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Von Dürrenmatt persönlich eingeladen…

Als Vorstandsmitglied des ZRV lese ich natürlich jede Nummer der Zeitschrift SeniorIn ganz genau, nicht zuletzt, weil ich bei der Konzeption dieser Publikation unter der ZRV-Leitung von Anton Schaller aktiv dabei war. Die eben erst erschienene neue Ausgabe hat mich nun ganz besonders angesprochen, und ich gratuliere den Machern zu dieser Nummer. Das Thema „Lesen“ ist ja gerade in der jetzigen Corona-Zeit – bei allzu wenig kulturellen Angeboten – ganz besonders wichtig. Aber auch die früheren Hefte sind immer gut gemacht und verdienen Beachtung.

Der Dürrenmatt-Artikel von Linus Baur in der neuen SeniorIn-Ausgabe hat mich an eine frühere Begebenheit mit dem Schriftsteller erinnert. Seit Jahren – nicht nur im Jubiläumsjahr – lese ich alle Zeitungs-Artikel über diesen hervorragenden Schweizer Schriftsteller, ja ich kann mich noch immer als Fan von ihm bezeichnen. Ich habe vor Jahrzehnten (es dürften mehr als 60 Jahre her sein!) meine Deutsch-Matura-Arbeit über die ersten Dramen von Dürrenmatt geschrieben (übrigens beim Gymi-Lehrer Arthur Häny, bekannter Lyriker und Schiller-Preis-Träger!). Im jugendlichen Übermut habe ich den schon damals bekannten und in Zürich schon mehrfach aufgeführten Schriftsteller angeschrieben – mit der Frage, ob er mir allenfalls für meine Arbeit einige Unterlagen zur Verfügung stellen könne. Wer hätte es ahnen können? Dürrenmatt telefonierte dem mutigen Gymnasiasten und lud ihn (zusammen mit dem Kollegen, der über die Prosa von D. eine Arbeit schreiben musste) nach Neuenburg in seine Villa am Berg oberhalb der Stadt ein.

Nur allzu gerne nahmen wir die Einladung an und fuhren von Zürich in die Westschweiz. Wir wurden sogar von ihm persönlich in seinem grossen gelben „Amerikaner-Schlitten“ auf dem Bahnhof abgeholt und dann in seinem Arbeitszimmer sehr freundlich empfangen. Er zeigte uns seine Arbeitsweise (meist als Erstes handschriftliches Niederschreiben der Texte, mit vielen Eigenkorrekturen, an einem sehr langen Bürotisch, mit grosser elektrischer Schreibmaschine und umfangreicher Bibliothek im Hintergrund). Natürlich durften wir auch seine schon damals beeindruckenden Bilder und Illustrationen bewundern. Wir fühlten uns entsprechend geehrt, nicht zuletzt, weil der berühmte Schriftsteller uns „kleinen“ Gymnasiasten auch den ersten weissen Cinzano servierte… Kurz vor 23 Uhr mussten wir aufbrechen, um den letzten Zug in die Deutschschweiz nicht zu verpassen. Man vermutet richtig: Friedrich Dürrenmatt fuhr uns mit seinem Wagen wieder zurück zur Bahn! Wir waren extrem stolz, die Mitschüler staunten und selbstverständlich besuchten wir auch später alle Premieren im Zürcher Schauspielhaus und passten ihm beim Künstlerausgang ab.

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