FrontKulturLandschaft als Spiegel der Seele

Landschaft als Spiegel der Seele

Chinesische Landschaftsmalerei aus sechs Jahrhunderten zeigt die Ausstellung «Sehnsucht Natur – Sprechende Landschaften in der Kunst Chinas» im Museum Rietberg. Diese Kunst hat Dynastien, Usurpatoren, Kolonisatoren und die Kulturrevolution überdauert.

Steile Berge, Wasserläufe, Kiefern und andere Bäume – das sind die Ingredienzen der chinesischen Landschaftsmalerei. Nachdem die Besucherin den Parcours fast bewältigt hat, Dutzende chinesische Federzeichnungen, Pinselmalereien, dazu auch Drucke und Fotos aus neuester Zeit studiert hat, steht sie vor einem besonders grossen Bild in feinen Grautönen – bis unvermutet ein Riesenflugzeug drüberlärmt. Da ist sich zurückziehen und meditieren nicht einmal denkbar, das scheinbar stille Bild erweist sich als Video mit den üblichen menschenfeindlichen Artefakten einer Megacity.

Yang Yongliang: Phanton Landscape. 2010. Video. DSL Collection Paris © Yang Yongliang. courtesy Yang Yongliang Studio

Der Künstler Yang Yongliang (*1980) hat mit Phantom Landscape den hektischen und kaum erträglichen Alltag der urban lebenden Mehrheit in China gespiegelt: Die Berge bestehen aus Haufen von Wohntürmen, die Flüsse sind Autobahnen, der Wald setzt sich aus Baukranen und Starkstrommasten zusammen. Hier wird mit einem genialen Rückgriff auf die Tradition harsche Kritik am krank machenden Fortschritt geübt.

Landschaftsmalerei bedeutet Berg-Wasser-Malerei, wenn man die Bedeutung der Zeichen berücksichtigt. Mensch und Natur sind eine Einheit, die Berge, Bäume und Bäche in der Malerei eine Projektionsfläche. Schon die alten Meister haben Natur nicht realistisch abgebildet, sondern eine innere Welt zu Papier gebracht, in dieser Bildkunst steckt die ganze chinesische Kultur und Vorstellungswelt, das Prinzip von Yin und Yang, das in der mystischen Vorstellung vom Einssein aufgeht. So wird das Landschaftsbild zur Darstellung des Menschen, seinen Gefühlen und Gedanken.

Mei Qing (1624-1697): Berühmte Ansichten von Xuangcheng. 1679/80. Album, 24 Blätter. © Museum Rietberg. Foto: Rainer Wolfsberger

«Eine Landschaft malen, heisst, sich selbst malen,» schrieb der Maler und Mönch Shitao im 17. Jahrhundert.

Die Ausstellung mit rund 80 Werken umfasst die wichtigsten alten Meister der Ming- und der Qing-Dynastien und stellt den klassischen Bildern zeitgenössische Landschaftsdarstellung chinesischer Künstler mit aktuellen Mitteln wie Fotografie, Installation oder eben Video und natürlich auch Malerei gegenüber. Es ist ein Erlebnis fürs Auge, wie für die Auseinandersetzung mit der heutigen Welt auf die alten Meister zurückgegriffen wird, wie die Tradition in die Moderne greift. Immer geht es um den Ausdruck von Haltungen, Sehnsüchten oder auch Kritik.

Um der Übersicht willen und um die komplexe Thematik auch Nicht-Spezialisten näher zu bringen, ordnen die Kuratorinnen Kim Karlsson und Alexandra von Przychowski die Ausstellung in fünf Themenbereiche.

Das Numismatische: In den Bildern wird die kosmische Ordnung sichtbar gemacht, im 16. Jahrhundert und auch heute noch. Die hohen Berge sind der Sitz der Unsterblichen, wem sie nicht zugänglich sind, kann sie auch im Fels des chinesischen Gartens finden (Gebildeten Frauen war der Gang ins Gebirge verwehrt, ihnen blieb nur die Miniatur vor dem Fenster.).

Der Traum vom Rückzug in die Natur: Die Landschaften chinesischer Malerei sind imaginäre Berge und Wasserläufe oder Seen, Orte der Zuflucht aus dem anstrengenden Alltag. Die Malerei wurde von Gebildeten der Oberschicht produziert und wandte sich an ihresgleichen. Zumeist waren es Beamte, die viel studieren und streng arbeiten mussten.

Von links: Chen Huan: Gelehrtenklause am Bergbach. 1604. Xiao Sun: Das «Buch der Wandlungen» lesen inmitten von Bergen und Strömen. 1934. (beide © Museum Rietberg. Yao Jui-chung (*1969): Wonderful. Secret Lover in Golden House. 2007. Fondation INK.

