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Helden werden weichgespült

In «Der erschöpfte Mann» zeigt das Landesmuseum eine unkonventionelle Ausstellung, wie das Ideal vom Helden in eine andere Richtung driftet. 

Juri Steiner, Kunsthistoriker, und Stefan Zweifel, Philosoph, sind bekannt als kreatives Team für unkonventionelle Ausstellungen mit gesellschaftsrelevanten Themen. Dieses ist ihre vierte Schau im Zürcher Landesmuseum nach: «1900-1914. Expedition ins Glück» (2014), «Dada Universal» (2016) und «Imagine 68. Das Spektakel der Revolution» (2018). Kurz liegt der Fokus nun auf dem Mann, dies nach der Frauen-Ausstellung über Nonnen und vor der Ausstellung zum Frauenstimmrecht im nächsten Jahr.

Blick in die Ausstellung. Laokoon-Gruppe, Gipsabguss des frühen 19. Jahrhunderts nach dem antiken Marmororiginal im Vatikan. Antikenmuseum, Basel. Foto: Eva Caflisch.

Beim steilen Treppenaufstieg zur Ausstellung erwarten gefallene Helden die Besucherinnen und Besucher. Der muskelbepackte Laokoon kämpft mit schmerzverzerrtem Gesicht mit einer Schlange um sein Leben, darüber flimmert ein Video mit dem Fussballidol Zinédine Zidane. Beide Kämpfer traten ins Fettnäpfchen und fielen in Ungnade. Der antike Priester Laokoon wurde vom Gott Apollon bestraft, weil er im Tempel auf dem Altar Sex hatte und Zidane wurde wegen eines Kopfstosses disqualifiziert.

Arnold Böcklin, Schild mit dem Haupt der Medusa (Ausschnitt), 1867. Kunstmuseum, Basel. Foto: rv.

Mit Laokoon wurde in der Antike erstmals ein geschlagener Held dargestellt, so Stefan Zweifel, und die Ausstellungsmacher legen ihre Finger auf den wunden Punkt dieses Männerbildes. Sie zeigen, wie der oft übertriebene Anspruch an sich selbst die Männer überfordert, sie ihre Grenzen überschreiten und unangepasste Taten begehen lässt, die von der Gesellschaft verurteilt werden.

Auf dem Rundgang begegnet einem als erste weibliche Figur das Haupt der schlangenbekrönten Medusa, die jeden Helden erstarren liess, der sie erblickte. Nur Perseus, Sohn des Zeus, konnte sie mit einem Trick überlisten und enthaupten. Der erfolgreiche Held kannte, nach heutiger psychologischer Deutung, offensichtlich keine Kastrationsängste.

Im Mittelalter wurde das Bild des verletzten Mannes mit dem gekreuzigten Christus zelebriert. Zwar triumphierte in der Romanik Christus noch als Herrscher und Sieger über den Tod, mit einer Königskrone auf dem Haupt und das Kreuz hing im Triumphbogen über dem Altar. Sein Bild änderte sich im Übergang zur Gotik hin zum Schmerzensmann mit einer Dornenkrone auf dem Kopf. Gesichtsausdruck und Körperhaltung zeigten nun einen leidenden Christus, mitunter mit drastischen Verletzungen.

Andy Warhol, Pietà relief sculpture, 1976 / 1986, Print. ©Musée national d’art moderne/Centre de création industrielle ©The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc. / 2020, Pro Litteris, Zurich.

Das höfische Mittelalter entwickelte den Archetypus des Ritters und der Ritterlichkeit mit Ritterrüstung und Ritterspielen als Vorbereitung für Kriege, aber auch mit schweren Metallrüstungen als Schutz im Krieg. Die gescheiterten Kreuzzüge und die Pest besiegelten den militärischen Niedergang, doch der Nimbus der Ritterlichkeit hält bis heute an. Statt einer Rüstung sollte im Ersten Weltkrieg ein textiler Ganzkörper-Gasmasken-Anzug den Krieger schützen, eine Verkennung und eine absurde Vorstellung des totalen Kriegs.

