FrontKulturLoetschers Blick auf Dürrenmatt

Loetschers Blick auf Dürrenmatt

Der Schriftsteller Hugo Loetscher war jahrzehntelang eng befreundet mit Friedrich Dürrenmatt. Umso erstaunlicher, dass in Würdigungen und Nach-Nachrufen zu seinem 100. Geburtstag sein Name nicht auftauchte. Viele Rätsel um Dürrenmatts umfassenden Kosmos liessen sich manifest erhellen. 

Hugo Loetscher war nicht nur einer der intellektuellsten Schweizer Schriftsteller, er war auch ein universeller Kosmopolit,  ein weltgewandter und weitgereister Journalist von der Pike auf, ein scharfsinniger Essayist und Kritiker und ein mit allen Wassern gewaschener Ironiker. Insofern war ihm die Freundschaft mit Dürrenmatt schon fast in die Wiege gelegt. Ganz anders sein Verhältnis zu Max Frisch: «Frisch suchte Jünger, Dürrenmatt hielt Hof. Ich hielt es mit dem Hof» – und sei es in der Rolle des Narrs. Entsprechend war er Dürrenmatt weit freundschaftlicher verbunden als Frisch. Dessen Verbissenheit und Mangel an Selbstironie erlaubten ihm nie einen vertraulichen Umgang.

Diogenes-Taschenbuch, ISBN 978-3-257-23721-4

Nachzulesen sind fiktive Interviews, Wegzeichnungen und Begegnungen, die Loetscher als „Aufsätze zur literarischen Schweiz“ 2003 in seinem Buch „Lesen statt klettern“ im Diogenes-Verlag erscheinen liess. Sie reichen bis ins 16. Jahrhundert zu Thomas Platter und zu Albrecht von Haller zurück und schliessen im 20. Jahrhundert mit biografischen Einordnungen zu Glauser, Rychner, Hohl, Chappaz und Chessex. Die gewichtigsten Beiträge gehören aber Max Frisch („Erschwerte Verehrung“) und Dürrenmatt („Labyrinthische Erinnerungen“), die auf fast 100 Seiten nahelegen, weshalb er sich dem philosophischen Himmelsstürmer aus dem Neuenburger Jura besonders verbunden fühlte.

Er erzählt darin, wie er von Dürrenmatts Tod erfahren hat, mit dem er gerade noch gesprochen hatte, und versammelt seine Notate, Reden, Gespräche und Aufsätze über einen Freund, dem er in kritischer Zuneigung ein halbes Leben verbunden war. Und er berichtet auch davon, wie Dürrenmatts Witwe, als Schauspielerin einst die Admiralin in der TV-Serie „Raumschiff Orion“, privat und öffentlich den Tod des großen Schriftstellers inszenierte.

Diese Seiten entlarven auf zugleich ernüchternde und bizarre Weise, „wie ein großer Mann noch im Tode um sein Eigentlichstes betrogen wurde: seine Würde, die gerade er sein Leben lang sich um jeden Preis bewahrt hat. Da aber war er nur noch das wehrlose Objekt einer ehrgeizigen Selbstdarstellerin, die der gutmütige Regisseur, der nach dem Tode seiner ersten Frau nicht allein zu sein verstand, für seine letzte Arbeit engagiert hatte. Es war, wie er selbst noch erkannte, leider eine Fehlbesetzung.“

Kaum ging am 14. Dezember 1990 Dürrenmatts Todesnachricht über den Äther, wurde Loetscher von vielen Nachrichtenkanälen bekniet, seinen Freund in einem Satz oder auch mit tausend Zeilen zu würdigen. Auch Charlotte Kerr, Dürrenmatts zweite Frau, ruft an und möchte, dass er in der Sendung „zehn vor zehn“ einen Text von Fritz (wie sie ihn nennen) vorliest. Dass dies weder im Sinne Loetschers noch der SRF-Spätnachrichten sein konnte, versteht sich von selbst. 

Friedrich Dürrenmatt und Hugo Loetscher – in Freundschaft verbunden

Das Kapitel „Die Abdankung“ wird von Hugo Loetscher als scharfsinnige Groteske abgehandelt, als könnte sie von Dürrenmatt eigens zu Papier gebracht worden sein. Die weiteren geistreichen Aperçus reichen von «Die erste Begegnung» bis zur Gedenkfeier im Berner Münster, die Kurt Marti moderierte und an der Walter Jens, Urs Widmer, Adolf Muschg und Loetscher selbst Dürrenmatt-Texte in Erinnerung riefen. Bereits 1957 verfasst der Schreibgewandte zur Neufassung von «Die Ehe des Herrn Mississippi» einen Aufsatz für das Programmheft des Zürcher Schauspielhauses. Darin heisst es: «Sonderbar, wie dieser Autor sich mitteilt, wenn er etwas zu sagen hat; er benimmt sich, als ob er nichts zu sagen hätte, macht aus jedem Weg einen Umweg, spottet von unten und entlarvt um die Ecken, treibt sein Spiel mit dem Spiel, und dies wiederum mit einem Eifer, der grösste Ernsthaftigkeit vermuten lässt; da gibt er einem einen Kompass ohne Fixationspunkt und verlangt in aller Ungeniertheit, dass man ihm folge…»

Was nimmt Loetscher persönlich mit von seinem Freund? «Die Erinnerung an Gespräche. Er war jemand, der unentwegt erfand, er war immer daran, eine Geschichte zu entwickeln; wenn er redete, entwarf er fast nebenbei Philosophien. Nicht zuletzt deswegen ist die Trauer so gross, weil jetzt all die Stoffe mittrauern, die nicht mehr Dürrenmatt-Stoffe werden können… Die Gespräche waren kaum privat; man war immer wieder überrascht, was er an Namen und Werken zitierte. Eines seiner Lieblingsgedichte stammt von Matthias Claudius. Die vier Verse kann ich nur noch mit seiner Stimme im Ohr hören»:

Ach, es ist dunkel in des Todes Kammer
Tönt so traurig, wenn er sich bewegt
Und nun aufhebt seinen schweren Hammer
Und die Stunde schlägt

Das letzte Kapitel überschreibt Loetscher mit „Labyrinth mit Zusammenhang“ mit Bezug auf 1994 initiierte Ausstellungen im Schweizerischen Literaturarchiv Bern und im Kunsthaus Zürich, die er beide eröffnete. Es endet mit der Folgerung: In seinem Werk „wird uns vorgeführt, an was für einer Weltlast wir tragen und unter welcher Bürde wir zusammenbrechen können – nicht, dass die Kunst uns von dieser Last befreit, aber sie macht die Welt, an der wir tragen, noch in ihrem Schrecken tragbar.“ 

Fotos © Diogenes und Stadt Zürich

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