FrontGesellschaftWohin führt uns die Altersstrategie 2035 der Stadt Zürich?

Wohin führt uns die Altersstrategie 2035 der Stadt Zürich?

Im Rahmen des CAS «Gerontologie heute» zum Thema «Prävention und Gesundheitsförderung im Alter – von der Gesundheitswissenschaft zur Alterspolitik der Schweiz» referierte die Sozialwissenschaftlerin Dr. Caroline Moor (Bild) über die Altersstrategie 2035 der Stadt Zürich. Seniorweb stellte ihr dazu ein paar Fragen.

Seniorweb: Frau Dr. Moor, welche Funktion hatten Sie in der Entwicklung der Altersstrategie 2035 der Stadt Zürich?

Dr. Caroline Moor: Ich war Mitglied des städtischen Projektteams, zusammen mit Kaderpersonen aus dem Gesundheits- und Umweltdepartement (GUD) und weiteren Departementen. Zusätzlich unterstützte ich den Projektleiter, Benno Seiler (Departementssekretär des GUD) bei der Gesamtleitung des Strategie- und des Mitwirkungsprozesses.

Warum braucht die Stadt Zürich eine neue Altersstrategie?

Die Stadt Zürich, wie alle Gemeinden des Kantons, ist verantwortlich für genügend Angebote an Pflege und Betreuung für unterstützungsbedürftige Personen. Die Bedürfnisse der älteren Generation ändern sich. Es kommen jetzt die jüngeren Babyboomer ins Alter, die ein anderes Leben hatten als frühere Generationen und damit auch mit anderen Ansprüchen in die Altersphase eintreten. Zudem gibt es neue Trends im Altersbereich, beispielsweise, dass man die ambulante Versorgung stärker ausbauen will und dass man sich mit den Angeboten stärker am Sozialraum ausrichten und den Quartierbezug fördern will. In der Stadt Zürich ist zudem der Wohnraum für alle Generationen knapp, insbesondere bezahlbarer Wohnraum und wir haben Finanzierungsfragen im Bereich von Pflege und Betreuung anzugehen, vor allem für Menschen mit wenig Einkommen im Alter. Mit der Altersstrategie 2035 will der Stadtrat diese und weitere Herausforderungen annehmen und gezielt Verbesserungen bewirken.

Nach einem eindrucksvollen Mitwirkungsprozess der interessierten Bevölkerung wurden am 23. Juni 2020 die Ergebnisse präsentiert und folgende Publikationen der Stadt Zürich vorgestellt: «Mein Zürich im Alter. Altersstrategie 2035»; «Massnahmenplan zur Altersstrategie 2035»; «Mitwirkungsbericht zur Altersstrategie 2035». Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis? Was müsste im Nachhinein anders gemacht werden?

Ich bin sehr zufrieden und fand den Prozess inspirierend und spannend. Aus den Rückmeldungen von den Beteiligten haben wir auch herauslesen können, dass viele den Mitwirkungsprozess sehr positiv bewerteten. Aber natürlich ist es nicht ganz einfach, all die Meinungen und Vorstellungen, die in einem solchen Prozess zusammenkommen, zu bündeln und die Essenz herauszufinden. Da wir im GUD einen solchen Prozess zum ersten Mal durchführten, hatten wir auch eine externe, professionelle Begleitung. Zudem richteten wir während des Mitwirkungsprozesses eine Spurgruppe ein mit ausgewählten Stakeholder, die das Vorhaben auch kritisch kommentierten. Von zentraler Bedeutung ist die Meinung der Betroffenen, also der älteren Bevölkerung. Was den Umsetzungsprozess betrifft, werden wir noch stärker darauf achten, dass die Sicht der älteren Bevölkerung gezielter eingeholt wird, so dass sie noch optimaler partizipieren kann.

Was sind die grössten Baustellen in der Alterspolitik der Stadt Zürich in den nächsten Jahren?

Sie sagen richtig, es geht im wortwörtlichen Sinn auch um Baustellen. Der Stadtrat will die Angebote im stationären Bereich, also die Alters- und Pflegezentren zusammen mit den Alterswohnungen der städtischen Stiftung durchlässiger und sozialräumlicher ausrichten. Dabei wird auch eine deutliche Erhöhung der Anzahl städtischen Alterswohnungen angestrebt, auch in Kooperation mit weiteren städtischen gemeinnützigen Bauträgern (z.B. aktuell: Wohnsiedlung Letzi, Wohnsiedlung und Alterszentrum Eichrain, Areal Thurgauerstrasse).

