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Leiden einer Mutter

Die peruanische Filmemacherin Melina León erzählt in «Canción sin nombre» die Geschichte eines Säuglingsraubes in Lima, die formal an den italienischen Neorealismus und an Kafka erinnert: ein Meisterwerk in Schwarzweiss. – Ab 2. Juli im Kino.

Mit historischen TV-Bildern informiert der Film einleitend über die Situation in Peru während der politischen Krise der 1980er Jahre. Dann beginnt der nach einem verbürgten Fall gedrehte Spielfilm «Canción sin nombre»: Ruhig und still führen die Regisseurin Melina León und ihr Kameramann Inti Briones mit seinen dunklen, teils unscharfen, teils verlangsamten Schwarzweiss-Bildern im fast quadratischen alten Filmformat von Szene zu Szene und von Bild zu Bild uns ein in die sich entwickelnde und vervollständigende Geschichte. Eine Story, die wohl bei allen Beteiligten aus dem Herzen kam und beim Publikum ans Herz gehen dürfte. «Canción sin nombre» ist ein Aufschrei angesichts des Elends und der Verzweiflung der Mutter und des Chaos und der Korruption, die im Land herrschen; «Lied ohne Namen» steht am Schluss aber auch für ein neues Ja zum Kind und zum Leben.

Die Schwangere hört am Radio von einem kostenlosen Klinikaufenthalt

Georgina und Leo, ein junges Indio-Paar, erwarten ihr erstes Kind. Sie leben auf dem Armenhügel der Hauptstadt und halten sich mit Hilfsarbeiten knapp über Wasser. Im Land spitzt sich der Konflikt mit Guerillaorganisationen zu. Hochschwanger hört Georgina beim Kartoffeln Verkaufen auf dem Markt die Werbung einer Klinik, die kostenlose Voruntersuchung und Entbindung für schwangere Frauen anbietet. Sie sucht diese auf und bringt dort kurz danach eine Tochter zur Welt, doch zu sehen bekommt sie sie nie. Unter fadenscheinigen Vorwänden wird sie auf den kommenden Tag vertröstet, doch als sie zurückkommt, ist die Klinik verschwunden. Das Paar geht zur Polizei, kämpft sich von Schalter zu Schalter durch, bis hinauf zum architektonisch imposanten, Furcht einflössenden Justizpalast von Lima, um dort Anzeige zu erstatten, stolpert dabei über formale Hürden und wird nicht ernst genommen. Nichts geschieht.

Ohnmacht treibt Georgina auf die Redaktion einer Zeitung, wo der feinfühlige Journalist Pedro Campos sich ihres Falles annimmt. Er lebt in der elterlichen Wohnung und lernt eines Tages im Treppenhaus Isa kennen, einen kubanischen Freigeist. Zwischen dem Theatermacher und dem Journalisten bahnt sich eine Liaison an, die jedoch unter allen Umständen geheim bleiben muss. Der Ehemann Leo wird in der Zwischenzeit von Mitgliedern der Guerillatruppe «Sendero Luminoso» überzeugt, sich ihnen anzuschliessen, und beginnt, bei Massakern mitzuwirken, auch gegen die eigene Gemeinschaft. Pedro stösst im Laufe seiner Ermittlungen auf eine Spur, die ihn nach Iquitos in den Regenwald führt. Eine gefährliche, nebulöse Mission, bei der er jedoch genug in Erfahrung bringt, um die Sache publik zu machen.

Die «Sendero Luminoso», die im Hintergrund der Filmhandlung agiert, entstand in den 1960er Jahren aus der Studentenbewegung, deren Ideologie auf marxistischen, leninistischen und maoistischen Tendenzen fusste. Ihre Guerillaaktivitäten lösten in den 1980er Jahren bürgerkriegsähnliche Konflikte aus, die mehr als 50’000 Menschenleben forderten.

