FrontKulturBlick ins literarische Universum

Blick ins literarische Universum

Zur aktuellen Ausstellung im Zürcher Museum Strauhof hat die Kulturzeitschrift „Du“ dem Jubilar Friedrich Dürrenmatt unter dem Titel „Kosmos Dürrenmatt“ eine tiefsinnige, raumgreifende Hommage gewidmet, die nun im Corona-Slowdown umso wertvoller erscheint.

Dem grossen Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt gerecht zu werden, zeigt sich in einer gewissen Hilflosigkeit, indem wir ihn mit den Attributen Gigant, Koloss, Genie, Himmelsstürmer, Gedankenschlosser, Querdenker, Apokalyptiker, Saftwurzel, leibhaftige Groteske, ewiger Zweifler etikettieren. Wer sich selbst ein Rätsel ist – und das gestand er sich ein Leben lang ein, braucht sich nicht zu wundern, wenn ihn seine Anhänger zum „Kosmos“ erheben – gleich bedeutend mit Weltall, Universum, die Welt als geordnetes Ganzes – und ihn zum Antagonisten wider jede plausible Einordnung erklären.

Das Du-Heft ist in 12 Kapitel gegliedert und gibt dem Jubilar selbst, Dürrenmatt-Spezialisten, gewichtigen Autoren, Weggefährten und dem Ausstellungskurator Raum für mannigfache Erörterungen, Fragestellungen und wegweisende Erkenntnisse, die als die Neugier weckende Türöffner zum Strauhof dienen können.

Du 902 – Oktober 2020, ISBN: 978-3-907315-01-9

Nachdem sich Dürrenmatt nach dem eklatanten Misserfolg des Stücks „Der Mitmacher“, wo ein heruntergekommener Biochemiker ein Verfahren zur spurlosen Vernichtung von Leichen entwickelt, mehr und mehr aus dem Theaterbetrieb zurückzog, prognostizierte die Schreibzunft seinen Abgesang. Doch sein Freund, Hugo Loetscher, bezeichnete diesen „Mitmacher“ als eines der berühmtesten Bücher der neueren Literatur, „es hat sich nur noch nicht herumgesprochen.“ Denn der Komödientext enthält ein Nachwort, das zweimal so viel Platz einnimmt, und dann folgt nochmals ein „Nachwort zum Nachwort, nochmals so umfangreich wie das Stück selbst.“ Es ist ein Konvolut von Gedankengängen, „in die sich Reflektierendes in Berichtendes schiebt, das Theoretische geht in Erlebnis über, Bildhaftes und Begriffliches lösen sich mit aller Selbstverständlichkeit ab“, insgesamt ein „Überfragen und Verwerfen, Zurückstellen und Wiederaufnehmen“, das sich mit aller Logik zum Prozess des Fortschreibens entwickelt.

Dürrenmatt meint dazu im „Standpunkt des Reisenden“: Und so komme ich mir denn vor wie einer, der sein Haus gegen Osten zu verliess und, seine Richtung stur einhaltend, sein Haus plötzlich von Westen her kommend wiederfindet, wo er „die alten Fragmente, all das Halbbegonnene, Liegengelassene, ja nur Gedachte wieder antrifft…. Nun muss sich der Reisende, will er seine Reise vollenden, die mir dieser Stoff auferlegte, durch all dieses Gerümpel den Weg ins Haus bahnen.“ Doch fragt mich einer, „wozu denn diese Reise, so antworte ich, des Reisens wegen. Und fragt er, was ist dein Standpunkt, so antworte ich, der eines Reisenden.“ Wie der Autor daraufhin seinen politischen Standpunkt definiert, ist so köstlich ironischer Dürrenmatt, dass es einer paradoxen Verweigerung gleichkommt. Ihn dingfest zu machen, musste stets scheitern.

Das Arsenal des Dramatikers, 1960, Federzeichnung, Centre Dürrenmatt Neuchâtel

In seiner Vorbemerkung zu „Labyrinth, Stoffe I-III“, hält er fest: „Ich gehöre weder zu den Exhibitionisten unter den Schriftstellern, nicht zu den schamlosen, die ihr Leben ummontieren, umdichten, noch zu jenen, in deren Kübeln voller Esprit wir unversehens ertrinken. Ich gehöre zu den Gedankenschlossern und -konstrukteuren, die Mühe haben, mit ihren Einfällen fertig zu werden, deren Einfälle ihre Konzepte, aber auch ihre Bekenntnisse immer wieder durchkreuzen; zu jenen Schriftstellern, die nicht von der Sprache her kommen, die sich vielmehr mühsam zur Sprache bringen müssen. Nicht weil ihre Sprache ihren Stoffen nicht gewachsen wäre: Ihre Stoffe sind der Sprache nicht gewachsen, ausserhalb von ihr angesiedelt, im Vorsprachlichen, noch nicht genau Gedachten, im Bildhaften, Visionären.“

Nicht umsonst war Dürrenmatt hin- und hergerissen zwischen der Malerei und der Literatur. Als angehender Student schrieb Dürrenmatt 1941 an seinen Vater: „Es handelt sich nicht darum zu entscheiden, ob ich ein ausübender Künstler werde oder nicht, denn da wird nicht entschieden, sondern das wird man aus Notwendigkeit. […] Das Problem liegt ja bei mir ganz anders. Soll ich malen oder schreiben. Es drängt mich zu beidem.»

