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Armut ist weiblich

Armut ist weiblich. Das gilt erst recht im Alter. Altersarmut trifft vor allem Frauen. Dies ist wohl mit ein Grund, weshalb das Thema gerne verdrängt wird. Doch Altersarmut ist eine blamable Realität. Sie macht Betroffene einsam, oft auch krank. Gäbe es weder Ergänzungsleistungen noch die Krankenversicherung, sähe es für bedürftige SeniorInnen noch viel schlimmer aus.

Andererseits wird allgemein der Kostenanstieg bei den Ergänzungsleistungen und im Gesundheitswesen kritisiert. Schuld daran sei der demografische Wandel, sprich das Alter. Ältere Menschen, so hört man, kosten immer mehr und würden immer zahlreicher – so könne es nicht weitergehen.

Einspruch! Dass wir Menschen älter werden, ist doch eine Chance, wenn auch eine noch wenig entdeckte, für die ganze Gesellschaft. Mit den Kosten allerdings kann es tatsächlich nicht so weiter gehen. Es gilt vielmehr endlich die strukturellen Ursachen des Problems anzugehen. Denn dass die Altersarmut vor allem weiblich geprägt ist, liegt zu einem guten Teil an den ungleichen Chancen der Frauen in der Arbeitswelt. So sind Frauen stärker von Erwerbslosigkeit, tiefen Löhnen und fehlender 2. Säule betroffen. In gut honorierten Führungspositionen sind Frauen in der Minderheit, in prekären Arbeitsverhältnissen hingegen in der Mehrheit – systembedingt. Noch immer mangelt es an bezahlbaren Kindertagesstätten, an Tagesschulen und Infrastrukturen, die es ermöglichen, Beruf und Betreuung älterer kranker Menschen zu vereinbaren.

Das behindert Frauen in ihren berufliche Karrieren, zwingt viele in die Teilzeitarbeit, vornehmlich in Tieflohnbranchen. Generell erfahren weiblich geprägte Berufe weniger Anerkennung, weniger Lohn und weniger Alterssicherung als männlich dominierte. Und so liegen generell die Pensionskassen-Renten bei Frauen 63% tiefer als bei Männern, viele haben nur eine Mini-Rente aus der zweiten Säule oder gar keine. Sie leben einzig von der AHV, die bekanntlich die Lebenskosten nicht deckt.

Dabei ist die Frauenarbeit wahrhaftig systemrelevant! Wer hat in der aktuellen Krise massgeblich dafür gesorgt, dass unsere Gesellschaft weiter funktioniert? Es waren vor allem auch Frauen, die dafür ihre Gesundheit aufs Spiel setzten. Frauen im Detailhandel, im Reinigungsbereich, in der Pflege.

Und welche Konsequenzen ziehen wir daraus? – Die Politik spricht von einer „Corona-Prämie“ – eine nette Geste- mehr aber nicht. Wer ernsthaft etwas gegen die Altersarmut und damit auch gegen die steigenden Kosten bei den Ergänzungsleistungen und im Gesundheitswesen unternehmen will, muss endlich Nägel mit Köpfen machen. Weil die Politik dies noch immer nicht „packt“, mobilisierte der Frauenstreik letztes Jahr Zehntausende. Auch am 14. Juni 2020 wird es wieder Aktionen dieser Art geben – zu Recht!


Bea Heim ist Co-Präsidentin VASOS, Vereinigung Aktiver Senioren- und Selbsthilfeorganisationen der Schweiz

