FrontLebensartOh bej, oh bej! E Buon Natale!

Oh bej, oh bej! E Buon Natale!

Auslandschweizerkolonien sind bunte Mischungen. Etwas Schweizer Heimat, wie es sie nicht einmal mehr in der Schweizer Heimat gibt, etwas eintauchen in lokale Sitten und Bräuche. Die Vorweihnachtszeit in Milano war eine besonders farbige Welt.

Die Klasse war ganz still. Deutschstunde. Trägheit in der Luft. Plötzlich von der Strasse her laute Musik, die Klasse hellwach: gli Zampognari! Die Zampognari waren urchige Dudelsackspieler. Hirten, die es in der Vorweihnachtszeit von den Bergen des Appenin in die Stadt trieb. In den Strassen und Gassen spielten sie ihre Weihnachtsweisen hinauf zu den Fenstern und Balkonen der Häuser. Die bekannteste Melodie war «Tu scendi dalle stelle». Sie blieb der akustische Inbegriff der Adventszeit. Für ihr Spiel bekamen die Zampognari etwas Geld, Süssigkeiten, einen Salame oder einen Panettone. Das erwartete und doch überraschende Konzert gehörte zu den wiederkehrenden Erlebnissen dieser Jahreszeit.

L’albero della Piazza del Duomo

Der grösste und hellste Christbaum stand immer auf dem Domplatz. Gütig beschützt von der goldigen Madonnina auf der Domspitze. Farbig beleuchtet war er und reichlich verziert. Seit auf dem Domplatz Palmen eingepflanzt wurden, an deren Existenzberechtigung an diesem Ort sich die Geister der einheimischen Puristen bis heute scheiden, durfte auch der Christbaum etwas kitschiger werden. Dieses Jahr sponsert ihn Coca-Cola. Seit Jahren erntet der Christbaum in der Galleria Vittorio Emanuele gleich daneben die meiste Bewunderung – gesponsert von Swarowski.

Der Christbaum in der Galleria Vittorio Emanuele.

La Befana del Ghisa

Neben dem Dom stand das Chalet mit dem berühmten Presepe, der Krippe. Die leuchtende, fantasievoll gestaltete Landschaft war Jahr für Jahr ein Kinderparadies. Die Heiligen Drei Könige wurden erst am 6. Januar hinzugestellt, am Tag der Befana, die die Geschenke brachte. Übrigens auch den städtischen Polizisten, die den Verkehr regelten. «La befana del ghisa» hiess der Brauch, der Ende der 40e Jahre des letzten Jahrhunderts entstand und mit dem zunehmenden Strassenverkehr auch bald wieder verschwand. Um sein Podest herum, von dem aus er den Verkehr regelete, stapelten sich grosse und kleine Päckchen, mit denen die Mailänderinnen und Mailänder ihrem Polizisten für die jahraus jahrein geleisteten Dienste dankten.

Nützliches und Süsses

Zur Vorweihnachtszeit gehörte auch die «Fiera Oh bej, oh bej». Diese lebhafte Mischung aus Wochen- und Flohmarkt fand früher bei der Kirche St. Ambrogio statt. Später wurde sie zum Castello Sforzesco und in den Parco Sempione verlegt. Für dieses Jahr wurde sie covidbedingt abgesagt, genauso wie die Saisonpremiere an der Scala. Sie gehört traditionsgemäss zum Festtag des Stadtheiligen, des heiligen Ambrosius am 7. Dezember, und ist ein zentrales Ereignis für Stadt und Musikwelt.  An «Oh bej! Oh bej!» war es immer eisig kalt, die Kinder fast bis zur Unbeweglichkeit in steife Kleider gepackt. Die Marktfahrer priesen ihre Ware lautstark an: oh bej, oh bej, schaut wie schön! Da gab es Kupferkannen, -pfannen, -vasen und -behälter aller Art, aber auch Geschirr, Gläser, Kleider, Bücher und natürlich Spielsachen. Die Kastanienverkäufer aus dem Piemont verkauften den Mailändern früher Kastanien als Grundnahrungsmittel, heute als leckere Zutat für kalte Abende am Kaminfeuer. Natürlich wurden auf dem Markt, neben dem aus Sizilien importierten Torrone, die besten Marroni der Welt, die Caldarroste verkauft. Zum Aufwärmen dann eine Cioccolata calda. So wie sie beim Fussball entweder für Milan oder Inter fieberten, gingen die einen Familien zu Alemagna, die anderen zu Motta. Fein war die tiefschwarze flüssige Schokolade da und dort.

