FrontKolumnen1000 Menschenleben retten - zu welchem Preis?

1000 Menschenleben retten – zu welchem Preis?

Es kommt tatsächlich nicht auf dasselbe heraus, wer die Tabufrage stellt: ein in der Entwicklungshilfe engagierter Arzt oder ein milliardenschwerer russischer Investor, welcher die Kosten des Lockdown gegen die dadurch allenfalls entgangenen Profite aufrechnet.

Der Arzt Antoine Chaix, der für Médecins Sans Frontières mit minimalem Budget in von Bürgerkrieg und Seuchen geplagten Drittweltländern tätig war, musste entscheiden, durch welche Dörfer man eine Cholera-Epidemie ohne Behandlung durchfegen lässt, weil dort weniger Leben zu retten waren als anderswo. Dass er heute Mühe bekundet, die Dimensionen des bundesrätlichen Coronapakets zu akzeptieren, ist nachvollziehbar. Tausende von Betagten monatelang in Alters- und Pflegeheimen einzusperren, die Wirtschaft lahmzulegen und 72 Milliarden Franken zur Linderung der Kollateralschäden bereitzustellen, während es in Afrika an billigen, aber lebensrettenden Medikamenten mangelt – diese Diskrepanz ist in der Tat kaum zu ertragen.

Doch was wäre, wenn im März kein Lockdown entschieden worden wäre? Hätte man überhaupt eine andere Wahl gehabt? Und hätte dies mehr Hilfe für Menschen in Drittweltländern bedeutet? Leider nein, das zeigt das alljährliche Ringen der Politik, wenn es um die Finanzierung der Entwicklungshilfe geht. Aber was man damals schon wusste, angesichts der dramatischen Bilder aus Italien: Ohne Lockdown müssten wir heute sehr viel mehr Tote beklagen, sowohl Junge, Menschen mittleren Alters wie auch Ältere. Die Frage ist daher, was diese Krise für den zukünftigen Umgang mit den Folgen von Covid-19 und späteren Pandemien dieses Ausmasses bedeutet.

Zunächst gilt es festzuhalten, dass die von Journalist Karl Kälin in den AZ-Medien vorgenommene Gegenüberstellung der 72 Milliarden und der vielleicht 1000 Menschenleben, die dadurch gerettet werden konnten, unsachlich ist und sich deshalb nicht eignet, die bundesrätliche Politik zu kritisieren. Als sich das BAG im März schrittweise für den Lockdown entschied, war der Kollaps des schweizerischen Gesundheitssystems mit Hunderttausenden von Toten zu befürchten. Und wie die wirtschaftlichen Kollateralschäden in einem solchen Fall ausgesehen hätten, lässt sich kaum abschätzen.

Was wirklich schiefgelaufen ist, geht auf das Konto politischer Entscheide, die längst vor dem Ausbruch der Krise getroffen wurden und die uns in naher Zukunft noch weitere Ungemach bescheren werden. Die Pandemievorsorge war ungenügend, was besonders durch das Fehlen von Gesichtsmasken offenbar wurde. Langfristig noch gravierender, auch das zeigt die Corona-Krise, dürfte die Auslagerung der Impfstoff- und Medikamentenherstellung sein. Schon heute sind die meisten Impfstoffe nicht mehr lieferbar, und bei der Herstellung von neuen Antibiotika sind wir schon jetzt ganz von ostasiatischen Wirkstoffherstellern abhängig. Man kann nur hoffen, dass die Politik auch aufgrund der Erfahrungen mit Corona nun endlich die längst fälligen Lehren zieht.


Bea Heim, ehem. SP-Nationalrätin, Co-Präsidentin VASOS, Vereinigung aktiver Seniorinnen- und Seniorenorganisationen

3 Kommentare

  1. 2 Männer treffen aich zufällig in Wien auf der Strasse. Der eine klatscht ununterbrochen in die Hände.
    Der andere erstaunt: » Warum klatschen Sie unentwegt in die Hände?»
    «Ich vertreibe Elefanten», entgegnet der erste.
    «Wozu? Hier in Wien gibt es doch keine Elefanten».
    Der erste Mann: » Sehen Sie, es wirkt».
    ( Paul Watzlawick)
    Was, wenn der ganze Lockdown doch so etwas wie das «Vertreiben von Elefanten» gewesen wäre?

    Da wurde, bes. auch von den Mainstream Medien wie Tages- Anzeiger, NZZ etc. viel Angst und Panik verbreitet, kritische Stimmen als » Fake- News» Verbreiter oder gar Verschwörungstheoretiker hingestellt.

    Meine Empfehlung:
    Abonnieren Sie den «Zeitpunkt» von Christoph Pfluger.
    ( natürlich auch ein Verschwörungstheoretiker.????????)

  2. Bitte, Frau Bettschart, lesen Sie den Text von Frau Heim nochmals ganz langsam und konzentriert. Dann werden Sie (vielleicht merken, wie unzutreffend Ihr Kommentar ist. Auch der Verweis auf die unwesentliche Meinung von Herrn Pflüger ist dann hinfällig.

  3. Frau Heim
    es scheint mir wichtig, dass Sie uns Senioren an der Basis so schnelle wie möglich kennen lernen.
    Das «entschleunigte Leben» in der Isolation wurde durch uns, den Vorstand mittels einer Telefonaktion-anstelle der GV vom 21.3.- bei allen Mitgliedern «abgefragt». Die Feedbacks waren nur positiv, nichts von «eingesperrt» usw. Unsere Mitglieder sind z.T. Pensionäre in dern APH`s.
    Es ist auch so unter der Bezeichnung «Vereinigung aktiver Senioren und Seniorinnenorganisationen» habe ich noch nie eine Vertretung/Statuten usw. kennengelernt……
    Es sei festgehalten: noch zahlen wir die Beiträge an den SVNW und KVAVBL,jedoch wozu???
    Freundliche Grüsse:
    Erika Rüegg-Handschin, Präsidentin Senioren Gelterkinden und Umgebung SGuU,www.seniorenguu.ch

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel