort herauf und wieder hinunter in den Keller. Gewöhnungsbedürftig waren auch der zu Jähzorn neigende Lehrmeister, ebenso die Bewohner der Siedlung, die tagtäglich ihre Rumflaschen auffüllen liessen, mit Lebensmittelmarken einkauften und vieles angeschrieben werden musste, ohne hinterher die Schulden bezahlen zu können. Dies bereitete dem Heranwachsenden zunächst erhebliche Mühe. Dennoch war er schon bald der festen Überzeugung, das grosse Los gezogen zu haben. Er gewann die Menschen lieb, lernte, mit ihnen auszukommen, sie zu unterstützen, ohne sich ausnehmen zu lassen. Im Keller zu arbeiten und damit jeden Morgen sein Zuhause zu verlassen, war ihm nur allzu recht, denn dort, wo Bernhards Familie zu neunt in einer kleinen Wohnung zusammengepfercht untergebracht war, herrschten furchtbare, zerstörerische Zustände.

Wie sich bald herausstellte, war der Lehrmeister Podlaha ein grosser Musikliebhaber, ein verhinderter Musiker womöglich, wie Bernhard vermutete. In der Festspielzeit erschien er schon am Nachmittag in seinem schwarzen Anzug, damit er nach Geschäftsschluss direkt in das Konzert gehen konnte. Ihm war es wohl zu verdanken, dass sich der Junge nach ein paar Monaten im Keller wieder an die „Musik als eine Existenzmöglichkeit“ erinnerte. Aus seinem Lehrlingslohn bezahlte er fortan die Gesangsstunden, die ihn soweit brachten, anspruchsvolle Partituren zu singen und Konzerte aufzuführen.

Thomas Bernhard hatte als Jugendlicher alles auf eine Karte gesetzt, war sich im entscheidenden Augenblick treu geblieben und hatte sich von niemandem beeinflussen lassen. Was er daraufhin unternahm, geschah freiwillig. Freiwilligkeit, darauf war es ihm angekommen.

Thomas Bernhard: Der Keller. Eine Entziehung. dtv Verlag München, 2011. 120 S.

1 Kommentar

  1. Liebe Dagmar Schifferli
    Herzlichen Dank für diesen Literaturtipp! Diese Anregung nutze ich, «Der Keller» nächstens zu lesen. Bin auch sonst grad viel in meinem Keller – Und entdecke grad angestaubte Schätze. Überhaupt ist es grad eine gute Zeit, sich zu überlegen, in welche Richtung das eigene Leben und Sterben gehen möchte. Auf Ihre nächste Empfehlung freue ich mich!

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