An Weihnachten gehört der Panettone auf den Frühstückstisch. Fotos: Jürg Bachmann

Keine Weihnachten ohne Panettone. Das traditionelle Gebäck, in Mailand auch Panetùn genannt, entstand irgendwann im Mittelalter, mehr aus Zufall, wie die Sage berichtet. Lombarden essen Panettone grundsätzlich nur um die Weihnachtszeit. Ein Sakrileg beginge, wer im Sommer einen Panettone bestellte. Oder das ganze Jahr nach 11 Uhr vormittags einen Cappuccino.

Die Begegnung der Kulturen

Die Schweizer Kolonie in Mailand pflegte in der Vorweihnachtszeit die verschiedenen Traditionen, die hier zusammenkamen. Die Schweizer Schule war geschmückt, die Säle des Schweizervereins ebenso. Zum Pflichtprogramm der Schülerinnen und Schüler gehörte die Weihnachtsdarbietung auf der Bühne im grossen Saal des Schweizerhauses an der via Palestro für Eltern und Freunde. Natürlich mit kauderwelschem Krippenspiel in etwa vier Sprachen, Versli auf Deutsch und Italienisch, urschweizerischem Samichlausbesuch, italienisch geschmücktem blinkendem Christbaum, gemeinsamem «Stille Nacht» jeder in seiner Sprache und Bescherung für die Kinder am Schluss. Viel lustiger als die Aufführung am Sonntag war die Generalprobe am Samstagnachmittag. Dann gehörten den Kindern nicht nur die Bühne, sondern auch der Saal und die Empore mit der Bar, was zu allerlei Kreativität Anlass gab und den geprobten Aufführungen dann und wann den nötigen Ernst nahm. Am Sonntag war es dann dunkel im Raum und unter dem riesigen, hell beleuchteten Christbaum auch sonst feierlich und würdig.

Party und Szenenwechsel

Nach all dem Kerzenpathos gehörte der letzte Schulvormittag der Englischlehrerin. Sie veranstaltete jedes Jahr im Singsaal des Schulhauses eine Christmas Party im englischen Stil; also mit schrillerer Dekoration, englischen Versen, ungewohnter Weihnachtsmusik, Darbietungen aller Art und sogar Tanz. Ein richtiges Fest! Mit viel Jubel, Trubel, Heiterkeit schloss das vorweihnachtliche Trimester.

Um punkt 12.30 Uhr war alles zu Ende. Vor der Schule grosses Verkehrschaos. In vollbepackten Autos holten viele Eltern ihre Kinder ab. Auch wir reisten über die Feiertage in die Schweiz. Ein Abschied auf Raten. Oft schon am Zoll in Chiasso, oder ein paar Stunden später bei der Verladestation auf den Autozug in Airolo, trafen sich die einen oder anderen aus Mailand angereisten Familien noch einmal. Ein letztes Buon Natale! Dann war Schluss. Auf der anderen Seite des Gotthards, ganz in der Schweiz, bei den Grosseltern auf dem Land, rieselte der Schnee dann wirklich leise.


Hier finden Sie bereits veröffentlichte Beiträge der Serie „Weihnachtsgeschichten“, verfasst von den Redaktionsmitgliedern:

2 Kommentare

  1. Welch schöne Erinnerungen! Ich habe von 1960-1964 an der 5. und 6. Klasse der Schweizerschule in Mailand unterrichtet und habe dort die Kultur- und Sprachenvielfalt sowie die Kollegialität unter den Lehrern kennen gelernt und geschätzt. Später habe ich längere Zeit in der Gegend ‹Vecchia Milano› gelebt. Den Markt oh bej, oh bej war für mich jedes Jahr märchenhaft und noch heute sehne ich mich an Sant’Ambrös in die engen Gassen, die Gerüche, Klänge und speziellen Angebote des für mich schönsten Weihnachtsmarktes zurück.

    • Vielen Dank für den schönen Kommentar. Dann müssen wir uns begegnet sein. Ich ging 1959 ins Asilo und besuchte die Schweizer Schule bis zur Maturität! Viele schöne Erinnerungen. Herzliche Grüsse

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