FrontLebensartWeise Greise?

Weise Greise?

Im Alter wird man nicht aus dem Nichts ein Lebenskünstler oder ein Weiser. Aber kann das überhaupt ein Ziel sein? Und wenn ja, wie kann man es erreichen? Zu solchen Fragen hat sich Heinz Rüegger in einem 14-seitigen Text «Ars senescendi: Altern im Zeichen von Lebenskunst» Gedanken gemacht.

Beim Altern warten viele Überraschungen auf einen, so dass nicht wenige eher resigniert als überzeugt sagen: «Ja, man muss es halt so nehmen, wie es kommt!» Wird mit einer solchen Haltung eine Gelassenheit gegenüber unangenehmen Diagnosen von Ärzten zum Ausdruck gebracht oder eine Akzeptanz physischen Leidens, da es mal da, mal dort juckt oder heftig schmerzt? Wird mit einer Schicksalsergebenheit der Verlust von geliebten Menschen gelindert oder der Verlust von gesellschaftlichem Einfluss und Ansehen, weil man nicht mehr eine prominente Persönlichkeit auf einem Sessel in Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft ist?

Statt das Leben zu nehmen, wie es kommt, kann man versuchen, es zu steuern und es so zu gestalten, dass man sich wohl fühlt, nicht zufällig, sondern weil man trotz der Widrigkeiten des Alterns ein möglichst gutes und gelingendes Leben führen und sich einer «philosophischen Lebenskunst» widmen will.

Zwei Missverständnisse philosophischer Lebenskunst

Wer sein Leben gemäss den Vorstellungen einer philosophischen Lebenskunst führen will, sollte aus der Sicht von Rüegger zwei mögliche Missverständnisse bedenken:

  1. Philosophische Lebenskunst meint nicht «eine virtuose Spezialdisziplin für besonders begabte Lebenskünstler», sondern ist eher eine Ermutigung für «gewöhnliche» Menschen, «mit ihrem Alltag und seinen Banalitäten, …. mit Zufall, Schicksal und Endlichkeit, mit Kontingenz, Unfall, Abhängigkeit und Unveränderlichkeit sowie mit Krankheit, Krise und Entfremdung auf würdige und anmutige Weise fertig zu werden.»
  2. Lebenskunst zielt nicht ab auf ein «erfolgreiches» Leben, das nur das Angenehme und Positive im Blick hat, sondern darauf, «sein Potenzial zu verwirklichen und ein kreatives Verhältnis zu sich selbst und zu den Chancen wie auch den Herausforderungen seines Lebens zu finden.»

Der Imperativ der Lebenskunst als Aufruf zur Selbstsorge

Rüegger formuliert sein Verständnis von Lebenskunst in einem Imperativ so: «Führe dein Leben so, dass sein konstruktives Potenzial im Rahmen gegebener Möglichkeiten und Herausforderungen zur Entfaltung kommt und du zu der Person wirst, die du bist und die du noch werden kannst.» Damit wird zur Selbstsorge «als Kultur der Selbstaufmerksamkeit jenseits von Selbstverlust auf der einen und von Selbstkult auf der anderen Seite» aufgerufen. Zudem wird das Alter nicht als etwas Lästiges begriffen, das man durch Anti-Aging-Aktivitäten zu bekämpfen oder hinauszuzögern hat, sondern im Sinne eines Pro-Aging-Ansatzes als bedeutende Lebensphase verstanden, die «anzuerkennen, zu bejahen und eigenverantwortlich zu gestalten» ist.

Konturen einer Ars senescendi

Was ein gutes und gelingendes Leben im Altern ist, kann aus der Sicht Rüeggers in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht durch ein starres Normensystem beschrieben werden, sondern ist möglichst selbstbestimmt zu gestalten. Dabei können «Ratschläge der Lebensklugheit» aus der philosophischen Tradition oder aus der neueren Gerontologie allenfalls eine Orientierungsfunktion übernehmen. Einige Beispiele:

  • Entwicklung und Einübung einer inneren Freiheit durch mehr Gelassenheit im Umgang mit sich selbst, den andern, der Welt
  • Entwicklung einer Ich-Integrität durch die «Fähigkeit, Gelungenes und Missglücktes in der eigenen Biographie zu integrieren»
  • Entwicklung der Fähigkeit, Verletzlichkeit und Endlichkeit zuzulassen
  • Entwicklung einer Balance zwischen aktiver Lebensführung und passiver Hingabe an das Schöne, Notwendige und Unverfügbare.
  • Einsicht in die Verknüpfung von Autonomie und Abhängigkeit
  • «eine neue Wertschätzung des Seins vor allem Tun»
  • Entwicklung einer inneren «Freiheit der Mässigung, der Selbstbescheidung und Selbstbeschränkung», wenn im Alter die Kräfte abnehmen und die moderne Welt immer hektischer und perfektionistischer wird.

Lebenskunst als Selbstsorge unter gesellschaftlichen Rahmenbedingungen

Gutes Altern kann auch bei einer möglichst selbstbestimmten, verantwortungsvollen Gestaltung des eigenen Lebens leichter unter förderlichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gelingen, in denen die Würde eines jeden Menschen höchste Priorität hat und individuelle Freiheitsrechte, materielle Sicherheiten, soziale und politische Teilhabe garantiert sind und eine informelle Sorgekultur etabliert ist.

Und noch etwas: Lebenskunst beim Altern wird in ganz konkreten, mehr oder weniger schwierigen Alltagssituationen eingeübt und liegt nicht in irgendeiner Zukunft als nebulöses Ziel.


Vgl. Rüegger, Heinz (2020): Ars senescendi: Altern im Zeichen von Lebenskunst. https://www.heinz-rueegger.ch/texte-downloads/ (9.2.2021)

3 Kommentare

  1. Ismet Damgaci; )an die werte Redaktion).Doppelt ist nicht mein bescheidener Beitrag, sondern die hochgeschâtzte Reaktion Ihrer hochgeehrten Redaktion.(Ich schreibe nichts doppelt, werde wohl mit einem/mehreren anderen verwechselt.)t

    Altern und «alt leben» sind Phaenomene, die es zu überwinden gilt. Und «Altsein» hindert den Menschen auch nicht daran, neue Plâne zu schmieden. Denn man geht dann dazu über, sie auch in die Tat um zu setzen.

    • Ismet Damgaci; )an die werte Redaktion).Doppelt ist nicht mein bescheidener Beitrag, sondern die hochgeschâtzte Reaktion Ihrer hochgeehrten Redaktion.(Ich schreibe nichts doppelt, werde wohl mit einem/mehreren anderen verwechselt.)t

      Altern und „alt leben“ sind Phaenomene, die es zu überwinden gilt. Und „Altsein“ hindert den Menschen auch nicht daran, neue Plâne zu schmieden. Denn man geht dann dazu über, sie auch in die Tat um zu setzen.

  2. ach, immer diese Sonntagsprediger: Besserwisser, Missionare….. dabei müssten sie nur über den «tellerrand» schauen,um festzustellen, dass ganz viele Menschen mit dem Altern und Alter z Rank kommen, nur schon die Grosseltern und Urgrosseltern in Erinnerung rufen , resp, sich an sie erinnern, wie sie Gebresten hingnommen haben – natürlich nicht alle, aber auch Junge hadern ja mit dem Leben!! – und das Sterben erwartet haben als eine unumstössliche Tatsache.
    Diese «philosophischen Weisheiten» von Heinz Rüegger sind doch reine Selbstbeweihräucherungen….die wenigsten «Alten» haben darauf gewartet!!

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