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Der Maestro im Schatten

Herbert von Karajan, raumgreifend dirigierend, die Pianistin Martha Argerich in sich versunken kurz vor einem Auftritt, Otto Klemperer, Isaac Stern, Mstislav Rostropovich, David Zinman – er hatte sie alle vor seiner Kameralinse: Klaus Hennch, viele Jahre lang der Hausfotograf der Zürcher Tonhalle. Eine Ausstellung im Stadtarchiv Zürich erinnert an diesen Mann, einen Maestro seines Fachs.

Es ist nicht die Zeit der grossen Vernissagen. Deshalb fand die Eröffnung der Ausstellung «Highlights im Konzertsaal» im Stadtarchiv Zürich am Neumarkt vor kleinem Publikum statt. Und zu sehen ist auch nur ein kleiner Teil des riesigen Fundus an Fotografien aus dem Nachlass von Klaus Hennch (1924-2005). Unzählige Kisten hätten sie durchgekämmt, unzählige Aufnahmen geprüft, ausgewählt und oft wieder verworfen, erzählen die beiden Musikwissenschaftlerinnen Verena Naegele und Sibylle Ehrismann vom Ausstellungsbüro Artes, Rombach. Zusammen mit dem Grafikatelier Stellwerkost, Rapperswil-Jona, konzipierten sie anhand des Schaffens des Fotografen Hennch eine kleine, aber feine Rückblende auf vergangene Glanzzeiten der Tonhalle.

Mittels stilisierten Kameraattrapen sind eine Vielzahl von Fotos digital erfasst.

Musik – und Musiker – zu fotografieren, ist keine einfache Sache. Wie soll die Dynamik eines Musikstücks, das Charisma eines Dirigenten, die Faszination, die von einem Orchester auf das Publikum überspringt, in einem Bild festgehalten werden? Klaus Hennch konnte es. Nicht nur, weil Musik seine Leidenschaft, auch, weil er ein Teil des Ganzen war. Er sei ein Künstler-Fotograf, der Musik fotografisch zum Ausdruck bringen könne, schrieb sinngemäss der Dirigent Rafael Kubelik. Er arbeite am liebsten diskret im Schatten, um so unbeobachtet, «mit restloser Begeisterung und Hingabe Musik zu fotografieren», führte Hennch einmal selber aus.

Und er war immer dabei: Bei den Proben, in den Garderoben kurz vor einem Auftritt, im Konzertsaal und dann wieder backstage nach einem Konzert, wenn die Stimmung gelöst, manchmal ausgelassen war. Genau nach diesem Modus ist auch der Ausstellungsablauf konzipiert. Mit kleinen witzigen Einschüben, gestalterischem Augenzwinkern sozusagen.

Einzigartige Momente, festgehalten von Klaus Hennch. (Bilder Stellwerkost)

Hennch muss wirklich unsichtbar gearbeitet haben. Da sind keine gestellten Aufnahmen, sondern flüchtige, manchmal intime Augenblicke – authentische, starke Bilder, die wertvolle Momente festhalten. Musik zu fotografieren, das Klingen und Schwingen in ein Bild zu übersetzen, ist eine Aufgabe, der wenige Fotografen gerecht werden. Zumal sich die «Maestros», die grossen Dirigenten, die Solisten und Solistinnen, nicht gerne durch das Klicken der Kameras und noch weniger durch Blitzlichter stören lassen wollen. Herbert von Karajan soll einen Fotografen einmal gar geohrfeigthaben.

Hennch aber wahrte stets respektvolle Distanz und so gelangen ihm Bilder, die es auf Titelseiten von Musik- und Programmzeitschriften und auf Covers von Schallplatten schafften – und bei älteren Betrachtern immer noch ein Dejà vu- Erlebnis hervorrufen. Karajans raumgreifende Gestik, Klemperers Dominanz, Kubeliks völlige Hingabe an die Musik – alles ist festgehalten. In schwarz-weiss, ohne zusätzliche Scheinwerfer oder sogar – bewahre – Blitzlicht, dafür mit einem feinen Gespür für den richtigen Moment, für Licht und Schatten und den dramatischen Augenblick.

Die kleine, sehr stimmig gestaltete Werkschau im Erdgeschoss des Stadtarchivs ist bis 24. Dezember während der Bürozeiten zu sehen.

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