FrontGesundheitReaktanz? Nie gehört!

Reaktanz? Nie gehört!

Reaktanz – den Begriff kennt die Psychologie seit 1966. Ein im Februar 2020 erschienenes Buch erklärt, was er bedeutet und wie man damit umgehen kann.

Der Begriff stammt ursprünglich aus der Elektrotechnik und wird mit Blindwiderstand übersetzt. Wie das funktioniert, werden die Nichtphysikerin und der Nichtphysiker unter uns höchstens ansatzweise verstehen. Jack W. Brehm hat das in die Psychologie übernommene Phänomen 1966 als erster umfassend untersucht. Es geht, kurz formuliert, um unüberlegte Verhaltensreaktionen unter dem Eindruck, kontrolliert oder unter Druck gesetzt zu werden – vielleicht gar unverstandener- oder ungerechterweise.

Carmen Thomas, geb. 1946, die Autorin dieses Buchs, war bis 2006 beim WDR in verschiedenen Sparten beschäftigt. Sie wirkte daneben auch erfolgreich als Coaching in den Bereichen Moderation, gruppendynamische und kreative Verhaltensweisen und -techniken. Zusätzlich aktiv war sie als gelegentliche Universitätsdozentin und schliesslich mit ihrer eigenen ModerationsAkademie für Medien + Wirtschaft Carmen Thomas (bereits 1998 gegründet). Sie wurde im Verlauf ihrer Tätigkeit oft ausgezeichnet. Die wohl intensivste ihrer Sendungen beim WDR war «Hallo Ü-Wagen», eine öffentliche und von verschiedenen Standorten aus gestaltet Mitmach-Sendung (Ü-Wagen bedeutet Übertragungswagen). Gerade dieses Engagement, so entnimmt man dem hier vorliegenden Buch, vermittelte ihr die meisten lebendigen Begegnungen und Rückmeldungen nicht nur von positiver Art. Als intelligenter Mensch ist es ihr gelungen, daraus immer weiter zu lernen und damit auch nach und nach immer vertiefter dem Phänomen der Reaktanz nahe zu kommen.

Das Buch ist, dem spontanen Ersteindruck folgend, sehr lebendig geschrieben, in modernem Duktus, gesprächsnah, mit vielen aus dem Leben ihrer «Ü-Wagen» – Sendungen stammenden Beispielen. Die ausgefallensten Teilnehmer, manchmal die abstrusesten Situationen und viele auf Anhieb unerklärbar und realitätsfern anmutende Vorgänge und Stimmungen liessen sie als verantwortliche Sendeleiterin immer mehr nach Strategemen zur Überwindung vor allem der heikleren Situationen suchen. Die erzählten Szenen im Buch zeugen davon, wie gut es ihr gelungen ist. Nichts riecht nach akademischer Distanz; hin und wieder könnte man das eine oder andere auch als recht «gerade heraus» formuliert bezeichnen.

Damit dient das Buch einerseits als anregendes und hilfreiches Nachschlagewerk für Konferenzleiter und Moderatoren. Anderseits überzeugt es gerade in weiten Teilen als ideale Anleitung für individuell von Reaktanz Betroffenen, mit ihrem Verhalten neue und positivere Wege zu gehen und bei Gesprächspartnerinnen und -partnern in schwierigen Situationen kommunikativ besser anzukommen. Denn mit fortschreitender Auseinandersetzung mit dem beschriebenen Inhalt beim Lesen kann es durchaus sein, dass man aufs Mal bei sich selber Züge entdeckt, die den eigenen früher oft ratlos stimmenden verunglückten Auseinandersetzungen über irgendwelche Widersprüche einen Namen geben. Das ist jetzt eben Reaktanz! So kann es gelingen, solches schon im Ansatz zu erkennen und abzufangen oder, wie es im «Vierten Schlüssel» von Carmen Thomas heisst, «umzunutzen».

«Sieben Schlüssel» – «Sieben Code-Sätze» – «Zehn Tools»

Nebst zahlreichen gruppendynamischen und kreativen Arbeits- und Kommunikationsmethoden in den «Zehn Tools», wie zum Beispiel das dem Brainstorming nachempfundene «1-Minuten-Eskimo», sind für den individuellen Adressaten die klar strukturierten Schlüssel, Code- Sätze und Tools ausserordentlich hilfreich.

«Sieben Schlüssel»:
– «Sieben Code-Sätze» dazu:

Zulassen statt zumachen
– «O.K, ich kümmere mich darum»
Addieren statt konkurrieren
– «Ja – doch wie geht es noch besser?»*
Verwerten statt bewerten
– «Was spricht dafür, was dagegen?»
Umnutzen statt runterputzen
– «Ja, das kläre ich!»
«Interessiert mich» statt «Kenn ich»
– «Ja, das bearbeitet ein Team-Mitglied»*
«Ahhh» statt «Oooh»
– «Ja, ich werde darüber nachdenken»
Kopieren zum Kapieren
– Diese Sätze kopieren, um mögliche Verhaltensänderungen zu verstehen.

* => Persönlich würde ich im zweiten Satz noch anfügen: «Kannst du noch mehr darüber sagen?» und den fünften ersetzen: «Das ist ja recht spannend, was du sagst!»

Beitragsbild: Ausschnitt aus dem Cover

adeo Verlag, Asslar (D); ISBN: 978 386334 249 4
Mehr über Reaktanz in der Psychologie
Carmen Thomas

1 Kommentar

  1. Sehr geehrter Herr Vollenweider,
    was für eine spannende und wertschätzende Rezension haben Sie geschrieben. Wie wichtig ist so ein Außenspiegel für die Autorin.
    Es wäre ein Vergnügen, einmal mit Ihnen zu telefonieren, wenn Sie das mögen.
    Dann wäre schön, einen guten Zeitpunkt zu erfahren und eine Telefonnummer zu bekommen unter Carmen.thomas@moderationsakademie.de
    Mit freundlichen Grüßen
    Carmen Thomas

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