FrontGesellschaftViele werden im Alter sehr aktiv

Viele werden im Alter sehr aktiv

«Es gibt jetzt mehr Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer 65plus, die Arbeitsplätze anbieten.» Das sagt Prof. François Höpflinger (Bild) im Gespräch mit Seniorweb.  

Im Rahmen einer Tagung des CAS Gerontologie sprach Prof. François Höpflinger zum Thema «Soziodemographische Entwicklung des Alterns – Auswirkungen auf individuelle Lebensläufe von Frauen und Männern». Am Rande der Tagung führte Beat Steiger ein Interview mit Prof. Höpflinger:

Prof. Höpflinger, Sie nennen das «dritte Lebensalter» das «gesunde Rentenalter». Was bezwecken Sie mit dieser Begriffsverschiebung?

Prof. François Höpflinger: Es ist eben so, dass in der Schweiz überraschend viele der 65-74-Jährigen sich gesund fühlen, nämlich über 80%. Da entstehen nachberuflich natürlich neue Möglichkeiten. Es ist eine neue Lebensphase entstanden, die neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Erstmals in der Geschichte der Menschheit können Frauen und Männer nach ihrem Berufsleben von einer langen ‚freien Lebenszeit‘ profitieren.

Sie sagen in Ihrem Artikel «Soziodemografische Entwicklungen des Alterns – Auswirkungen auf Lebensläufe von Frauen und Männern», das gesunde Rentenalter sei noch «weitgehend unbestimmt und konturlos». Ergeben sich daraus nicht enorme kreative Möglichkeiten, so dass diese Phase zu einer der spannendsten im Leben eines Menschen werden kann?

Ja, es ist eine Phase, die sich erst entwickelt. Man hat entdeckt, dass man frei ist, eine späte Freiheit geniessen kann, dass man nicht mehr arbeiten muss und wirtschaftlich mehr oder weniger abgesichert ist. Die Auswahl der Tätigkeiten ist enorm, vielleicht noch grösser als vor der Berufswahl. Bei der ersten Berufswahl muss man gute Schulnoten haben, in der nachberuflichen Phase ist man so frei, dass mehr Menschen dafür individuelle Beratung brauchen. Benevol in Basel beispielsweise bietet individuelle Beratung für Seniorinnen und Senioren an. Die neu gewonnene Phase ist in dem Sinne konturlos, dass noch nicht ganz klar ist, in welche Richtung die Aktivitäten gehen. Man weiss, dass es gut ist, aktiv zu sein und sich gut zu ernähren, aber aktiv zu sein, ist zunächst inhaltsleer. Oder geht es in die Richtung Produktivität, dass die Pensionierten produktiv und kreativ etwas leisten? Es ist noch offen. Was jetzt angepriesen wird, ist Freiwilligenarbeit, aber das ist auch ein sehr weites Feld. Die Leute können alles machen, sich selbst verwirklichen, mit andern Worten, es ist ein neuer Kontinent, den es noch zu entdecken gilt.

Im gleichen Artikel schreiben Sie, dass der demografischen Alterung keine gesellschaftliche Alterung entspreche. Ist die Rede von der «Überalterung der Gesellschaft» nur Panikmache?

Demographische Entwicklungen sind immer Projektionsflächen für zukunftspessimistische Strömungen. Das hat man bei der «Fremdenangst» gesehen, der sogenannten «Überfremdung» oder die Abwanderung aus den Berggebieten wurde zur «Entvölkerung» hochstilisiert, dann diente eben die «Überalterung» dazu, mit kulturpessimistischen Trends die Stimmung  zu verbreiten, es gehe bergab mit der Gesellschaft und früher sei es besser gewesen. Es ist nicht unbedingt eine Panikmache, aber oft gehen demographische Szenarien eine Allianz ein mit kulturpessimistischen Strömungen.

Die Angst vor der demographischen Alterung ist älter als die AHV, wie obige Illustration aus dem Jahre 1941 zeigt. Quelle: Albert Studer-Auer, Die Offensive des Lebens, Bern 1941. 

Zur Bewältigung der demographischen Herausforderung fordern Sie «eine vermehrte soziale Nutzung der (wachsenden) Kompetenzen gesunder älterer Menschen». Was heisst dies für eine nachhaltige Alters- und Gesellschaftspolitik?

Es hat sich gezeigt, dass sich sehr viele Leute nach der Pensionierung zunächst erholen und nicht zu früh in soziale Engagements einsteigen wollen. Aber viele werden im Alter sehr aktiv. Die Freiwilligenarbeit bei den Seniorinnen und Senioren nimmt zu im Unterschied zu den Berufstätigen, wie der Freiwilligenmonitor 2019 gezeigt hat. Es ist auch wichtig, neue Formen der Freiwilligenarbeit zu schaffen, etwa mit Zeitgutschriftensystemen wie in St. Gallen. Nachbarschaftshilfe und Quartierarbeit werden in letzter Zeit wichtiger genommen. Der Freiwilligenmonitor 2019 hat auch zutage gefördert, dass Menschen über 70 die grosszügigsten Spender für soziale Zwecke sind. Zudem leisten sie als Grosseltern bekanntlich äussert wertvolle Betreuungsarbeit. Es gibt auch Projekte, die ohne Ältere nicht funktionieren würden, wie etwa der Rotkreuz-Fahrdienst, der während des Corona-Lockdowns in Schwierigkeiten geriet, weil über 65-Jährige zur «Risikogruppe» definiert wurden. Als neuer Trend ist sichtbar, dass Leute über 65 ein neues Geschäft eröffnen, es gibt jetzt mehr Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer 65plus, die Arbeitsplätze anbieten. Sie können im Unterschied zu Jüngeren etwa Restaurants oder Buchläden vor Konkursen retten, weil sie weniger finanzielle Mittel brauchen und mehr Zeit investieren können, da sie mit der AHV einigermassen abgesichert sind. Im Klimabereich, im Naturschutz, im Denkmalschutz, bei Generationenprojekten ergibt sich zudem eine intergenerationelle Verbundenheit, indem Ältere merken, dass sie sich für eine gute Zukunft der jüngeren Generationen einsetzen können.


Prof. Dr. François Höpflinger (geb. 1948) ist emeritierter Professor für Soziologie und Mitglied der akademischen Leitungsgruppe des Zentrums für Gerontologie der Uni Zürich.

1 Kommentar

  1. Für mich ist es nicht logisch, als Rentner noch zu arbeiten. Ich genieße meine Freiheit, kann meinen Alltag ganz nach meinen Bedürfnissen gestalten. Ich gehe spazieren, schreibe Geschichten, spiele Klavier, lese, koche – mein Lebensabend ist einfach rundherum schön.

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