FrontKolumnenRichtig im TV-Bild? Noch nicht!

Richtig im TV-Bild? Noch nicht!

Sie benutzte die letzten Sekunden ihres Gespräch in der Sendung „Sternstunde Philosophie“, um ihrem Ärger Luft zu verschaffen: Carolin Emcke (52), die deutsche Journalistin und studierte Philosophin. Sie meinte sinngemäss: „Ich fühlte mich während des ganzen Gesprächs unwohl, gar gehemmt. Ich musste mich immer auf den PC-Bildschirm konzentrieren, mein Erscheinungsbild war so düster, ich war schlecht ausgeleuchtet, der Ton war oft nicht so präsent.“ Barbara Bleisch, die Moderatorin, ebenso studierte Philosophin und Journalistin, nahm es kommentarlos hin und leitete über zum nächsten Programmpunkt.

Eine halbe Stunde davor war es Harald Welser (62), der deutsche Soziologe und Poltikwissenschaftler, der Barbara Bleisch Red und Antwort zur aktuellen Lage stand. Und siehe da, er war brillant ausgeleuchtet, sass, wie jetzt so viele, vor einer beeindruckenden Bücherwand, vermittelte damit Bildung und Kompetenz und sprach druckfrei, frei von der Leber weg.

Was klar war: Carolin Emcke  wurde über Skype oder Zoom interviewt. Harald Welser, so der Eindruck, war professionell über eine TV-Kamera und über einen Link mit dem Studio in Zürich verbunden. Oder aber, so meine Vermutung, er nahm über eine bereits technisch gut vorbereitete Aufnahme, beziehungsweise Interview-Situation in seiner Wohnung am Gespräch teil. Wohl ausgerüstet mit einem hochtechnisierten PC und einer Web-Kamera, die gut eingestellt, auf einen gut ausgeleuchteten Platz vor der Bücherwand ausgerichtet ist und über eine gute Audio-Ausstattung verfügt. Professionalität zu Hause. Licht und Ton sind bei einer TV-Aufnahme eh das A und O.

Und siehe da: Mit der Corona-Krise werden wir konfrontiert und vertraut gemacht mit einer neuen Form der TV-Berichterstattung, die bei den traditionellen TV-Stationen in die Nachrichten- und Info-Sendungen bis hin zu Philosophie-Gesprächen Einzug hält. Die TV-Sender sparen damit nicht nur Kosten, vermeiden Fahrten mit Aufnahme-Equipen und Ablinkvorrichtungen, sondern auch viel Zeit. Zeitverzugslos können so Menschen in der ganzen Welt interviewt, bei Diskussionen einbezogen werden. Noch steckt diese neue Form der Informationsvermittlung in den Kinderschuhen. Zwar mehrt sich jeden Tag diese Art der Information. Doch die Qualität lässt oft zu wünschen übrig. Zumeist sind die Interviewten überfordert, sind auf sich selbst gestellt, ohne fachliche Betreuung. Ihnen fehlt ein Gegenüber, ihre technischen Ausrüstungen sind zu mangelhaft. Sie sitzen zu sehr im Dunkeln, sind schlecht ausgeleuchtet, wenden sich in der Körperhaltung ab von der Kamera, die meist oberhalb des Bildschirmes ihres PCs installiert ist. Und ganz schlimm ist es oft mit dem Ton bestellt, schlicht zu wenig professionell. Ein abschreckendes Beispiel lieferte die letzte Arena. Daniel Lampart, der Chefökonom der Gewerkschaften, war bei seiner Zuschaltung zeitweise schlicht nicht zu verstehen.

Die Formen der Fernsehinformation haben sich in den Jahrzehnten immer wieder fortentwickelt. Beim Start in den 50iger und frühen 60iger Jahren arbeiteten wir bis 1978-80 ganz konventionell mit dem Film. Wenn wir damals  über einen Parteitag zu berichten hatten, mussten wir jeweils bereits kurz nach Mittag von Bern nach Zürich zurückfahren. Angekommen im Studio, war es der „Süüri-Meier, wie wir ihn liebevoll nannten, der den Film entwickeln musste. Zu dritt sassen wir Journalisten der drei Sprachen mit der Cutterin im Schnittraum und sortierten aus. Sie hängte die gewählten beschrifteten Filmausschnitte an die unzähligen Nägel an einer aufgestellte Dachlatte neben ihrem Schnittplatz. Während dem stritten wir darüber, welche Protagonisten wir in den Filmbeitrag einbauen wollten.

Zu Beginn der 80iger Jahre kam die Erlösung: ENG, electronic news-gathering, hiess das Zauberwort. Bei diesem elektronischen Verfahren konnten die Videobänder umgehend gesichtet, geschnitten, bearbeitet und weit zeitnaher zum Ereignis gesendet werden. Der Übergang war damals unter den ReporterInnen sehr umstritten. Die alten Hasen darunter misstrauten der Qualität. Sie hingen an der „alten“ Filmproduktion. Noch umstrittener war die Einführung des Video-Journalisten. Der Journalist hatte allein auszurücken und auch selbst den Beitrag zu schneiden. Meine meisten Kolleginnen und Kollegen taten sich sehr schwer damit. Noch heute ist der Video-Journalist nicht der begehrteste Job im TV-Business. Etwas später kam die Satellitenberichterstattung, die sogenannte Satellite News Gathering SNG hinzu. Damit können die vor Ort fertiggestellten Berichte über eine Satelliten-Verbindung zum TV-Sender direkt in eine Sendung übertragen werden. Die technischen Möglichkeiten haben sich in den letzten Jahren dazu noch massiv verbessert, die Geräte werden immer handlicher, mobiler. Die zeitverzugslose Berichterstattung wird zur Norm.

Und jetzt kommt die direkte Informationsbeschaffung bei den Protagonisten hinzu. Nur: Die technische Mittel haben die Interviewten selber zur Verfügung zu stellen. Die Einrichtung einer eigenen Aufnahmeecke, eines eigenen „Senders“ ist nicht mehr so weit von der Realität entfernt, will sich der Politiker, will sich die Expertin, der Wissenschaftler, die Künstlerin öffentlich vernehmen lassen. Sie tragen dann auch zur Kostenreduktion bei den Sendern bei. Und wir Zuschauerinnen und Zuschauer bekommen einen Blick in die Intimsphäre der Interviewten geschenkt. Leider ist die Qualität oft noch ganz miserabel. Aber das wird sich ändern, wie das schon immer bei einem Übergang zu einer neuen Technologie der Fall war. Die Corona-Krise forciert die Entwicklung jetzt aber weltweit, die Qualität wird zunehmen.

Immerhin: Durch die noch unzulängliche Qualität wird sichtbar, dass ein professionell geführtes Interview, vor allem auch ein Gespräch, mit einer professionellen Ausrüstung von einem professionellen Kameramann aufgenommen, in der Aussagekraft, in der kommunikativen Wirkung von der neuen Form nicht annährend erreicht werden kann. Zumindest: noch nicht.

2 Kommentare

  1. Danke für die Tipps zu Videokonferenzen. Gerade die Beleuchtung bringt viel. Konnte ich letzte Woche für mehrere Videositzungen des SSR umsetzen.

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