Mit der Symbolschrift Wingdings, von Charles Bigelow und Kris Holmes geschaffen, hat das Literaturmuseum in Zürich den Flyer zur neuesten Ausstellung «UNLESBAR» im Strauhof beschriftet.
Unlesbar sind für viele von uns Graffiti an Mauern, Handschriften aus dem 19. Jahrhundert, Programmiercode oder fremde Schriften wie japanisch und arabisch. Das Unlesbare wird in der Ausstellung noch weiter gefasst: Aus dem Literaturarchiv in Bern, mit dem zusammen die Ausstellung aufgebaut wurde, hat Co-Kurator Magnus Wieland zahlreiche Zettel, Briefe, Hefte von Dichterinnen und Autoren zusammengetragen, die sich der Entzifferung entziehen: da sind geschwärzte, vergilbte, mehrfach übereinander geschriebene oder eben schlicht unleserliche Manuskripte – eine Herausforderung für die Archivare und Faszination für Ausstellungsbesucherinnen.
Blick in den Raum mit Originalen auf Archivwagen
Programmiercode oder fremde Schriften wie japanisch und arabisch. Das Unlesbare wird in der Ausstellung noch weiter gefasst: Aus dem Literaturarchiv in Bern, mit dem zusammen die Ausstellung aufgebaut wurde, hat Co-Kurator Magnus Wieland zahlreiche Zettel, Briefe, Hefte von Dichterinnen und Autoren zusammengetragen, die sich der Entzifferung entziehen: da sind geschwärzte, vergilbte, mehrfach übereinander geschriebene oder eben schlicht unleserliche Manuskripte – eine Herausforderung für die Archivare und Faszination für Ausstellungsbesucherinnen.
Ins Licht geschoben: drei Originale auf dem Serviertablett – aber lesbar?
42 Originaldokumente sind auf den in Archiven üblichen Aktenwagen unter Glas präsentiert. Sie lassen sich an eine der drei Lichtquellen ziehen oder schieben, denn die Zettel, Papiere und Karten sind so lichtempfindlich und teilweise so kunstvoll wie manche Grafik in Kunstmuseen. Beim lesen oder entziffern gibt es keine Unterstützung, nur die Archivnummern aller Exponate sind beim Eingang in den Raum aufgeführt. Im „Labor“ nebenan stehen Arbeitsplätze zur Verfügung, an denen man faksimilierte Dokumente, auch Robert Walsers Mikroschrift, entziffern oder sie von Expertinnen erklären lassen kann.
Das Labor mit der Koje fürs Enträtseln von Robert Walsers Mikrogrammen
Am Anfang war das Wort, später wurde es mit Zeichen dargestellt und damit für alle zugänglich gemacht, welche den Code kannten. Noch gibt es weltweit viele Schriften, die nicht entziffert, deren Inhalte nicht enträtselt sind. Fotos von Tonscherben oder Steintafeln verweisen auf den Stand der Forschung beim Deuten beispielsweise der minoischen Schrift oder der Isthmus-Schrift aus Mittelamerika. Lesbar wurde mit KI unlängst eine verkohlte Schriftrolle aus Herculanum.
Der Stein von Rosetta und eine der goldenen Platten für die Ausserirdischen
Dank dem Stein von Rosetta konnten die Hieroglyphen entziffert werden, denn darauf war ein Dekret in griechisch, hieroglyphisch-ägyptisch und demotisch, einer ägyptischen Kurrentschrift, geschrieben. Und gleich daneben präsentiert sich als Kopie eine der Golden Records, Datenplatten mit Bild- und Audio-Informationen, die an Bord der beiden 1977 gestarteten interstellaren Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 als Botschaft für Ausserirdische angebracht sind.
Fundstück in Felix Philipp Ingolds Archivschachteln: ein Text von Dichter Reto Hänny an den Dichter Ingold.
