FrontKulturRückkehr, um nahen Tod zu verkünden

Rückkehr, um nahen Tod zu verkünden

Erinnerungen dingfest machen: Regisseur Christopher Rüping inszeniert im Schiffbau des Schauspielhauses Zürich das Familiendrama «Einfach das Ende der Welt» des Franzosen Jean-Luc Lagarce.

„Einfach das Ende der Welt“ ist ein Kammerspiel. Im Zentrum: Louis, der hier Benjamin heisst, weil alle Figuren in der Inszenierung von Christopher Rüping die Namen ihrer Darsteller tragen. Benjamin also kehrt nach zwölf Jahren zu seiner Familie zurück. Mutter, Schwester, Bruder und Schwägerin leben noch immer in der Provinz, die Benjamin verlassen hat, um in der Grossstadt ein erfolgreicher Video-Künstler zu werden. Nun aber ist er todkrank und sucht noch einmal die Familie auf. Seine überraschende Ankunft versetzt die Familie in Aufregung. Seinem zwei Jahre jüngeren Bruder gegenüber, der ohnedies immer schon darunter zu leiden hatte, dass die Mutter den heimgekehrten Sohn eindeutig vorzog, geniesst er nun auch noch die Vorteile des verlorenen Sohnes. Seine viel jüngere Schwester macht ihn dafür verantwortlich, dass sie noch zu Hause lebt, wo sie sich langweilt und das Gefühl hat, ihr Leben zu verpassen.

Mit der Kamera auf Spurensuche

Das Stück thematisiert eine quälende Familiensituation. Unter der Oberfläche sorgenden Wohlwollens füreinander hat sich ein Berg an wechselseitigen Vorwürfen, Kränkungen und Aggressionen aufgestaut. Ausführlich wird über Eitelkeiten und Belanglosigkeiten gesprochen, doch das Wichtigste wird dabei nicht erwähnt: Benjamin, der offenbar homosexuell ist, wird sterben und er ist zurückgekommen, um seinen «nahen und unheilbaren Tod selbst anzukündigen.»

Mit der Live-Kamera unterwegs: Benjamin Lillie im Haus der Eltern.

Christopher Rüping zeigt in der Schiffbau-Halle vor kleinem Publikum (maximal 50 Zuschauerinnen und Zuschauer pro Vorstellung sind zugelassen) ein gelungenes Kammerspiel, das mit seiner Reflexion gesellschaftlicher Verwerfungen unter die Haut geht. «Wer war zwölf Jahre nicht zu Hause? Ich war zwölf Jahre nicht zu Hause» rappt der heimgekehrte Benjamin zu Beginn zur Schlagzeug-Musik von Matze Prölloch. Dann erkundet er 20 Minuten lang kommentarlos mit der Live-Kamera die unaufgeräumte, mit Erinnerungen vollgestopfte Provinzwohnung seiner Jugendzeit, klaubt in seinem erhaltenen Jugendzimmer unter dem Bett Pornozeitschriften hervor, entlarvt die Mutter als leidenschaftliche Sammlerin von Schwemmholz (Bühnenbild Jonathan Mertz).

Eine hochnotpeinliche Begegnung

Die drei begehbaren, voneinander separierten Wohnungsräume der 90er-Jahre werden weggeräumt, die Familienmitglieder begegnen sich auf der völlig leeren Bühne mit den Wänden der abgebauten Kulisse an den Seiten. Es ist kein freudiges Wiedersehen, man spürt förmlich das sich anbahnende Familiendrama. Sparsame, oft peinliche Dialoge markieren die Gespaltenheit zweier Welten. Auf der einen Seite Benjamin, der im Angesicht seines nahenden Todes die Lebensentscheidung, von zu Hause fortgegangen zu sein, offenbar vor sich selbst rechtfertigen will, auf der anderen Seite die zurückgebliebenen Familienmitglieder, die die Heimkehr Benjamins vorurteilshaft missbilligen. Der Versuch der Schwägerin, die hochnotpeinliche Situation zu entschärfen, verkommt zur Farce.

 

Erste Begegnung auf leerer Bühne (v.l.): Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Nils Kahnwald, Ulrike Krumbiegel. Fotos: Diana Pfammatter

Denkwürdig bleibt der Schluss, wo Benjamin seinem Bruder sein nahes Ende verkündet und vergeblich um eine Umarmung bettelt, derweil die Lichtregie die Bühne in ein blutiges Rot taucht und die Familie ganz zum Schluss mit Gebläse Urnenasche (Konfetti) über sich fliegen lässt. Benjamin Lillie spielt den verlorenen Sohn höchst ambitiös gespalten, rundum grandios verkörpert er den smarten grossstädtischen Typ, der sein Zurückkommen narzisstisch zu rechtfertigen versucht. Nicht minder beeindruckend ist die schauspielerische Leistung der übrigen Darsteller (Nils Kahnwald als Bruder, Ulrike Krumbiegel als Schwester, Maja Beckmann als Mutter und Wiebke Mollenhauer als Schwägerin), die sperrig, wortkarg und eigenwillig der Rückkehr des verlorenen Sohnes misstrauen.

Geboten wird insgesamt ein Theaterabend quälender Wahrhaftigkeit. Ursprünglich hätte die Premiere im Frühsommer sein sollen, aber da ging selbst in Zürich kein Theater. Am 17. Dezember ist die Aufführung im Live-Stream zu sehen, Rüping selbst übernimmt die Kameraregie.

Weiter Spieldaten: 9., 11., 13., 17., 19., 20., 22., 26., 29., 30. Dezember, 4. Januar 2021

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