Pedro deckt mit weiteren Recherchen auf, dass die aus jener ominösen Geburtsklinik entführten Kinder ins Ausland verkauft werden und wer die ausführenden Personen sind. Diese dienen der Justiz jedoch bloss als Bauernopfer. Beim Versuch, die wahren Drahtzieher hinter dem Kinderhandel zu finden und die Kinder zurückzuholen, prallt Pedro gegen eine unüberwindbare Mauer. Denn hohe Beamte und Regierungsmitglieder stecken dahinter. «Wenn solche Dinge passieren, dann deshalb, weil die Ureinwohner als Wesen ohne Rechte und ohne Zukunft vollständig entmenschlicht werden», meint die Autorin zu den Zuständen hinter ihrer Geschichte.

Der Weg zu den Armenvierteln ist lang und beschwerlich

Die intime, gelegentlich bedrückende Stille des Films macht betroffen, wühlt auf, und wir werden wütend oder ohnmächtig angesichts des Unrechts, das Georgina erleidet. Sie hat, wie wohl jede schwangere Frau, während der neun Monate zu ihrem werdenden Kind eine Beziehung aufgebaut – die brutal zerstört wird. Im Kern trifft der Film einen allgemein verständlichen, tief menschlichen Schmerz.

Film-Kenner/-innen entdecken bezüglich Stimmung und Inhalt von «Canción sin nombre» vielleicht eine gewisse Verwandtschaft mit Filmen des italienischen Neorealismus, etwa mit «Ladri di biciclette» von Vittorio de Sica aus dem Jahre 1948. Beide Filme gleichen sich in ihrer Haltung, vertreten den gleichen Humanismus, in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts der eine in Italien und in den achtziger unserer Zeit der andere in Peru.

Literatur-Kenner/-innen erinnern sich bei den Szenen der Suche nach Hilfe bei den Institutionen, der Polizei, der Justiz und den Medien vielleicht an Szenen aus dem «Prozess» von Franz Kafka. Es gibt zu denken, dass der Dichter des absurden Wartens schon vor bald hundert Jahren in seiner Parabel formuliert hat, was in unserer Zeit in der Wirklichkeit respektive in einem Film darüber geschehen ist – abgewandelt wohl täglich geschieht.

Diese Hinweise sollen die Einmaligkeit und Eigenständigkeit des Werkes von Melina León nicht schmälern, im Gegenteil. Sie zeigen, dass die Künstlerin zur Schar derer gehört, die mit den Mitteln des Films versuchen, unsere Welt ein klein wenig besser zu machen. Mit der Protagonistin Pamela Mendoza und ihrem intensiven Spiel, das erschüttert und aufweckt; mit dem Kameramann Inti Briones und seinen gelegentlich kaum lesbaren, gelegentlich vieldeutigen Bildern; mit dem sorgfältigen Drehbuch und der klug eingesetzten Montage; mit der Musik von Pauchi Sasaki, die kontrapunktisch die Handlung begleitet.


Die Regisseurin

Melina León, 1988 geboren, ist eine peruanische Regisseurin, die zwischen Lima und New York pendelt. Nach Abschluss ihres Masterstudiums in Filmwissenschaften an der Columbia University realisierte sie den Kurzfilm «El paraíso de Lili», der am New Yorker Filmfestival uraufgeführt wurde und anschliessend elf Preise an mehr als zwanzig internationalen Festivals gewann, darunter den Preis für den besten Lateinamerikanischen Film am Internationalen Kurzfilmfestival von Sao Paulo. «Canción sin nombre» ist ihr Debütfilm, der 2019 als erster aus Peru nach Cannes eingeladen und für die Goldene Kamera nominiert wurde. Er basiert auf Fakten eines Kinderraubes, über den Melinas Vater Ismael León 1981 in der Zeitung «La República» berichtet hatte. 

Gespräch mit der Regisseurin Melina León PDF

Regie: Melina León, Produktion: 2019, Länge: 97 min, Verleih: trigon-film

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