Waldleben

«Der Förster» heisst der Titel des neuen Buches von Andreas Iten. Leserinnen und Leser von Seniorweb kennen den Autor als Kolumnisten. Dass er sich auch in der Forstwirtschaft bestens auskennt, das erstaunte mich hingegen.

Ein Satz stach mir beim Autorenporträt besonders ins Auge. Nebst der Aufzählung seiner verschiedenen Engagements und Ämter als Gemeindepräsident von Unterägeri, Regierungsrat des Kantons Zug, Ständerat des Kantons Zug,heisst es da: «Andreas Iten war zudem acht Jahre lang Vorsteher des Forst- und Fischereiamtes des Kantons Zug». Daher stammt also die Sachkunde, mit der Leserinnen und Leser mit der Lebenswelt Wald vertraut gemacht werden.

Erinnerungen

Wer sich ins Buch vertieft, lernt viel über den Wald, die Bedingungen seines Gedeihens, seines Überlebens. Natürlich begegnet uns auch der Borkenkäfer, das «Waldsterben», der wütende Orkan «Lothar» mit seinen verheerenden Auswirkungen.

Bei mir weckte das Buch bei der Lektüre Erinnerungen an Spiele im Wald während der Primarschulzeit. An die Session über das «Waldsterben» im Nationalrat. Damals prägte sich mir allerdings weniger das Thema ein als die Erinnerung an die Souveränität, mit der meine erfahrene Kollegin Elisabeth Blunschy-Steiner diese spezielle Woche präsidierte und durch die vielfältigen parlamentarischen Vorstösse zum Thema führte.

Eine leise Wehmut überflog mich auch beim Lesen des Buches. Habe ich doch als «Stadtkind» eine intensive Beziehung zum Wald, zu seinen Gezeiten, seinem Werden und Vergehen in langen Zeiträumen offensichtlich verpasst. Vielleicht schaffen Bücher über den Wald einen ganz kleinen Ausgleich.

Das Leben eines Försters

Den roten Faden durch den Roman bildet das Leben des Försters Balz Regli. Wir erleben ihn in seiner angestammten grossen Familie, sehen ihn aufwachsen, begleiten ihn auf dem Schulweg, eine Stunde den Berg hinunter, anderthalb Stunden wieder hinauf zum elterlichen Hof. Wir lernen die Eltern und die Geschwister kennen. Wir begegnen dem erwachsenen Mann, erleben seine Begegnungen mit Frauen und erfahren viel über den Berufsmann, den Förster.

Durch die ausführliche Schilderung von Waldbegehungen, von Gesprächen über den Wald, erfahren auch die Leserinnen und Leser viel über «Altholzinseln», über «Totholz,» über die Gestaltung von Waldrändern, und ganz grundlegend, über die verschiedenen Funktionen des Waldes.

«Ich versuche, den Wald, der mir anvertraut ist, zu verändern» sagt einmal Balz während einer Waldbesichtigung zu seinem Freund Kaspar. «Er soll naturnah werden. Ich lasse aber die natürliche Dynamik des Wachstums zu. Wo der enge Fichtenbestand keine Keimlinge von Laubbäumen duldet, greife ich ein». Und auf die Frage des Freundes, wie er das bewerkstellige, antwortet er: «Immer, wenn ich reife Bäume schlage, entsteht eine Art Nest, eine Lücke, die ich mit Laubbäumen besetze». Dabei stütze er sich auf seine Erfahrung aber auch auf die Ergebnisse der Waldforschung.

Waldroman und Lebensbuch

Natürlich ist das Buch von Andreas Iten ein «Waldroman», wie auf dem Buchdeckel angegeben. Es ist aber auch ein Lebensbuch, ein Weisheitsbuch, ein Buch über das Ringen, Kämpfen, Suchen und Finden in einem wechselvollen Leben. Das Lesen könnte man mit einem Waldspaziergang vergleichen. Nicht immer auf vorgegebenen Pfaden, immer wieder mit überraschenden Einblicken und Erkenntnissen.

Der Schluss des Romans überrascht. Dazu möchte ich nur sagen: Wald ist überall. Aber nie ist Wald gleich Wald!

Andreas Iten: «Der Förster. Ein Waldroman». 2020 Bucher-Verlag, Hohenems-Vaduz-München-Zürich. ISBN 978-3-99018-547-6

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