FrontKolumnenJohn le Carré, die Liebe und Jean-Louis Jeanmaire

John le Carré, die Liebe und Jean-Louis Jeanmaire

Es war am 1. September 1989, an einem strahlenden Spätsommer-Tag. Wir sassen auf der Terrasse des Hotels Bellevue Palace in Bern, genossen den Blick in die Landschaft, auf den Gurten, hatten eben mit einem Glas Champagner angestossen. Wir waren aufgeräumt, hatten eben die Aufzeichnung eines Sonntag-Interviews* im Bundeshaus-Studio hinter uns gebracht, das dann am Sonntag darauf ausgestrahlt wurde: John le Carré als Gast. Während ich noch dem Ablauf des Interviews nachsinnierte, prüfte, ob es auch gelungen war, strahlte mich John le Carré etwas verschmitzt an. In seinem warmen Tonfall, in perfektem Hochdeutsch, fragte er mich: „Wissen Sie, weshalb ich immer wieder ins Bellevue gehe, hier oft übernachte, weshalb ich das immer wieder mit einem Schuss Hoffnung tue?“ Ich machte grosse, erwartungsvolle Augen. Er wartete keine Antwort ab: „Als ich 1948/49 in Bern studierte, verbrachte ich jeweils den Sonntagnachmittag bei Thé Dansant hier im Bellevue-Saal. Hier traf ich sie, meine erste ganz grosse Liebe, es funkte beim ersten Tanz. Es war ein wundervoller Nachmittag, Tanz an Tanz. Leider war es der erste und der letzte Nachmittag, den ich mit ihr verbringen konnte. Sie kam nie wieder, und ich hatte verpasst, was mir sonst nie passiert, mehr über sie in Erfahrung zu bringen. Und immer wenn ich hier bin, kommt in mir die leise Hoffnung auf, dass sie, wie in meinen Träumen, einfach hier vor mir erscheint.“

John le Carré

Wir schwiegen eine ganze Weile, bis mir ein Satz von ihm im Interview einfiel: „Im Geheimdienst ist das Geheimnis das Faszinierende, es ist die Macht, etwas über eine Person zu wissen, was diese Person nicht weiss, nicht ahnt, dass ich es weiss.“ Mit „Sie hätten doch etwas mehr über diese wunderbare Frau in Erfahrung bringen können“ versuchte ich, das Gespräch wieder in Gang zu bringen. „Ich war zu fiebrig, zu erregt, um klar zu denken. Das habe ich dann im britischen Geheimdienst gelernt, vor allem an der deutschen Grenze und darüber hinaus zum damaligen Sowjetreich, den Warschauer-Pakt-Staaten, nüchtern und beherrscht zu bleiben, auch in schwierigen, emotionalen, ganz gefährlichen Situationen.

Jetzt ist John le Carré, bürgerlich David Cornwell, am 12. Dezember mit 89 Jahren gestorben. Mit seinem dritten Spionageroman „Der Mann, der aus der Kälte kam“ schaffte er den Durchbruch, der Thriller machte ihn weltberühmt. Er reihte Erfolg an Erfolg und oft spielten in seinen Büchern, die meistens auch verfilmt wurden, die Schweiz, auch Bern eine wichtige Rolle.

Uns verbanden berufliche Kontakte. Wenn er anrief, wollte er immer irgendetwas wissen, was er selber nicht vor Ort recherchieren konnte. So interessierte er sich stark für den Schweizer „Jahrhundert Spion“ Jean-Louis Jeanmaire, der 1977 wegen Geheimnisverrat an die Sowjetunion zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt worden war. 12 Jahre davon sass er ab. Ein osteuropäischer Geheimdienst hatte ihn verraten. In der UNA, im Nachrichtendienst der Armee, wurde er observiert und letztlich überführt. Wie schwer sein Vergehen war und ob die hohe Strafe angemessen war, ist nie ganz an die Öffentlichkeit gedrungen. Bundesrat Kurt Furgler, der damalige Justizminister, hatte ihn in einer geharnischten, emotionalen Rede im Parlament schon vor dem Verfahren vorverurteilt, so gross war damals der Reflex auf die Machenschaften der Sowjetunion. Bei meinen Recherchen versprach mir Kurt Furgler, dass er mir das Geheimnis zu gegebener Zeit mal lüften werde. Er tat es nicht, er nahm es mit in sein Grab.

Ich brachte John le Carré und Jean-Louis Jeanmaire nach seiner Entlassung zusammen. Zu Dritt sassen wir zu Tisch und plauderten über dies und jenes, immer wieder flocht John le Carré, der ehemalige Spion, gekonnt Fragen ein, er spürte sachte dem Motiv von Jean-Louis Jeanmaire nach, weshalb er, wenn überhaupt, Geheimnisverrat begangen hatte. Jeanmaire erzählte, dass seine Frau eine starke emotionale Beziehung zu Russland hatte. Jules Butscher, ihr Vater, war 1919 aus der Krim, wo er Land, Wald und Immobilien besass, ausgewiesen worden. Seine Frau habe zeitlebens diesem Verlust nachgetrauert. Nicht zuletzt deshalb freundete sich Jeanmaire 1961 mit Oberst Wassili Denissenko an, dem Militär- und Luftwaffenattaché in der sowjetischen Botschaft in Bern und Vertreter des Militärnachrichtendienstes GRU. Denissenko baute eine enge Beziehung zu Jeamaires Frau auf und war oft Gast in der Wohnung des Ehepaars Jeanmaire in Lausanne. Ihm und seinen Nachfolgern hat er, so im Urteil, wiederholt klassifizierte Dokumente über die Schweizer Armee übergeben. Wie bedeutend die Dokumente waren, ist und wird immer wieder in Zweifel gezogen. John le Carré wollte immer wieder wissen, ob und wieviel Geld denn geflossen sei. „Nein“, meinte Jeanmaire. Einmal im Gang beim Abschied gab er mir zwar ein ganzes Bündel Geldscheine. Mit einer heftigen Handbewegung warf ich die Scheine zu Boden und sagte: «ich will die nicht». „Und“, fragte le Carré leise, „wer las sie auf?“ Jeanmaire rutschte hin und her und brummte etwas vor sich hin. Die Reportage über Jean Louis Jeanmaire erschien im amerikanischen Magazin „The NewYorker“.

*Das Sonntags-Interview mit John Le Carré, gesendet am 3. September 1989, kann im Archiv von SRF abgerufen werden.

 

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