FrontKultur"Die Auswirkungen für uns Künstler sind heftig"

«Die Auswirkungen für uns Künstler sind heftig»

Viele von uns leiden, weil wir derzeit keine Konzerte, Aufführungen und Lesungen besuchen können.  Musiker, Schauspieler und andere Künstler sind von dieser Sperre aber direkt betroffen. Wie erleben sie Corona? Seniorweb sprach mit dem Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart (Bild). 

Keine Darbietungen, kein Applaus, kein Geld. Und eine derzeit kaum planbare Zukunft. Hanspeter Müller-Drossaart ist ein bekanntes Gesicht aus Filmen und auf der Bühne. Auch er musste viele Veranstaltungen absagen und sich neu organisieren.

Wie stark treffen die Corona-Auswirkungen Sie selber?

Hanspeter Müller-Drossaart: Die Auswirkungen sind heftig: 28 Auftritte sind abgesagt worden mit einem Gesamtumsatz von 25’000 Franken. Ein Drittel davon sind Honorare für die technische Betreuung meiner Veranstaltungen. Zum Ausfall gehören Theaterauftritte, Lesungen, Moderationen, Film-Dreharbeiten, Hörspiel-Aufnahmen etc.

Wie leben Sie ohne Applaus?

Der dialogische Live-Austausch mit den Reaktionen der anwesenden Zuschauerinnen und Zuschauern macht ja bekanntlich die zentrale Wesenheit des Theaters aus. Es geht also mehr um das spürbare Hin und Her in dieser Kunstform. Applaus ist dabei zwar eine angenehme Nebenerscheinung. Aber das Haupt-Vakuum bildet aktuell das unterbrochene «Gespräch» zwischen künstlerischem Ausdruck und Rezipienten.

Der Abend ist für Sie Arbeitszeit. Ist Ihr Tagesablauf durcheinandergekommen?

Das kann man wohl sagen! Dafür ist es nun möglich, die konzeptionelle Arbeit an neuen Projekten kontinuierlicher in einen regelmässigen Tagesverlauf zu betreuen, ohne die übliche Lampenfiebrigkeit ab 15 Uhr!

Wie verbringen Sie den Tag? Lesen Sie viel? Studieren Sie neue Rollen ein?

Beinahe in «mönchischer» Regelmässigkeit: Da wir gerade 30 Meter neben einem Kirchturm wohnen, lasse ich mich vom morgendlichen 7-Uhr-Läuten sozusagen zur kreativen «Matutin» wecken. Ab 8 Uhr beginnt der Mix aus Home Office, Entwicklung neuer Projekte, Pflicht-Lektüren (ich bin auch als Juror und Moderator tätig) und Kommunikation mit meinen Arbeitspartnern.

Wie planen Sie dieses Jahr?

Ich versuche, möglichst viele ausgefallene Veranstaltung zu verschieben und für den Herbst mit neuen spannenden Angeboten wieder auftreten zu können.

Doris Dörrie sagte der Süddeutschen Zeitung: «Die wirklich harte und brutale Lektion lautet, dass Künstler nicht als systemrelevant begriffen werden». Ist das auch Ihre Erfahrung?

Ja. So ist es leider! Aber vielleicht entlarvt sich anhand dieser Bewertung der Begriff systemrelevant selber als ein äusserst beschränkender. Gälte es ja nicht in erster Linie, das System zu erhalten, sondern den Menschen in diesem System ein menschlich-umfassendes Leben zu ermöglichen, wobei der künstlerische Ausdruck ein soziales Movens darstellt.

Sie sind auch als Buchautor bekannt. Auf welchen neuen Titel von Ihnen können wir uns freuen?

Viele Gedichte meiner beiden Lyrikbände «zittrigi fäkke» (im Obwaldner Dialekt) und «gredi üüfe» (in Urner Mundart) erscheinen im Herbst, zusammengeführt unter dem Titel «steile Flügel», im Wolfbach-Verlag. Eine hochdeutsche Überschreibung mit parallelen Mundart-Originalen.

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