Warum muss Zürich eine «altersfreundliche Stadt» werden? Reicht es nicht, wenn sie noch «lebensfreundlicher» wird. Dann fühlen sich Ältere doch auch wohl.

Das ist eine gute und berechtigte Frage, denn schliesslich ist vieles, was die Stadt macht, allgemein menschenfreundlich und dient allen Generationen, beispielsweise Schwellen beim Einstieg in die Trams, Sitzbänke oder alles, was die Stadt für Fussgängerinnen und Fussgänger freundlicher macht. Es gibt aber auch spezielle Herausforderungen beim Älterwerden, welche eine altersspezifische Aufmerksamkeit verdienen. Oft ist man im Alter auf eine gewisse Unterstützung in der einen oder anderen Form angewiesen und da haben Ältere das Recht, dass sie eine für ihre Bedürfnisse passende Unterstützung erhalten.

Die Pflegekosten wachsen. Könnten nicht durch die Förderung einer umfassenden Sorgekultur (mit mehr Selbstsorge, sorgendem, achtsamem Umgang untereinander und Fürsorge durch An- und Zugehörige) die Pflegekosten reduziert und die Lebensqualität erhöht werden?

In einer Pflege- und Betreuungssituation sind häufig mehrere Personen oder Dienstleister beteiligt und in den Familien gibt es sehr unterschiedliche Situationen, wo Angehörige da sind und mitbetreuen, teilweise einspringen oder ganz fehlen. Zudem ist der Pflege- und Betreuungsaufwand sehr unterschiedlich. Die Altersstrategie 2035 will auf verschiedenen Ebenen ansetzen. Ein Teil der Massnahmen zielt auf eine Stärkung des betreuenden Umfelds und wird z. B. prüfen, wie man Angehörige besser entlasten kann. Auch professionelle Dienste wie die Spitex profitieren davon, wenn sie mit einem starken Umfeld zusammenarbeiten können. Es gibt aber auch gewisse Finanzierungslücken im ambulanten Bereich. Das kann dazu führen, dass Personen in ein Heim eintreten, weil im Heim bestimmte Leistungen durch Ergänzungsleistungen (EL) finanziert werden und zuhause nicht. Hier besteht Handlungsbedarf und die Stadt will neue Finanzierungsmodelle für Menschen mit wenig Einkommen prüfen. Auch im Bereich der Freiwilligen- und Nachbarschaftshilfe will die Stadt verschiedene neue Varianten ausprobieren und innovative Ansätze fördern.

Wie arbeiten interessierte ältere Freiwillige in den verschiedenen Projekten mit Professionellen zusammen?

Das GUD hat in seinen Betrieben, also in den Alters- und Pflegezentren und den Spitälern, seit vielen Jahren eine starke Freiwilligentradition. Im Moment sind im GUD rund 1000 Freiwillige tätig. Im Rahmen der Altersstrategie sollen weitere Formen von Freiwilligenarbeit für und von älteren Menschen ausprobiert werden. Neue ältere Freiwillige haben oft andere Bedürfnisse: So wollen sie sich vielleicht nicht mehr auf längere Zeit festlegen, sondern eher projektorientiert mitarbeiten. Wichtig ist es, auch ältere Migrantinnen und Migranten für die Freiwilligentätigkeit anzusprechen und ihnen interessante Aufgaben zu bieten.

Was geben Sie den älteren Personen der Stadt Zürich mit auf den Weg?

Dass die Stadt die älteren Menschen und ihre Bedürfnisse ernst nimmt. Die Altersstrategie will die Rahmenbedingungen für ein selbstbestimmtes Leben im Alter aktiv stärken. Dafür sind wir aber auch auf die Mitwirkung von älteren Menschen angewiesen. Das GUD freut sich deshalb jederzeit über Rückmeldungen aus der älteren Bevölkerung, sei dies in Form von Ideen, Anregungen, Lob oder auch Kritik.

 Link zur Altersstrategie 2035 der Stadt Zürich

 Link zu Formular für Mitteilungen an das GUD


Dr. phil. Caroline Moor:  Sozialwissenschaftlerin, Mitarbeiterin der Stabsabteilung «Projekte und Strategie» im Departementssekretariat des Gesundheits- und Umweltdepartements der Stadt Zürich. Bis 2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich, zuletzt als Leiterin Grundlagenforschung. Arbeitsschwerpunkte: Gesundheits- und Altersversorgung, Alterspolitik.

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