Die Freude am Enträtseln von kryptischen Zeichen ist nicht nur unter Archäologen verbreitet, sie beschwingt auch Philologinnen und Experten im Literaturarchiv: Die Überschreibungen von Erica Pedretti, oder die von Werner Morlang und Bernhard Echte entzifferten Mikrogramme Robert Walsers sind bekannt, aber im Berner Archiv lagern noch viele Manuskripte in unlesbarer Handschrift, Streichungen und Schwärzungen, die den Schreibprozess sichtbar machen und auf Bearbeitung warten. Erst 2032 lesbar ist der Inhalt einer versiegelten Schachtel, die Friedrich Dürrenmatt, Initiant des Literaturarchivs, als Teil seines Nachlasses hinterliess.
Friedrich Dürrenmatts Black Box mit Siegel
Neben unlesbaren Schriften aus alten Zeiten und Originalen aus dem SLA gibt es auch eine kleine Bibliothek mit rosa Einbänden und dem Buchtitel in Wingdings. Nora Barnacles Frage an ihren Ehemann James Joyce führt ins Thema ein: „Why don’t you write books people can understand?“ steht wandfüllend schwarz auf weiss (passend im Strauhof-Haus, wo doch einen Stock höher sich wöchentlich eine Gruppe Begeisterter in der James Joyce-Archivstiftung der Entschlüsselung von Finnegan’s Wake widmen).
Blick in den Raum mit den als unlesbar abgestraften durchaus lesbaren Büchern
Wer das eine oder andere rosa Buch, die sämtliche als unlesbar gelten, öffnet, findet darin Seiten in geläufiger Druckschrift: vom erwähnten Finnegan’s Wake über 50 Shades of Gray bis zu Pippi Langstrumpf. Letzteres wegen des Unworts „Negerkönig“, während die beiden anderen Werke als zu trivial oder zu komplex und als unlesbar abgeurteilt wurden. In Gymnasien gelten mehr und mehr auch Klassiker als unlesbar, daher verstärkt sich ein Trend, die Klassiker in einfacher Sprache zu lesen. In der Ausstellung ist stellvertretend die erste Seite aus Goethes Werther, gedruckt in Frakturschrift, zu sehen.
In dem Heft oben hat Franz Hohler einst das «Totemügerli» aufgeschrieben.
Es gibt auch lesbare Texte, die Unlesbares verarbeiten. Judith Kellers neuer Roman Wilde Manöver in dem mit Holzstückchen rätselhafte Zeichen der Zukunft gelegt werden und Franz Hohlers Totemügerli. Einige der erfundenen Wörter in dieser Berndeutsch-Parodie sind in die Alltagssprache gehüpft, oder verstehen Sie «aaschnäggele» nicht?
Ein Screen gibt den Blick frei auf Regale und Schachteln im Literaturarchiv.
Rémi Jaccard und Philip Sippel vom Literaturmuseum haben in Zusammenarbeit mit Magnus Wieland vom SLA «unlesbar» in jeder denkbaren Richtung ausgereizt und dank der Szenografie von Ortreport so animierend präsentiert, dass sich die Lust am Schauen, Lesen, Entziffern wie von selbst einstellt. Welch weites Feld das Stichwort ausfüllen kann, zeigt auch das Video Theater der Zeichen, welches auf philosophischen Texten beruht, die in der Begleitbroschüre auszugsweise abgedruckt sind. Ebenso auf Video, aber auf kleinem Screen, erfreut uns Hermann Burger in einem Filmbeitrag, den Fred van der Kooij 1986 unter dem Titel „Drei Lektionen über die Leselosigkeit“ realisiert hat.
Wer über die Exponate auf den Archivwagen mehr erfahren will, kann das in der Zeitschrift des SLA Passim nachlesen, welche wie die Broschüre UNLESBAR und die Publikation Quarto am Eingang erhältlich ist. Ausserdem finden im Lauf der Ausstellungszeit mehrere Veranstaltungen und Lesungen statt.
Titelbild: UNLESBAR IM STRAUHOF mit Wingdings geschrieben
Fotos: © Gataric Fotografie
Bis 3. Januar 2027
Hier finden Sie weitere Informationen zur Ausstellung