Ein Lieblingsmotiv ist die Strohhütte im Gebirge, ein geistiges Refugium abseits der hektischen Welt, das Ideal eines genügsamen Lebens in der stillen Natur. Nebeneinander gehängt findet sich dreimal diese idealtypische Darstellung jeweils als Hängerolle, einmal die Gelehrtenklause am Bergbach von 1604, einmal Das Buch der Wandlungen lesen inmitten von Bergen und Strömen von 1934, als in China politisch und wirtschaftlich Chaos herrschte, und einmal ironisch gebrochen als Wonderful. Secret Lover in Golden House von 2007. Diese skurrile Darstellung eines Liebesnests in der Berghütte malte Yao Jui-chung nach einem Burnout im schottischen Hochland, wo er ein Stipendium hatte.

Landschaftsbild und Dichtung: Im 16. Jahrhundert, als die Ming-Dynastie gestürzt wurde und die Mandschu regierten, war das für viele Künstler eine Katastrophe, die sich bis heute lesbar in ihren Werken als Trauer oder auch als Regimekritik spiegelt. Viele Bilder tragen Aufschriften: Poesie und Malerei finden zusammen, die Gedichte bieten eine Interpretationsmöglichkeit an, es können auch Kommentare von Freunden sein, welche das Bild vollenden.

Li Keran (1907-1989): Auf schriffen Gipfeln wohnt Schönheit in unendlicher Vielfalt. um 1961. © Museum Rietberg. Foto: Rainer Wolfsberger

Nicht einmal die Kulturrevolution hat die Landschaftsmalerei verpönt. In der Ausstellung zeigt das Bild «Auf schroffen Gipfeln wohnt Schönheit in unendlicher Vielfalt» von Li Keran Reisterrassen als die in der Politik durchgesetzte Umgestaltung der Landschaft zum Wohl des Volks – es ist die Umsetzung eines Gedichts von Mao.

Wanderlust: Es gab auch eine Art Postkarten-Malerei; Reisende skizzierten berühmte Orte, Berge, Seen, Monumente und dokumentierten, wo überall sie waren. Seit dem 16. Jahrhundert gilt der Satz, man solle nicht nur 10’000 Bücher lesen, sondern auch 10’000 Meilen reisen. Eine der Bildserien könne als «Reiseblog» bezeichnet werden, sagt Kim Karlsson. Die für einen Mäzen gemalten Stationen der Reise dienten dem Dienstherrn nun, seine Wanderungen im Kopf zu machen.

Dialog mit der Vergangenheit: Wasser erscheint auf den Bildern häufig als Wasserfall, als magisches Naturphänomen, das zugleich weich und sehr stark ist. Eine zeitgenössische Installation verwendet ein hauchfeines Seidengespinst, auf dem die Exkremente der Seidenraupen scheinbar wie Sand im weich fallenden Wasser rieseln. In die Tradition stellt sich sogar der international tätige Performance-Künstler Wang Jin: Er schüttete rote Farbpigmente in den Roten Fahnenkanal, der zu Maos Zeiten als grösstes staatliches Bewässerungsprojekt entstand, und führte so die traditionelle Farbe des Glücks mit dem Fortschritt im Kommunismus zusammen.

Der Katalog entschlüsselt die Codes der auf den ersten Blick idyllischen Bilder und behandelt den Dialog zwischen traditioneller und Gegenwartskunst.

Bei Fotoarbeiten und Installationen ist ablesbar, wie die Tradition wirkt, wie sehr noch heute von den alten Meistern gelernt oder versucht wird, sie zeitgemäss umzusetzen in der Form, im Rhythmus, in der Komposition. Dieser Ausstellung gelingt es, die aktuelle chinesische Kunst auf ihre Vergangenheit zurückzuführen, ohne die globalen Einflüsse auszuklammern und vor allem zu zeigen, dass es nicht um Kulturgeschichte, sondern um Kunst geht. Ausserdem regt das Naturverständnis in dieser Malerei zum Nachdenken über die aktuellsten Fragen der Menschheit an.

Titelbild: Liu Guosong (*1932) Snow. 1967. Hängerolle (Ausschnitt). Museum Rietberg
Bis 17. Januar 2021
Hier finden Sie weitere Informationen zur Ausstellung.
Zur Ausstellung ist, hg. von den Kuratorinnen und dem Museum Rietberg, ein Katalog mit Texten von Kim Karlsson und Alexandra von Przychowski und 140 Abbildungen erschienen.  ISBN 978-3-7757-4669-4

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