FrontKolumnenAuf den Spuren Obamas

Auf den Spuren Obamas

Es stehen uns spannende Tage bevor. Und es ist nicht ganz auszuschliessen, dass wir gar ein sowohl spannendes als auch entspannendes Jahr erwarten können. Die zentrale Frage «Gesundheit vor Wirtschaft oder Wirtschaft vor Gesundheit?», welche die Politik so umtreibt, wird an Dominanz verlieren, wenn weltweit genügend Impfstoff vorhanden sein wird, wenn die Impfaktionen sorgfältig und umsichtig durchgeführt werden, auch in der Schweiz, wo es noch an Impfstoff mangelt, wo die Aktion nicht so recht ins Rollen kommt. Leider.

Schon am 5. Januar kommt es im US-Bundesstaat Georgia zu Nachwahlen für den Senat. Der Ausgang wird entscheiden, wie unabhängig, wie frei, wie zukunftsorientiert, auch wie gradlinig Joe Biden die USA in den nächsten vier Jahren regieren kann. Kann er und wie wird er das gespaltene Land unaufgeregt, entspannt vereinen können. Oder steht er im Senat einer republikanischen, zwar ganz knappen Mehrheit gegenüber, die alles blockieren, die Spaltung weiter vorantreiben wird, gar den Trumpismus überleben lässt. Ein zaghafter Hoffnungsschimmer ist bereits am US-Polithimmel zu erkennen: Die Republikaner stimmten entgegen Donald Trump dem Armeebudget 2021 mehrheitlich zu und lehnten das Veto des noch amtierenden, schmollenden Präsidenten deutlich ab. Ob Trump in den letzten Tagen, gar Minuten, Sekunden noch zu einem unerwarteten Schlag ausholen wird, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Er klebt am Amt, sieht sich tief verletzt. Ihm ist viel, ganz viel zuzutrauen. Der juristisch-demokratisch letzte Wahl-Akt, die Zertifizierung, wird am 6. Januar im Kongress erfolgen, wenn das Resultat der Wahlmänner-Abstimmung verkündet und sanktioniert, Joe Biden offiziell zum 46. Präsidenten ausgerufen werden soll. Bis jetzt ist öffentlich, dass 11 republikanische Senatoren dagegen Einspruch erheben und eine Kommission einsetzen wollen, um die Wahl zu überprüfen. Trump lässt nicht locker.

Und es trifft sich gut. Weihnachten-Neujahr ist Lesezeit, besonders in Corona-Zeiten. In meinen Händen liegt das dicke, ganz schwere Buch „Ein verheissenes Land“: 977 Seiten lang*. Barack Obama, der Autor, macht es einem zumindest stilistisch recht leicht, seine Schreibe ist klar, unprätentiös, leicht verständlich. Dem Inhalt ist leicht zu folgen, wenn man sich an das erwähnte Personal zu gewöhnen beginnt, die Namen und Funktionen mit der Zeit zu fassen vermag, Schwieriger wird es, wenn es um die Aufarbeitung der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008, wenn es um das Verstehen geht, wie gekonnt, wie umsichtig Obama insbesondere mit seinem Team die Sanierung vorantrieb, was ihm weit vor den europäischen Regierungen, auch vor der Schweizer Regierung, gelang. Geradezu faszinierend ist es, wie er seine Gegenüber beschreibt, sei es Putin, Merkel, Sarkozy, seien es die Mullhas im Iran, die Herren in Peking, wie er mit ihnen verhandelt, wie er sie charakterisiert. Beinahe Augenzeuge wird man, wenn Obama beschreibt, wie die Kommandoaktion gegen Bin Laden, den al Quida-Chef ablief, wie er mit sich kämpfte und sich fragte, wie er als Friedensnobelpreisträger Befehle zum Töten erteilen, wie er als demokratisch gewählter Präsident Ankläger, Richter und indirekt gar Henker sein konnte und danach spürte, dass er eine weit grössere Genugtuung empfand, als er die zwar im politischen Prozess gerupfte Gesundheitsreform im Kongress durchbrachte. Und gar in seinen Bann zieht es einen, wenn er sein Familienleben im Weissen Haus beschreibt, darlegt, welche bedeutende Rollen seine Mutter, seine Grossmutter in seinem Leben spielten.

Und was nun wirklich hoffnungsvoll zu stimmen vermag, ist sein Management-, sein Leadership-Verständnis und -Vermögen, seine praktizierte Staatskunst, wie er seine Stäbe führte und einsetzte, wie er Entscheidungsprozesse lancierte, wie er umsichtig, sorgfältig Entscheidungen reifen liess, den äusserst schwierigen Umgang mit dem Kongress zusehends zu meistern begann und dann, wenn  gar nötig, ganz allleine zu entscheiden vermochte. Obama trat zunächst bei seinem Vizepräsidenten Joe Biden, der seine lange Erfahrung als Senator mit ins Weisse Haus brachte, in die politische Lehre im Umgang mit dem Parlament. Sehr schnell ändert sich aber das Verhältnis. Hier Obama, Mister President, da Biden, sein Vice.

Jetzt ist Joe Biden dran, er kann nun vieles umsetzen, was er bei Obama gelernt hat, er kann vermeiden, was Obama vor allem in seiner zweiten Amtszeit mit dem Kongress nicht  zustande brachte, wie er zusehen musste, wie zusehends der Umgang mit den Republikanern schwieriger wurde. Nach seiner Inauguration am 20. Januar kann Biden mit seinem Team ins Weisse Haus einziehen, kann fortsetzen, was Obama auf den Weg brachte, das, was Trump davon versenkte, ausser Kraft setze, in den Wind schlug, in der Gesundheitspolitik, bei der Krankenversicherung für alle, vor allem in der Aussenpolitik, in der Verständigung und nicht der Konfrontation mit Europa, mit China, auch mit Putins Russland. Und nicht zuletzt wird er die Corona-Krise weit resoluter zu bekämpfen trachten, alles vorkehren, so dass die US-Amerikaner möglichst schnell geimpft werden können, genau so wie in der Schweiz, selbst in Zürich.  Das Jahr 2021 könnte so einen ganz ordentlichen Start hinlegen.

* Barack Obama – Ein verheissenes  Land, erschienen beim Penguin Verlag in der Penguin House Verlagsgruppe GmbH München

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