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Paul Celans langer Schatten

Wenn dieser Tage Paul Celans 100. Geburtstag und seines 50. Todestages gedacht wird, dann darf seine traumatische Familiengeschichte genau so wenig fehlen wie die Erinnerung an sein Liebesverhältnis mit Ingeborg Bachmann, aber auch an seine Verbindung mit Max Frisch.

Paul Celan, Spross einer jüdischen Familie aus dem damaligen Gross-Rumänien, heute zur Ukraine gehörig, wurde zu einem der prägendsten deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Er ist aber zuerst einmal von den schrecklichen Erfahrungen mit dem Holocaust und seinem Trauma mit der Überlebensschuld nicht zu trennen, da seine Eltern Opfer der Nazi-Herrschaft wurden. Ihm gelang die Flucht über Ungarn nach Wien und letztlich nach Paris, wo er 1970 den Freitod wählte. 

Paul Antschel, wie Celan hiess, wurde in jüdischer Tradition und deutschsprachig erzogen, erlebte eine behütete Kindheit und soll schon als Dreijähriger Gedichte von Schiller und Heine rezitiert haben. Die 1942 erfolgte Deportation seiner Eltern hinterliess in ihm zeitlebens Gewissensbisse, von denen das berühmt gewordene Gedicht „Die Todesfuge“ beredtes Zeugnis abgibt: «Schwarze Milch der Frühe, wir trinken dich nachts…» heisst es darin und „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Diese Sentenzen meisselten sich wie kaum andere Gedichtzeilen in die Wunden der Nachkriegszeit.

Ingeborg Bachmann – aus der Zeit gefallen

Nun aber zu Ingeborg Bachmann, mit der ihn nach seiner 1948  erfolgten Begegnung in Wien über mehrere Jahre ein loses, aber beidseits leidenschaftliches Liebesverhältnis verband und die ihn auch in die literarische Gruppe 47 einführte. Celans Tagebücher und der posthum publizierte Briefwechsel zeugen von dieser Beziehung, einer Reflexion auf die erfüllte Liebe zu ihr.

So ist sein Gedicht „Corona“ entstanden. Es steht, ursprünglich lateinisch, für Kranz, poetisch auch für Krone oder Diadem, eine Art Himmelszeichen – und ist wie viele weitere aus dem Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ Ingeborg Bachmann zugeeignet:

Corona
Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.
Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.
Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.
Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:
Es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.
Es ist Zeit.

 

Die Geliebte schreibt ihm am  24. Juni 1949: „Ich habe oft nachgedacht, „Corona“ ist Dein schönstes Gedicht, es ist die vollkommene Vorwegnahme eines Augenblicks, wo alles Marmor wird und für immer ist. Aber mir hier wird es nicht ‚Zeit’. Ich hungere nach etwas, das ich nicht bekommen werde…“

Und am 7. Juli 1951 kommt Celan mit den Worten auf das Gedicht zurück: „Nichts ist wiederholbar, die Zeit, die Lebenszeit hält nur ein einziges Mal inne, und es ist furchtbar zu wissen, wann und für wie lange. (…) Ich wäre froh, mir sagen zu können, dass du das Geschehene als das empfindest, was es auch wirklich war, als etwas, das nicht widerrufen, wohl aber zurückgerufen werden kann durch wahrheitsgetreues Erinnern.“

Nach Celans erfolgter Heirat mit Gisèle de Lestrange stürzt sich Ingeborg Bachmann in die nächste Katastrophe, in eine unglückliche Liaison mit Max Frisch. Ob mit Hans Weigel, Paul Celan, Hans Werner Henze oder Max Frisch, die künstlerisch fruchtbaren Zuneigungen endeten regelmässig in Ernüchterung, ja nackter Verzweiflung. Aber nie sprechen die Liebenden die tiefen Verletzungen, die für Celan letztlich 1970 im Selbstmord in der Seine endeten, so offen und unverhüllt an, wie dies in den Korrespondenzen zwischen Celan und Max Frisch und zwischen Ingeborg Bachmann und Celans Frau Gisèle Celan-Lestrange der Fall ist.

 

Ingeborg Bachmann – Paul Celan – Max Frisch

Mit den Briefen zwischen Paul Celan und Max Frisch sowie zwischen Ingeborg Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange.

suhrkamp taschenbuch 4115 / ISBN  978-3-518-46115-0

Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, zwei der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter, ist das bewegende Zeugnis zweier Menschen, die sich liebten und gegenseitig verletzten, die einander brauchten und doch nicht miteinander leben konnten. Fast zwanzig Jahre lang kämpfen sie in ihren Briefen um die Liebe und Freundschaft des anderen, wiederholt herrscht Schweigen, immer wird der Briefwechsel wiederaufgenommen – bis es 1961 endgültig zum Bruch kommt.

Über Frischs Roman „Mein Name sei Gantenbein“ äusserte sich seine Muse wie folgt: „Es wird meine Tröstung sein, denn so erkenne ich zuletzt, dass die Jahre fruchtbar für dich waren.“ Für sie waren sie furchtbar und desillusionierend. Der Weltruhm Frischs brachte ihr Schreiben zum Versiegen, 1962 kam es zur Trennung. 

Im Jahr 1959 wendet sich der Dichter Paul Celan an Max Frisch, sowohl Schriftstellerkollege wie neuer Liebhaber Ingeborgs. Celan ist verzweifelt, denn er fühlt sich  durch Plagiatsvorwürfe von Exponenten der Gruppe 47 verunglimpft. Der Briefwechsel belegt die Zwickmühle, in der sich Frisch befindet. Er zeigt sich immer wieder als verständnisvoller Ratgeber, hat aber offenkundig Mühe mit Celans Dünnhäutigkeit, die geäusserte Kritik an seinen Gedichten eo ipso als antisemitisch einzustufen.

Am 14. April schreibt Celan aus Paris:

Lieber Max Frisch,
ich habe gestern angerufen, unvermittelt, in der Hoffnung, Sie würden am Telephon sein: Ich wollte Sie um Rat bitten, um ein Gespräch, in Zürich, in Basel, wollte Sie fragen, was zu tun sei – denn etwas muß ja getan werden! – angesichts all dieser sich mehr und mehr Raum greifenden Verlogenheit und Niedertracht und Hitlerei.

Der Briefwechsel wogt hin und her, vermag aber die Missverständnisse und die zunehmend wahnhafte Isolation Celans nicht zu durchbrechen. 

Ingeborg Bachmann hat die schmerzlichen Erinnerungen an Celans Selbsttötung noch in ihren letzten Texten verarbeitet. In „Malina“ schreibt sie: „Mein Leben ist zu Ende, denn er ist auf dem Transport im Fluß ertrunken, er war mein Leben. Ich habe ihn mehr geliebt als mein Leben.“

1 Kommentar

  1. Vielen Dank für den Artikel. Ich wusste werde von der einen noch der anderen Liaison etwas und finde die Verbindungen sehr spannend. Jetzt muss ich mir nur noch mehr vom Lyriker Celan aneignen um wirklich zu verstehen.

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