FrontKulturEine Kunstsammlung wieder entdecken

Eine Kunstsammlung wieder entdecken

Die Winterthurer Kunstsammler gehörten zu den Pionieren moderner Kunst. Das Kunst Museum Winterthur widmet sich mit der Ausstellung «Modernité – Renoir, Bonnard, Vallotton» der weitgehend vergessenen Sammlung Richard Bühler.

Während in Europa der Erste Weltkrieg tobte, wurde in Winterthur 1916 der Neubau des Kunstmuseums mit moderner französischer Kunst eröffnet. Diese hatte sich gegen die deutsche Malerei im Winterthurer Kunstverein durchgesetzt, nach intensiven Auseinandersetzungen um die Ausrichtung der Kunst. Einer, der sich für die Kunst aus Paris einsetzte, war der Winterthurer Sammler und Mäzen E. Richard Bühler (1879-1967). Er gehörte zu den wichtigsten Sammlerpersönlichkeiten der Schweiz zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch anders als die Sammlungen von Oskar Reinhart und des Ehepaars Hahnlosers geriet seine in Vergessenheit, da sie wegen der Wirtschaftskrise in den 1930er Jahre versteigert werden musste.

Giovanni Giacometti, Bildnis E. Richard Bühler im Segelboot, 1911, Sammlung Stiefel, Zürich.

Richard Bühler war Textilfabrikant und führte zusammen mit seinem Bruder die elterliche Spinnerei weiter. Kunst, insbesondere die Malerei, war seine ausserberufliche Passion. Durch den in Paris lebenden Winterthurer Maler Carl Montag lernte er die französische Kunst kennen. 1907 wurde er in den Vorstand des Winterthurer Kunstvereins gewählt und amtierte von 1913 bis 1939 als Präsident. Er war auch in weiteren Kunst Institutionen tätig, organisierte Ausstellungen, war treibende Kraft beim Bau des Kunstmuseums in Winterthur und bedachte das neue Haus mit grosszügigen Schenkungen.Pierre Bonnard, Prunes et raisins, um 1907-1908. Kunst Museum Winterthur.

Mit der Wahl Bühlers in den Kunstverein, zusammen mit Arthur Hahnloser, dem Ehemann seiner Cousine Hedy Hahnloser-Bühler – Frauen war der Zutritt zum Verein verwehrt – und weiteren Winterthurer Persönlichkeiten kam es im Vorstand zu einer radikalen Erneuerung. Die alte Garde musste einer jüngeren Generation weichen, was in der Öffentlichkeit wie eine Palastrevolution wirkte. Bühler prägte mit seinem Engagement nicht nur die Sammlung des Kunstvereins Winterthur, sondern leitete einen allgemeinen Wandel des Kunstgeschmacks in der Schweiz ein.

Edouard Vuillard, Le bateau de pêche, 1908. Kunst Museum Winterthur.

Präsentiert werden in der Winterthurer Ausstellung Gemälde der Künstlergruppe Nabis um Félix Vallotton und Pierre Bonnard – Bühlers Lieblingsmaler – auch Edouard Vuillard sowie die Fauves Albert Marquet und Henri Manguin. Von den Vertretern der Schweizer Moderne unterstützte der Sammler Ferdinand Hodler und Giovanni Giacometti, mit dem er befreundet war. Das Bildnis im Segelboot von 1911 malte Giacometti von sich aus, nach einem gemeinsamen Ausflug auf dem Silsersee; Bühler kaufte es ihm ab. Der Mäzen und begeisterte Segler liess sich am Silsersee vom Architekten des Kunstmuseums Winterthur ein Ferienhaus erbauen.

Félix Vallotton, Nu couché au tapis rouge, 1909. Petit Palais, Genf.

Carl Montag hatte Richard Bühler in Paris mit der aktuellen Kunstszene bekannt gemacht. Picassos Kubismus liess ihn kalt im Gegensatz zu Pierre-Auguste Renoir, dessen aufgelöste Farbigkeit in Akten, Stillleben und Landschaften für ihn ein Inbegriff der französischen Moderne war und Bonnards Farbigkeit vorausnahm. Das andere Ideal sah er im Realismus Vallottons, dessen Aktdarstellungen damals nicht nur in Winterthur Proteste auslösten. Vallotton wurde ein Freund der Familie Bühler und malte deren Porträts, die er isoliert und sachlich ohne Intimität darstellte, was vom Publikum als schroff und hart beurteilt wurde. Alle Werkphasen und Bildthemen Vallottons waren in Bühlers Sammlung repräsentiert.

Auguste Rodin, Hanako, 1906-1911, Gipsbüste einer japanischen Schauspielerin mit eindringlicher Mimik. Privatbesitz. Foto: rv

Richard Bühler hat wie Hahnlosers das Sammeln von Kunst nie als reine Privatangelegenheit betrachtet, sondern es sich zur Aufgabe gemacht, die Öffentlichkeit an den eigenen Kunsterfahrungen teilhaben zu lassen. In ihrer Sammeltätigkeit sprachen sie sich regelmässig ab, um Überschneidungen zu verhindern. Damit die Herleitung der Kunst in seiner Sammlung fassbar würde, trug Bühler auch Zeichnungen und Graphiken von Eugène Delacroix, Henri de Toulouse-Lautrec, Odilon Redon und einzelne Skulpturen von Aristide Maillol, Auguste Rodin und Charles Despiau zusammen.

Durch die Auktionen in Luzern und Bern wurden alle Werke, die Bühler nicht dem Museum oder der Familie geschenkt hatte, Kunstinteressierten in der ganzen Welt verkauft. Ein Gemälde von Paul Cézanne gelangte ans National Museum of Western Art in Tokio oder «Sonnenblumen» von Vincent van Gogh ans Metropolitan Museum of Art in New York. Sie zu finden, war für die Kuratoren eine Detektivarbeit, zumal nur wenige Listen und spärliches Quellenmaterial erhalten sind. Zwar sind Objekte in Museen durch Kataloge erschlossen, nicht aber jene in Privatbesitz, die öfter den Besitzer wechseln.

Eine präzise Rekonstruktion der ursprünglichen Sammlung Bühler ist kaum möglich. Dafür werden in der Präsentation die Konturen der Sammlung und ihre wesentlichen Entwicklungslinien nachgezeichnet und Bühlers grosses Engagement für das Kunstmuseum aufgezeigt. Denn unter seiner Ägide wandelte es sich vom Regionalmuseum zu einer international beachteten Institution und macht Winterthur bis heute zum führenden Ort der modernen französischen Malerei.

Ferdinand Hodler, Das Wetterhorn, um 1912. Kunst Museum Winterthur.

Titelbild: Ausschnitt aus Félix Vallotton, Nu couché au tapis rouge, 1909. Petit Palais, Genf.
Fotos:
© Kunst Museum Winterthur

Bis 20.2.2021
Kunst Museum Winterthur «Modernité – Renoir, Bonnard, Vallotton. Der Sammler Richard Bühler», weiteres siehe hier

Zur Ausstellung gibt es eine umfangreiche Publikation mit Beiträgen zu Richard Bühler und seiner Sammlerleistung, seine Beziehung zu den Künstlern, die Winterthurer Kunststreitgespräche, Briefwechsel mit Georg Reinhart und mit Hedy Hahnloser sowie mit zahlreichen Farbabbildungen. Kunst Museum Winterthur, Hirmer Verlag, 2020, 231 S., CHF 38.00.

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