FrontGesellschaftDie Schweiz im Jahr 2291

Die Schweiz im Jahr 2291

Was bringt das neue Jahr? Wie werden unsere Nachkommen in fünfzig oder hundert Jahren leben? Was sind die Herausforderungen am 1000. Geburtstag der Schweiz im Jahr 2291? Ein Sammelband gibt Gelegenheit für Gedankenspiele.

«Lung beschreibt eine Krankheit, die sich epidemieartig über die zivilisierte Menschheit ausbreitet. Die von Lung betroffene Bevölkerung der Welt plündert die Ressourcen unseres wunderschönen Planeten Erde ungehemmt. Menschen ohne Berührung zur Zivilisation erkranken höchst selten an Lung.» Der Artikel der Extrembergsteigerin und Bergführerin Evelyne Binsack, der auf einer Begegnung mit einem buddhistischen Mönch in einem tibetanischen Kloster beruht, weckt Assoziationen zur aktuellen Corona-Pandemie, die uns auch 2021 noch plagen wird.

Mit ihrem Beitrag – und das ist wichtig – beschreibt die Abenteurerin allerdings mehr als ein ausser Kontrolle geratenes Virus. Evelyne Binsack erwähnt einen Missstand unserer aktuellen, westlichen Gesellschaft, dem viele erlegen sind: «Lung ist die Gier der Menschen. Sie äussert sich im Getriebensein, im Ehrgeiz, im Neid, in der Missgunst, in seiner Egozentrik. Von Lung befallene Menschen sind rastlos. Sie glauben zwar, das Richtige zu tun, ihre Absichten aber sind nicht von reiner Natur, sind nicht auf Werte, Ethik und in Harmonie unserer Naturgesetze gestützt.»

Die Welt unter der Lupe.

Im Sammelband unter dem Titel «2291» von Christian Häuselmann haben sich siebzig Autorinnen und Autoren Gedanken zur Gegenwart und Zukunft der Schweiz gemacht. Entstanden ist ein Zukunftsdialog mit 70 Visionen, 70 Wünschen, 70 Geschichten über die Schweiz von morgen. Ausser von Evelyne Binsack liest man Beiträge von Marco Solari, Zoë Jenny, Carolina Müller-Möhl, Rudolf Strahm, Nina Dimitri, Nicolas Bürger, Antoinette Hunziker-Ebneter, Arnold Hottinger, André Schneider, Franz Steinegger, Nicole Loeb, Claude Nicollier, Frank Bodin, Katja Gentinetta, Andrea Scherz, Thomas Straubhaar, André Lüthi, Renzo Blumenthal und vielen weiteren Persönlichkeiten.

Nach dem Chaos die Harmonie

Ein Chaos prognostiziert die Managerin Lina Bee für das Jahr 2087. Viele Schweizer Unternehmen gingen in den Konkurs, das Arbeitsklima werde härter, weltweite Konflikte nähmen zu, prognostiziert sie in ihrem fiktiven Tagebucheintrag. 2091 würden die Grenzen zu den Nachbarstaaten aufgehoben, die schweizerische Eidgenossenschaft in der alten Form gebe es ab dann nicht mehr. Doch hundert Jahre später bestünde wieder Hoffnung: «2291 lebt jeder in lokalen Communities oder Interessengemeinschaften. Einige Menschen mit besonderen Talenten gingen gelegentlich noch einer regelmässigen Tätigkeit nach. Andere lebten in einer Art «Freak-Community».

Auch der Theologe und Streetworker Beno Kehl geht davon aus, dass die heutigen Staatsgrenzen im Jahr 2291 aufgehoben sein werden. Die lokalen Kulturen würden aber weiterhin geschätzt, gepflegt und weiterentwickelt, schreibt er. Kehl ist überzeugt, dass auf das Chaos die Harmonie folgen wird: «Jeder ist dann irgendwie Lehrer und Schüler, und stetige Weiterbildung gehört dazu wie essen und trinken. Die Menschen müssen nicht arbeiten, um ihr Geld zu verdienen. Ebenso sind Freizeitvergnügen und Arbeit irgendwie eng miteinander verknüpft.»

Die Schweiz und Europa

Der ehemalige IKRK-Präsident, alt Staatssekretär Jakob Kellenberger, fürchtet, die Umwelt werde 2291 noch gefährdeter sein, als sie es heute schon ist. Fortschritte wünscht er sich bezüglich einer Integration der Schweiz in Europa. «Ich wünsche mir für 2291 eine Schweiz mit mehr aussenpolitischem Gestaltungsehrgeiz. Dieser Ehrgeiz wird unser Land in erster Linie in Europa zeigen und üben müssen. Ich sehe für 2291 keine Alternative zu einer Schweiz, die stärker in die europäischen Strukturen eingebunden sein wird.»

In 2291 wieder eine intakte Natur? Im Bild der Aletschgletscher. Fotos: Pisabay

Optimistisch gibt sich Roland Siegwart, Hochschullehrer und Robotiker: In einem Brief an seine Urenkelin zeigt er sich überzeugt, dass die Menschheit lernfähig sein wird: «Die Natur ist 2291 wieder intakt, die Menschen leben harmonisch und selbstbestimmt in liberaldemokratisch regierten Städten, und Kriminalität, Hunger und Armut gibt es nicht mehr.» Ein wesentlicher Grund für den Fortschritt sieht Siegwart im der Weiterentwicklung der Maschinen: «Roboter entlasten uns auch in allen gefährlichen und gesundheitsschädigenden Arbeiten, auf dem Feld, in den Minen, in der Produktion und beim Recycling unserer Produkte. Sie ermöglichen es, uns auf kreative und kommunikative Aufgaben zu konzentrieren, wo wir Menschen den Robotern immer noch haushoch überlegen sind.»

Seine Zukunftswünsche drückt der Pilot und Mitbegründer von Solar Impulse, André Boschberger, wie folgt aus: «Wir müssen lernen, Veränderungen zu akzeptieren. Das wird für die Zukunft entscheidend sein. Die Menschen, die dazu in der Lage sind, werden die Menschen sein, die überleben werden.»

Der Eisbär als Lehrmeister

Und wie lautet die Erkenntnis von Evelyne Binsack nach ihren Höchstleistungen am Berg und den Gesprächen mit einem tibetanischen Mönch?: «In hundert Jahren wird das Nordpolarmeer nicht mehr zugefroren und der Lebensraum der Eisbären zerstört sein. Aber das mächtige, starke Tier ist zu meinem Lehrmeister geworden. Er heilt mich von Lung. Ich bin mir heute bewusst, dass freiwilliger Verzicht der Menschen nötig ist, damit unsere Erde genesen kann. Genesen von den Verletzungen, die wir Menschen durch die Krankheit Lung verursachen.»


Christan Häuselmann: «2291 – Siebzig Persönlichkeiten beschreiben die Schweiz an ihrem 1000. Geburtstag – ein Zukunftsdialog». Weber Verlag, Gwatt. ISBN 978-3-03818-188-0

 

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