„Wir waren immer überzeugt, dass die Stoffe ein Meisterwerk sind“

Das Füllhorn an erhellenden Beiträgen enthält auch ein Interview des Kurators Peter Erismann mit den Literaturwissenschaftlern Rudolf Probst und Ulrich Weber, die am Schweizerischen Literaturarchiv den Nachlass Dürrenmatts nun schon während über achtzehn Jahren wissenschaftlich aufarbeiten. Kaum jemand ahnte, dass der unermüdliche Denker Stoffe im Umfang von über 30’000 Manuskriptseiten hinterliess. Ulrich Weber zur Aussage Dieter Bachmanns anno 1990, wonach die Stoffe „eines der letzten grossen Werke des 20. Jahrhunderts“ seien: „Absolut. Ich finde, die Stoffe sind innerhalb von Dürrenmatts Werk ein erzählerischer Höhepunkt, aber auch innerhalb der deutschsprachigen Literatur. Sie stellen ein Glanzstück an Prosa dar.“

Friedrich Dürrenmatt: Das Stoffe-Projekt. Textgenetische Edition in fünf Bänden 

Die textgenetische Edition präsentiert eine kommentierte Auswahl aus den 30’000 Manuskriptseiten und Dokumenten im Nachlass des Autors. Begleitet von einer Webseite mit dem gesamten Manuskriptmaterial.

ISBN: 978-3-257-07101-6

Peter Erismann: „Was bleibt von Dürrenmatt?»

Weber: „Für mich ist es das Gesamtphänomen. Man kann immer wieder zeigen, dass er zwar kein Prophet war, aber einer, der sich vorstellen konnte, wie sich etwas entwickeln könnte. Etwa die künstliche Intelligenz.“

Und Rudolf Probst fügt an: „Für mich ist es immer wieder Dürrenmatts hintergründiger Humor, seine Schlitzohrigkeit. Finessen kommen erst dann zum Vorschein, wenn man sich lange mit seinem Werk beschäftigt.“

„Der Geruch und das Gerümpel der Kindheit“

Im Gegensatz zur bildenden Kunst ist der Dramatiker wie der Komponist auf Gedeih und Verderb den Interpreten und Ausführenden ausgeliefert. Der Germanist Peter Rüedi, der sowohl den Briefwechsel zwischen Frisch und Dürrenmatt als auch die bemerkenswerte Biografie „Dürrenmatt oder die Ahnung vom Ganzen“ herausgab, schildert in seinem Text diese Kontroverse: Es überkam ihn „das Gefühl einer Bühnenohnmacht, das Gefühl, mich in Feindesland zu befinden. Allzu sehr wurde mir damals deutlich, dass meine Welt, aus der ich kam und die ich in eine Welt umwandelte, die wiederum nicht identisch war mit meiner Herkunft, sondern mit der eigenen Welt, die ich geschaffen hatte, dass diese Eigenwelt für einen Aussenstehenden unverständlich sein musste… Durch Zufall kam mein Ruhm zustande, durch Zufall der Abbau des Ruhms. Als Dramatiker bin ich ein unvermeidliches Missverständnis.“ Dieses Bekenntnis findet sich auch in den Stoffen, dem Zentrum seines Alterswerks.

 

Ulrich Weber erzählt vom kometenhaften Aufstieg des Pfarrerssohns aus dem Emmental zum weltberühmten Autor mit Millionenauflagen und von den vielen kleinen und großen Brüchen in seinem Leben, die ihn zwangen, sich immer wieder neu zu erfinden. Bislang unzugängliche Dokumente erlauben einen ganz neuen Blick auf den privaten Dürrenmatt.

ISBN: 978-3-257-07100-9

Heimkehr? Es ist ein Generalthema der Deutschschweizer Literatur und eines der zentralen Motive Dürrenmatts. Laut Peter von Matts Aufsatz vom „Traum an der Grenze“ war es während des Zweiten Weltkriegs Dürrenmatts Albtraum, „die eingeschlossene Schweiz einTrauma. Verschont und gefangen: Das Motiv zieht sich durch sein ganzes Werk.“ Es sei an die letzte Rede auf Václav Havel, Die Schweiz – ein Gefängnis, erinnert: „Die Ambivalenz von Verschonung und Gefangenschaft ist der Kern seiner labyrinthischen Welterfahrung.“

Dieses Du-Heft ist eine Trouvaille für alle, denen der ewig Düftelnde und Suchende einerseits ein Faszinosum war, anderseits ein Rätsel blieb. Rüedi: „Auch wer im Kopf reist, kehrt heim als ein anderer, sieht, was ihm wieder begegnet, anders, als er es verlassen hat, und sich selbst damit. Das Gericht und das Selbstgericht des Heimkehrers, die Ambivalenz in der Wahrnehmung von Heimat, der Schweiz insgesamt vielleicht, sicher aber von Konolfingen, dem Dorf der Kindheit.“

Hier finden Sie die Besprechung der Ausstellung im Literaturmuseum Strauhof.

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