FrontKulturMusik in den Höfen von Alters- und Pflegeheimen

Musik in den Höfen von Alters- und Pflegeheimen

Corona hat auch neue Energien freigesetzt. Zum Beispiel bei den beiden Musikerinnen Stefanie Braun und Anne Hinrichsen und dem Musiker Alexander Ponet. Corona hat sie zum Trio «La Serenata» zusammengefügt. Sie treten bis heute in Gärten und Höfen von Altersheimen auf und bringen Musik und Freude. Seniorweb erzählen sie ihre Erlebnisse und Pläne.

Künstler haben es derzeit schwer. Keine Auftritte, kein Publikum. Ihr habt Euer Publikum entdeckt. Woher die Idee?

Anne: Als Corona immer präsenter wurde, war schnell klar, dass die Alterszentren und deren Bewohner diejenigen sein würden, die durch die allgemeine Abschottung und das Kontaktverbot besonders leiden würden. Während sich die jüngere Generation noch mehr durch social media etc. verbindet, fehlen der älteren Generation oft diese Mittel. Besuchsverbote fallen umso stärker ins Gewicht. So war uns schnell klar, dass dies die Menschen sind, denen wir mit unserer Musik eine Freude bereiten wollen.

Stefanie: Das wichtigste ist uns, als Botschafter für Musik und Menschlichkeit unterwegs zu sein, in einer Zeit, in der es für viele ältere Menschen wegen Covid-19 grosse Isolation und Einsamkeit gibt. Wir treten bereits seit Mitte März miteinander auf, konnten mit unserer Musik also durch die ganze Zeit der Besuchsverbote hindurch Menschen berühren, sie erreichen und ihnen zeigen: Ihr seid nicht allein, wie vergessen Euch nicht. Entstanden ist die Idee übrigens bei einem Spaziergang zunächst alleine – das war das einzige, was man noch durfte – und dann genauer gesagt, bei mehreren Spaziergängen.

Alexander: Bewegt hat uns letztlich die drängende Frage «wie können wir in diese Krise mit unserer Kunst die Menschen erreichen, die es am meisten brauchen?». Dann ging alles sehr schnell: die Website, die ersten Konzerte, die ersten Anfragen – und schon waren wir unterwegs mit Musik zu den Menschen in den Altenheimen.

Was bietet Ihr?

Stefanie: Die Idee ist ein kleines, feines, umgekehrtes Balkonkonzert, wie es die Italiener erfunden haben. Wir kommen mit unserer kleinen charmanten Piaggio Ape, die unsere Bühne und unser Transportfahrzeug ist. Wir brauchen nur eine Steckdose, alles andere bringen wir mit. Die Bewohnerinnen und Bewohner bleiben auf ihren Balkonen bzw. in ihren Fensterrahmen in sicherem Abstand. Und kommen in den Genuss eines bunten musikalischen Programms. Mehr noch, sie werden allmählich zu unserem ganz persönlichen Serenata-Chor, da es auch ganz bewusst einige Stücke zum aktiven Mit-Musizieren in unseren Programmen gibt.

Anne: So geben wir unseren Zuhörern die Möglichkeit, für eine halbe Stunde in eine andere Welt abzutauchen. Sie können die Routine des Alltags durchbrechen und sich für die Dauer des Konzertes von der Musik mitreissen lassen. Mitsingen, mitschunkeln, mittanzen, alles ist möglich.

Wie wählt Ihr Euer Repertoire aus?

Alexander: Das Repertoire entsteht eigentlich recht spontan. Nachdem wir verschiedene Stücke ausprobierten – nicht alles ist machbar mit einem Trio – machten wir eine Shortlist. Daraus entstand unser Repertoire. Wir suchen aber immer wieder nach neuen Stücken, die dann ein schönes Programm ergeben.

Anne: Unsere Konzerte beinhalten jeweils eine bunte Mischung aus Oper, Operette, Revue- und Tanzmusik und Jazz. Da ist für jedes Ohr etwas dabei – und auch wir selber haben beim Spielen grossen Spass.

Stefanie: Wir haben die Auswahl ganz speziell auf dieses Format abgestimmt. Und weil wir verschiedene Schlaginstrumente inklusive Vibraphon dabeihaben, ist unser Repertoire wunderbar vielseitig – so gibt es neben den Arien, Liedern auch Ausflüge in den Jazz, lateinamerikanische Rhythmen, sogar einen Charleston haben wir dabei, wo auch die kleine Ape oder ein benachbarter Stuhl oder Baum gern zu einem Instrument werden. Eine Moderation mit kleinen Geschichten und Anekdoten schafft zusätzlich Nähe und Verbindung.

Wie kommt das an?

Stefanie: Schon während wir Musik machen, spüren wir, wie die Musik die Menschen tief im Herzen berührt, wie sie sie erreicht und dieses ganz eigene Glück verbreitet. Die Rückmeldungen, egal ob unmittelbar während des Konzerts seitens der Bewohnerinnen und Bewohner, aber auch im Anschluss seitens der Hausleitung oder der Pflegekräfte, sind überwältigend schön, berührend und machen auch uns sehr glücklich. Gerade wenn wir merken, dass die Zuhörenden auch in eigene Emotionen gehen, entsteht dieses ganz besondere Miteinander. Wir hatten von spontanen Regenschirm-Tanzeinlagen bis hin zu Walzer tanzenden und Taschentücher schwenken Bewohnerinnen und Bewohner viele besondere Momente von Leben und Lebendigkeit.

Alexander: So entsteht ein Miteinander zwischen den Menschen, die zuhören und uns Musikern.