Marcel Duchamp, Boîte, 1941 / 1966, Faksimile, Courtesy Hauser & Wirth and Galerie 1900-2000. Foto: rv.

Nachdem im 18. Jahrhundert ein Marquis de Sade oder Casanova freizügig über ihre sexuellen Abenteuer und Phantasien schrieben, Lavater seine physiognomischen Darstellungen publizierte, formulierte im Übergang zum 20. Jahrhundert Sigmund Freud seine Theorien zur Sexualität. Nervenkrankheiten waren nun kein Tabu mehr für das «starke Geschlecht», neue Abgründe eröffneten sich, Schmerz und Lust, erotische Sehnsüchte brachten surreale Maschinen hervor, wie die Junggesellenmaschine.

Marcel Duchamp baute die Junggesellenmaschine ab 1913 und nannte sie «Das Grosse Glas». Der Künstler zeigt in diesem komplexen Kunstwerk, das Exponat als Miniatur in einem Karton, wie die «männischen» Figuren unter der Wolke der angebeteten Frau ihre Triebe in einer Schokoladenreibe sublimieren und zur Kunst erhöhen. Die Surrealisten nahmen mit ihren Travestien die aktuelle Debatte um Genderthemen vorweg, die Andy Warhol bis Urs Lüthi weiterführten. Wenn Steiner und Zweifel im Landesmuseum kuratieren, darf der französische Surrealismus nie fehlen.

Maria Lassnig, Woman Laokoon, 1976. Neue Galerie am Universalmuseum Johanneum, Graz. Foto: rv.

Die sexuelle Revolution der 1960er Jahre versprach eine Befreiung von allen Tabus. Doch in der gesellschaftsfähigen Pornografie werden die alten Rollenmuster zementiert. Und nicht nur für den Playboy wurde Sex zum Konsumgut und die Frau zum Objekt. Dagegen revoltierten Künstlerinnen wie Maria Lassnig. In «Woman Laokoon» schuf sie rund zweieinhalbtausend Jahre nach Laokoons Kampf eine feministische Ikone des Empowerments.

Gleichzeitig geraten die Männerbilder ins Wanken. Eine Promi-Fotogalerie fächert das Spektrum auf, darunter Annie Leibovitz‘ berühmtes Foto von John Lennon und Yoko Ono, und auch Bilder von Playboy, Angeber, Softie, Transmensch, Schwuler, Familienvater. Eine Vielfalt an Rollen, die schon in Andy Warhols Factory vor fünfzig Jahren gelebt wurde. Die Bildergalerie zeigt, wie das typisch Männlich-Weibliche sich aufweicht und neue Normen sich durchzusetzen beginnen.

Annie Leibovitz, John Lennon und Yoko Ono, Dakota, New York, 8. Dezember 1980. Foto: Eva Caflisch.

In Erinnerung an den jungen französischen Dichter Lautréamont, der im Louvre angesichts des schlafenden antiken Hermaphroditen ins Träumen kam, endet die Ausstellung. Das doppelgeschlechtliche Wesen entstammte der göttlichen Verbindung zwischen Hermes und Aphrodite. Filmsequenzen spiegeln die Träume des schlafenden griechischen Gottes. Zwitter gab es seit jeher und wurden in der Antike besonders verehrt. Sie weisen darauf hin, dass sich das Geschlecht der Menschen nicht immer fix zuordnen lässt und Spielformen möglich sind.

Schlafender Hermaphrodit, um 1809, Gipsabguss. Antikensammlung Bern. Die Figur geht auf eine griechische Bronzeplastik aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. zurück. Antike Marmorkopien befinden sich im Louvre in Paris und in Rom. Foto: rv.

Titelbild: Kopf des Achilles, römische Kopie eines griechischen Originals. Antikenmuseum Basel. Foto: Eva Caflisch.

Bis 10. Januar 2021
«Der erschöpfte Mann», Schweiz. Landesmuseum, Zürich, mehr hier

 

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