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Teenager im Kosovo-Krieg

Während der Krieg am Ende der 1990er-Jahre näherrückt und die ethnischen Spannungen eskalieren, ringt die dreizehnjährige Dua darum, ihren Platz bei den Gleichaltrigen und ihr Glück bei sich selbst zu finden. Zwischen allgegenwärtiger Gewalt und Angst vor der Flucht bleibt kaum noch Raum für stille Momente zum Erwachsenwerden. Blerta Basholli schuf mit «Dua» ein eindringliches Dokument über die wenig bekannte Situation vor dem Krieg. Ab 15. Oktober im Kino.

Blerta Basholli, die Regisseurin, im Kosovo geboren, ist für ihren visuell realistischen Stil und ihre geschlechtsspezifischen sozialen Themen bekannt. Sie hat mit Kurzfilmen begonnen, die bei Festivals mehrfach ausgezeichnet wurden. Ihr Spielfilmdebüt «Hive» erhielt beim Sundance Film Festival 2021 gleich drei Preise. «Dua» ist ihr zweiter langer Film. 

Dua.3Teenager unter sich 

Zwischen Erwachsenwerden und Kriegsdrohungen 

Im Ausgang plaudern Teenager über Tanzen, Schönheit und Liebe. Unvermittelt fahren Serben vor, die Kosovarinnen fliehen, später wird in einer Wohnung weiter getanzt. Im Familienkreis streiten und lachen Dua und ihr Bruder Vegim. Das Fernsehen berichtet von Verhaftungen durch Paramilitärs und 300 000 vertriebenen Albanern. Leonora, eine Mitschülerin, wird ermordet, Dua von einem Mann belästigt. Das Hin- und Herpendeln der Handlung steigert sich in stets kürzeren Kadenzen. Schüler, die fliehen mussten, kommen in ihre Schule, wo unbezahlte Lehrkräfte unterrichten. Maki nimmt Dua zum Judo-Training mit, wo sie Selbstverteidigung lernt. Weiter geht es auf und ab, hoffend und zweifelnd. Und schon bald beginnen Diskussionen über eine Flucht ins Ausland.

Diese intensiv arrangierten und gespielten Szenen wurden von Lucie Baudinaud atemlos mit der Handkamera festgehalten, mit der hektischen Montage von Enis Saraçi dynamisiert, mit Musik von Enis Saraçi vertieft ‒ sie spiegeln die zerrissene Innenwelt der Jugendlichen. Zu Hause laufen kitschige US-Filme und harte Lokal-News. Alles pendelt zwischen einem berührenden Jugendfilm und einem drohenden Kriegsfilm. 

Von hier weg bringe ich, gekürzt und angelehnt an das Interview mit der Regisseurin, Ergänzungen über Duas Leben und Informationen über Kosovos Geschichte. 

Dua.2Dua mit Freundin Maki 

Warum nach «Hive» den Kosovo weiter erforschen? 

Für Basholli war es wichtig, auf das zurückzublicken, wie sie im Krieg gelebt, geliebt, geträumt hatte und wie der Alltag damals verlief. Alles aus der Perspektive einer Frau, die damals aufwuchs und heute sich erinnert. Leute, die noch keinen Krieg erlebt haben, denken oft, im Krieg gebe es Bomben, Raketen und damit Schluss. Doch im Alltag versuchten auch die Menschen im Krieg zu leben wie alle anderen: erfolgreich sein, gute Musik hören, sich verlieben und sich wohlfühlen. Der Film will uns diese Menschen näherbringen, jenes Leben zeigen, das für viele in der Ukraine, in Palästina und auf der ganzen Welt weiter aktuell ist. 

Dua.1Vor der toten Schülerin

Basiert «Dua» auf ihrer eigenen Geschichte? 

Die meisten Szenen im Film fussen auf dem, was Blerta Basholli in der Jugend erlebt hat und was ihr widerfahren ist. Sie war sechzehn, als der Krieg endete. Es geht darum, die Proteste nochmals zu erleben, die Nachrichten zu verfolgen und an den Diskussionen teilzunehmen. Sie wollte auch erzählen, wie es war, als es galt, ihr Land verlassen zu müssen, obwohl sie es liebte. All diese Themen waren wichtig. Zusammen mit der Co-Autorin Nicole Borgeat ist es gelungen, diese Momente miteinander zu verweben. 