5 Kommentare

  1. Es entspricht den Tatsachen, dass Frauen im Alter ärmer sind, als Männer. Die heutige Altersgeneration 75 + ist jedoch vor allem von einer gewissen Armut, allerdings auf einem doch recht hohen Level, betroffen. Diese Generation wurde grösstenteils noch von den Männern «verwaltet», durfte des Ansehens wegen, keine Arbeit ausser Haus annehmen, hatte sich um den Mann, die Kinder und den Haushalt zu kümmern. Ich gehöre ebenfalls zu dieser Generation, hatte jedoch die Kraft und auch die Ausbildung, mich gegen diese Autoritäten durchzusetzen. Ich habe zudem sehr viele Frauen kennengelernt, die nie das Interesse hatten, sich nebst Haushalt und Kindern, weiterzubilden. In meinem nächsten Wohnumfeld, Frauen aus sog. besseren Kreisen, erlebe ich den Grossteil der Frauen, die ausser etwas Schulfranzösisch, kein Englisch, Italienisch oder gar Spanisch gelernt haben. Wenn diese Frauen ins Alter kommen, , höchstens einen subalternen Job teilzeitig annehmen können, reicht das Geld wirklich nur für das Nötigste. Schweizer Frauen gehen selten zum Sozialamt, somit reicht das Geld nur noch für das Nötigste. Ausländerinnen tun sich diesbezüglich nicht schwer. Die Generation, die pensionskassenpflichtig wurde, kann mit einer Ergänzungsleistung anständig leben.

  2. Den von Vivianne Hablützel geschilderten Tatsachen kann ich zustimmen.
    Inzwischen hat sich zum Glück schon etwas geändert. Die heutigen Frauen werden von ihren Männern oft tatkräftig unterstützt. Sie reduzieren ihren Job, übernehmen den Haushalt, betreuen die Kinder. Zum Teil sorgen jetzt die Frauen für den Lebensunterhalt und der Mann bleibt bei den Kindern, wenn der Lohn der Frau höher ist oder er selbständig ist und zu Hause arbeiten kann.
    Auf jeden Fall haben qualifizierte Frauen es immer noch schwerer, im Job aufzusteigen.
    Ob der Idealzustand für alle Frauen oder auch alle Männer je erreicht ist?

  3. Bea Heim nennt Zahlen selektiv (Pensionskassen-Renten bei Frauen 63% tiefer als bei Männern) bleibt aber unverbindlich-alarmierend andernorts (viele haben nur eine Mini-Rente aus der zweiten Säule oder gar keine). Und was ist denn mit den Ergänzungsleistungen? Soll man sie abschaffen, damit der Text stimmt? (Sie leben einzig von der AHV, die bekanntlich die Lebenskosten nicht deckt). Ich wünsche mir von einer ehem. Nationalrätin, Sozialpolitikerin und mehrfachen Co-Präsidentin nationaler und bundessubventionierter Seniorenverbände, die auch die Männer zu vertreten haben, mehr Objektivität und konkrete, realistische Lösungsvorschläge anstelle eines erneuten Streikaufrufes. Das Problem der Altersarmut ist zu ernst. Es ist nicht einfach weiblich oder männlich. Es geht immer um persönlich betroffene Menschen, manchmal (etwas) mitschuldig, manchmal vom Schicksal verfolgt.

  4. Guten Tag
    Ich gehe mit Herrn Haudenschild einig und schlage vor, dass der Schweiz. Senioren Rat sich diesem Thema annimmt.
    Freundliche Grüsse
    Prof. Jörg Conrad
    Erstzdel. SSR

  5. Dass Seniorinnen stark von Armut betroffen sind, zeigen zahlreiche Untersuchungen und hoffentlich auch eigene Beobachtungen in der Gemeinde und im Bekanntenkreis. Bea Heim hat auf die verschiedenen Ursachen richtig hingewiesen. Sie ist Copräsidentin des Schweizerischen Seniorenrates (SSR), der am 5.11.2019 eine Tagung zum Thema Altersarmut durchgeführt hat mit einem vielbeachteten Referat von Prof. Knoepfel. Dass die EL oft nicht reichen, ist ebenfalls bekannt, Stichwort lange nicht angepasste Mietzinsbeiträge. Hingegen ist unklar, was der Hinweis auf bundesubventionierte Seniorenverbände von Haudenschild soll. Er selber ist im SSR Kassier und bezieht wie alle Delegierten Spesenentschädigungen und Sitzungsgelder. Der SSR ist übrigens kein Ersatz für den Einsitz ins Bundesparlament, sondern eine Hilfsorganisation finanziert aus AHV-Geldern mit dem Auftrag, sich auf Bundesebene für vulnerable alte Menschen einzusetzen. Und genau dies tut Bea Heim. Wenn sie als zusätzliches Mittel auf eine Aktion hinweist, so gehört dies zur Meinungsfreiheit genauso wie die persönlich gefärbte Ablehnung von Haudenschild.

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