FrontGesundheitZum guten Leben gehört das gute Sterben

Zum guten Leben gehört das gute Sterben

Die Ärztin Kathryn Schneider-Gurewitsch war zum dritten Mal an Krebs erkrankt. Diesmal gab es keine Heilung. Weil sie sich nicht nur für sich, sondern für alle Kranken ein Lebensende in Würde wünschte, schrieb sie als ihr Vermächtnis das Buch «Reden wir über das Sterben».

Covid-19 – wie lange wohl dauert es, bis wir uns wenigstens fast wie noch Anfang Jahr bewegen können? Ein paar Monate? Ein paar Jahre? Nie wieder, so lange wir hier sind? Wir lesen und hören täglich von der Zahl der neu Infizierten und der Gestorbenen und halten uns – wohl die meisten von uns – ziemlich brav an die Regeln.

Und wir haben die Bilder aus Bergamo auch jetzt noch vor Augen, die Lastwagen, welche die Särge wegbrachten, weil die Krematorien überlastet waren, die nur durch Plastikfolien abgetrennten Betten der schwer Erkrankten, die Intubierten am Atemgerät, das Pflegepersonal am Limit. Das bleibt uns im Kopf haften. Und wir stellen uns vor, wie die Sterbenden selbst in der letzten Stunde ohne ihre Angehörigen bleiben und diese ohne Abschied zu nehmen ihrem Schmerz überlassen werden.

Kathryn Schneider-Gurewitsch (1951-2014) Ärztin und Patientin schrieb ein Buch über das Sterben.

In Kathryn Schneider-Gurewitschs Buch zum guten Sterben geht es nicht um die Pandemie, die Ärztin und zugleich todkranke Krebspatientin stellt ihr Plädoyer für ein Lebensende in Würde der Lebenserhaltung um jeden Preis dank Hightech Medizin ganz grundsätzlich gegenüber. Das Buch kommt trotzdem nicht zur falschen Zeit. Im Gegenteil, das Sterben ist dank Covid-19 ins Blickfeld der Gesellschaft gerückt. Die Autorin hat 1988 die erste Krebsdiagnose bekommen, 2002 folgte eine weitere, und 2009 wurde nochmals Krebskrankheit festgestellt – unheilbar, aber mit geeigneten Therapien und palliativer Pflege kann das Weiterleben bis zum Ende lebenswert sein.

Wie das möglich war, schildert die Autorin selbst, die dank Heilmittel und -methoden, die «dem Krebs immer einen Schritt voraus» waren, und dank Schaffensdrang und Lebensenergie noch beruflich aktiv blieb, bis die Müdigkeit zu gross wurde. Sie ist also keineswegs gegen harte und auch schmerzhafte Therapien, wenn die Aussicht auf Besserung da ist, aber sie wendet sich gegen sinnlose Therapien und unredliche Prognosen. Sterben in Würde und Menschlichkeit scheint in einer Zeit der hochentwickelten Intensivmedizin immer schwieriger zu werden. Die Ärzte sind ausgebildet, Leben zu erhalten, formuliert Kathryn Schneider-Gurewitsch ein grosses Dilemma.

Schon in den ersten Seiten der Einleitung macht die schreibende Ärztin deutlich, worum es ihr geht. Sie erinnert, wie selten wir den Tod heute wirklich nah erleben, beispielsweise wenn die Eltern sterben, und sie hält ein Plädoyer gegen unsinnige Therapien am Lebensende, die oft Leiden verlängern und dem Sterbenden schaden. Das seien «Therapien, die den Menschen um einen guten Tod betrügen.»

Es ist wohl bereits mehr als zwei Jahrzehnte her, dass aus meinem Bekanntenkreis zwei Brüder an Krebs gestorben sind. Den einen, Diagnose Nierenkrebs, versuchten die Ärzte mit allen Mitteln – immer wieder Operationen, Chemotherapie, Strahlentherapie – am Leben zu erhalten, bis er trotz Intensivmedizin starb, den anderen, Diagnose Prostatakrebs, besuchten wir nach einer zu späten Operation bei sich zuhause, wo er seine letzten Wochen verbringen wollte. In den letzten Stunden waren die engsten Angehörigen bei ihm.

Dieses Buch setzt sich für ein würdiges Lebensende ein.

In dem Buch zitiert die Fachfrau, die unter anderem als Psychosomatikerin arbeitete, Studien aus der halben Welt, die ihr Thema untersuchen, dabei werden Geschichten von Kranken, Erfahrungen von ärztlichem Personal und Pflegenden erzählt, denn Kathryn Schneider-Gurewitsch war es ein wichtiges Anliegen, dass das Buch sowohl Fachleute als auch Laien erreichen sollte. Es gibt nicht nur die Nöte der Patienten, sondern auch jene der Ärzte.

Betroffen sind wir alle: Was wünschen sich Todkranke, was wird ihnen zugemutet, unter welchen Bedingungen steht ihr Dasein? Oder auch: Wie wollen Ärzte und Ärztinnen sterben und würden sie sich die zum Teil brutalen Methoden der Lebensverlängerung auf der Intensivstation für sich wünschen? Wie könnte die Kommunikation zwischen Arzt und Patient am Ende des Lebens so verbessert werden, dass sie sich wirklich verstehen? Behandelt werden auch die Patientenverfügung und der assistierte Suizid. Auch die Autorin war bei einer Sterbehilfeorganisation. Die Mitglieder hätten nicht die Absicht, deren Dienste in Anspruch zu nehmen, aber die Mitgliedschaft sei ein Statement, dass man gehen wolle, wenn keine «halbwegs akzeptable Lebensqualität» mehr möglich sei, fasst sie zusammen.

Auch das Bedürfnis der Sterbenden nach Spiritualität – mit oder ohne Religion – wird so besprochen, dass es nachvollziehbar wird. Weiter setzt sie sich mit der Schwierigkeit auseinander, «die Sprache der Sterbenden» zu verstehen und richtig zu deuten. Und sie beschreibt, was Menschen auf dem Weg in den Tod hilft. «Reden wir über das Sterben» beantwortet viele Fragen so authentisch, dass es anspornt, sich mit dem Sterben – dem eigenen und dem der anderen – auseinanderzusetzen. Wer mehr erfahren möchte, findet in den Anmerkungen Hinweise auf Literatur – medizinische, ethische, philosophische psychosoziale – mit weiterführenden Gedanken und Informationen, sowie eine Biographie der Autorin. Der posthum edierte Text wäre nicht vollständig, wenn nicht die einfühlsamen Nachworte von Sohn und Ehemann, sowie von der Assistentin und Vertrauten Marianne Recher und der Herausgeberin Cécile Speitel ihn abrundeten.

Beitragsbild: Sterbender Baum am Bodensee © Steini1962

Kathryn Schneider-Gurewitsch: Reden wir über das Sterben. Vermächtnis einer Ärztin und Patientin. Limmat-Verlag, Zürich 2020.
ISBN 978-3-85791-897-1

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