Dua.4Mit Judo kämpfen lernen 

Kontext und Zeiten der Ereignisse 

Als Jugoslawien auseinanderzubrechen begann, tobten Kriege in Bosnien, Kroatien und Slowenien. Seit 1989 stand Kosovo unter grossem Druck; Albaner:innen wurden aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit von ihren Arbeitsplätzen entfernt. Gymnasien und Universitäten wurden geschlossen, es entstand ein paralleles Bildungssystem, die Menschen verwandelten ihre Häuser zu Schulen, wo die Lehrer ohne Lohn arbeiteten. 1989 eskalierten die Spannungen. Serbische Streitkräfte nahmen Familien ins Visier, die sich für die Unabhängigkeit des Kosovos einsetzten. Diese wurden inhaftiert und gefoltert, bis sie aufgaben. Ab 1997 begann sich die Lage zu verschlechtern. Am 1. Oktober kam es in Pristina zu einer blutigen Studentenprotestkundgebung. Auch Duas Bruder und ihre Schwestern wurden auf der Strasse von der Polizei zusammengeschlagen. Es folgten Schusswechsel in den Dörfern und auf den Bergen. Je näher 1999 rückte, desto mehr Unterdrückung und Morde gab es, auch in Pristina. Im März 1999, als kein Friedensabkommen zwischen dem Kosovo und Serbien unterzeichnet wurde, beschloss die NATO, Bombenangriffe zu fliegen. Zu dieser Zeit kam es im Kosovo zu Massakern. Viele Menschen wurden getötet oder mussten nach Albanien auswandern. Im Juni 1999 wurde der Kosovo befreit. 

Dua.5Vater und Tochter 

Der Film erinnert an einen Coming-of-Age-Film, doch Dua wird stets von der Kriegsrealität eingeholt und zurückgeworfen. Wolltest du die Komplexität des Teenagerlebens im Krieg zeigen? 

Genau. Im Krieg geht es nicht nur um Waffen und Blut. Auch der Alltag ist schwierig. Die Menschen versuchen, zu überleben, ihr Leben weiter zu leben wie die andern. Es sollte kein historischer Film werden, sondern ein Film über Teenager im Krieg. Um zu zeigen, dass die Jugendlichen in kriegsgeschüttelten Ländern genauso sind wie jene in andern Ländern. Alle haben ihre eigenen Träume und Probleme, sind nicht sicher, ob sie in ihrem Freundeskreis akzeptiert werden, sie jemand mag, der sie küsst oder sich küssen lässt und sie miteinander träumen können. «Dua» ist aus der Perspektive einer Teenagerin gefilmt: Wir hören, was sie hört, sehen, was sie sieht, es ist ihre subjektive Art, die Dinge wahrzunehmen.

Due.8Geflohene Schüler 

Ein Krieg vor dem Krieg 

Dass Kriege nach deren offizieller Beendigung nicht beendet sind, wissen wir, spätestens seit dem Vietnam-Krieg, als heimkehrende Soldaten sich kaum mehr ins zivile Leben eingliedern konnten und weiter im Kriegsmodus lebten oder daran scheiterten. «Dua» zeigt zusätzlich, dass bereits ein nahender Krieg Gemeinschaften, Familien und Einzelne stören, vor allem Jugendliche in ihrer Entwicklung behindern kann. Die Filmemacherin wünscht sich, «dass die Zuschauer das Gefühl haben, wir seien 1998 bei einer albanischen Familie zu Gast».

Das leistet sie meisterhaft: professionell in der Verwendung der Filmsprache, mit dem Feingefühl der Darsteller:innen und der Crew und ihrer persönlichen Empathie. Konkret spielt der Film im Kosovo und weist, ohne dass Änderungen nötig sind, vom Kosovo über Kiew nach Gaza ‒ und zu uns.

Wie sich die Texte der Regisseurin auf den Cast und sie Schauspielführung auswirken, zeigt das integrale Interview im Anhang.

Titelbild: Dua vor ungewisser Zukunft

Interview mit Blerta Basholli

Regie: Blerta Basholli, Produktion: 2026, Länge: 101 min, Verleih: Frenetic

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