Anne: Für uns ist es eine grosse Freude zu sehen, wie sich unsere Zuhörer auf das Gehörte einlassen, innerlich mitgehen und sich ein Lächeln auf ihre Gesichter zaubert. Wenn uns die Menschen während und nach den Konzerten begeistert von den Balkonen zurufen und winken, ist das immer ein wunderbares Gefühl. Und auch die, die nicht auf dem Balkon sein können und liegen müssen, werden durch das geöffnete Fenster von uns und der Musik erreicht.

Eure Musik berührt Eure Zuhörer. Was berührt Euch?

Stefanie: Eigentlich lässt sich das von der Frage oben schwer trennen… Es ist einfach schön, dass wir in einer Zeit der Krise trotz allem die Möglichkeit haben, gemeinsam mit anderen wunderbaren Musikern Musik zu machen. Dass wird für ein Publikum musizieren können und damit Botschafter für Menschlichkeit werden. Musik passt genau in diese Zeit und lässt uns alle deutlich als die Kraft spüren, die eben nur Musik verbreiten kann. Das berührt bis ins Innerste, die Seele, das Herz.

Alexander: Ich kann das bestätigen. Uns berührt das miteinander Musizieren. Und dass wir mit unserem Auftritt tatsächlich auch die Zuhörer berühren. Das ist das Schönste.

Anne: Neben den herzlichen Reaktionen der Bewohnerinnen und Bewohner gibt schöne Gespräche auf Distanz. Auch die Begegnungen mit der jeweiligen Heimleitung und dem Pflegepersonal haben uns oft sehr berührt. Uns wurde schnell bewusst, dass nicht nur die älteren Menschen ein Bedürfnis nach musikalischer Herzenswärme haben, sondern auch die schwer arbeitenden Pflegerinnen und Pfleger, die in diesen Zeiten ebenfalls ganz besonderen Herausforderungen gegenüberstehen.

Sitzen Eure Zuhörer so nahe, dass Ihr sie sieht? Oder wie geht das, so ganz ohne Augenkontakt ins Publikum?

Anne: Eigentlich haben wir bei diesen Trio-Konzerten viel mehr Kontakt zu unserem Publikum als bei Konzerten in grossen Sälen und Theatern, wie wir sie normalerweise bestreiten. Dort herrscht schon wegen der räumlichen Distanz eine grössere Anonymität, oft begegnet man seinem Publikum gar nicht. Das wird uns nach unseren Serenata-Konzerten sicher erstmal merkwürdig vorkommen. Natürlich halten wir bei La Serenata die nötige Distanz ein, aber der Blickkontakt und die Interaktion ist absolut gegeben.

Alexander: Während ich spiele, habe ich wenig Augenkontakt. Aber unsere Musik hat auch über Distanz ihre Wirkung. Mit Winken und Tanzen entsteht ein Gemeinschaftsgefühl, das sich überträgt.

Stefanie: Dieses Format ermöglicht es uns, trotz der grösseren Entfernung als in vielen normalen klassischen Konzerten spontan zu reagieren. Wir singen und spielen auch einmal ein Geburtstags- Ständchen, wenn es gerade passt. Wir wissen vorher ja nicht, was uns erwartet. Manchmal sind die Balkone weit auseinander und reichen bis in hohe Stockwerke; manchmal sitzen die Bewohnerinnen und Bewohner in Abstand auf einer Terrasse oder in einer Gartenlaube. Sie Situation ist immer wieder anders, auch für uns neu und spannend. Aber es ist immer sehr intim, egal welche räumliche Distanz wir vorfinden.

Seid Ihr ein Corona-Produkt oder musiziertet Ihr schon vorher zusammen?

Stefanie: Wir alle kannten uns vorher, Anne und ich sind schon seit 10 Jahren als Ensemble NordSüd unterwegs, Alexander und Anne kennen sich schon aus der Hochschule Zürich und ich kannte Alexander aus einem Masterstudium. Corona hat uns drei zu La Serenata verbunden.

Alexander: Ja, dieses Trio ist ein Corona-Produkt. Aber wir arbeiten ja auch im Alltag als Musikerinnen und Musiker und kennen uns.

Anne: Es war auch für uns ein absoluter Glücksfall, dass es ausgerechnet uns drei zusammengeführt hat. Denn so ein aussergewöhnliches Projekt, das viel Herzblut, Gestaltungswillen und Hingabe verlangt, kann man wahrlich nicht mit jedem bestreiten.

Wo bucht man Euch? Was kostet ein Auftritt?

Stefanie: Alle unsere Kontaktinformationen findet man auf unserer Website www.laserenata.org. Eine finanzielle Vergütung steht für uns nicht im Vordergrund. Es geht uns darum, in dieser Zeit Musik und Menschlichkeit dorthin zu bringen wo sie am meisten gebraucht wird. Wer möchte, kann uns aber über unser Spendenkonto, das es ebenfalls auf der Website hat, eine Spende zukommen lassen.

Alexander: Wir machen diese Auftritte freiwillig und als Charity. Buchen kann uns jemand über unsere Website.

Anne: Auf unserer Website findet man auch Impressionen unserer bislang fast 40 Auftritte. Ein Konzert von La Serenata kostet nichts, uns war es wichtig, so viele Menschen wie möglich zu erreichen, unabhängig von Budgets.


Wie «La Serenata» entstand und viele Erlebnisse der drei Musiker lesen Sie in der nächsten Ausgabe der Zeitschrift «seniorin», die Ende Juni erscheint.

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