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Kein Schlaf mit Kuhglocken

Seit Jahrhunderten ist die Schweiz weitherum als Wanderparadies bekannt. Manche Menschen besteigen die höchsten Gipfel, andere klettern in den steilsten Felswänden, wieder andere nehmen sich viel Zeit und durchwandern den ganzen Alpenbogen.

Als Studentin vor Jahrzehnten hatte ich das Glück, dass mein Stipendium mir drei Semester im Ausland erlaubte. So kam ich nach Zürich und erweiterte meine Horizonte in vielerlei Hinsicht. Im Winter konnte ich mit dem Studentenverein Skifahren lernen, im Sommer lockten Wanderungen.

Meine erste Wanderung – ein Wochenendausflug in die Innerschweiz – erforderte keinerlei extreme Anstrengungen. Eine kleine Gruppe hatte mich eingeladen, mit ihnen von Sisikon nach Muotathal zu wandern mit einer Übernachtung in einer bequemen Herberge, deren Namen ich nicht mehr weiss. In Muotathal war vorgesehen, das Hölloch, d.h. einen Teil dieses Höhlensystems, mit wissenschaftlicher Führung zu besichtigen. – Als Studierende waren wir an allem Wissenswerten interessiert.

Am Südhang des Fronalpstock verlief unser Wanderweg. © Hannes Röst / Wikipedia.ch

Beim Start in Sisikon regnete es wie schon an den vorhergegangenen Tagen, aber mit Regenschutz liess es sich gut laufen. Am Abend in der Herberge wurden wir gut versorgt und unsere Regenjacken trockneten. Es war ein angenehmer Abend, an Einzelheiten erinnere ich mich nicht mehr. Ich hatte ein Zimmer für mich allein. Als ich im Bett lag, merkte ich, dass ich unüberhörbare Nachbarinnen hatte: Direkt vor meinem Fenster weidete eine Anzahl Kühe – jede einzelne mit einer Glocke! Das hatte ich nicht erwartet. Das Fenster zu schliessen, half nichts. Ohrstöpsel hatte ich nicht im Gepäck. – Übrigens gab es vor fünfzig Jahren nur Ohropax-Wachskugeln, die unangenehm drückten.

Beim Frühstück am nächsten Morgen fühlte ich mich gerädert und schlapp, geschlafen hatte ich keine Sekunde. Aber ich sagte kein einziges Wort. Denn in meinen Augen war niemand schuld. Die Kühe gehörten im Sommer auf die Alp und waren an ihre Glocken gewöhnt, der Bauer hatte sie ihnen umgelegt, um sie auf den ausgedehnten Alpwiesen zu finden. Kuhglocken gehören zur bäuerlichen Tradition. Ebenso wie die Häuser – nicht nur in den Dörfern – im Sommer mit Geranien geschmückt werden, gehören die Glocken zum Schmuck der Kühe. So hatte ich es gelernt in der kurzen Zeit meines damaligen Aufenthalts.

Glocken an Bauernhaus / pixabay.com

Dass sich Touristinnen und Touristen immer wieder über Kuhglocken beklagten, dass es fruchtlose Diskussionen darüber gab, ja Streitereien, das erfuhr ich später. Es ist auch kein spezifisch schweizerisches Problem: Vor kurzem war in einem Nachrichtenportal zu lesen, dass sich in der Nähe von Bergamo / Italien Feriengäste über Kuhglocken beschwert hätten. Der Bürgermeister des Ortes liess sich nicht beeindrucken: «Das ist, als würdest du dich am Strand über das Geräusch der Wellen beschweren. Hier sind wir in den Bergen, Kuhglocken und der Duft von Weide sind im Preis inbegriffen.»

Offensichtlich ist sich der Bürgermeister der Ursachen dieses Streits bewusst: Es sei ein vielschichtiges Problem. Die lauten Kuhglocken zeigten nur die Oberfläche, im Grunde gehe es um eine «zunehmende Entfremdung zwischen der urbanen Welt und der Realität der Berge».

Schaden Kuhglocken der Gesundheit?

Im Jahre 2014 schlug ein anderes Ereignis hohe Wellen, im Internet (Stichwort:ETH-Studie Kuhglocken Wirkung auf Kühe) bis heute nachzuverfolgen: Edna Hillmann, Ethologin (Tierforscherin) an der ETH Zürich, hatte zusammen mit einem kleinen Team die Wirkung von Kuhglocken auf ihre Trägerinnen erforscht. Sie hatte allerdings nur Galtkühe untersucht, d.h. Kühe, die zwischen zwei Laktationsperioden gerade keine Milch geben. Die Gruppe um Edna Hillmann fand heraus, dass diese Kühe weniger frassen und weniger lang wiederkäuten. Abhängig war ihr Verhalten davon, ob sie eine laute (schwere) Glocke oder eine leichtere (leise) oder gar keine Glocke trugen. Gesundheitlich seien die Tiere aber nicht beeinträchtigt.

Kühe auf Wanderung © Sergio Cerrato / pixabay.com

Als die Ergebnisse dieser Studie publiziert wurden, entstand ein heftiger, lang anhaltender Streit. Die Bauernvertreter fühlten sich grundlos angegriffen und schimpften über die Wissenschaftler, die scheinbar von Tierhaltung nichts verstanden. Tierschützerinnen und Tierschützer sahen sich in ihren Ansichten bestätigt und fanden noch weitere Argumente gegen die Kuhglocken: Anscheinend beeinträchtige das ständige Geläut den Hörsinn und das Gehirn. – Eine tiefer gehende Klärung oder eine Kontrollstudie wurde bis heute nicht durchgeführt.

Möchten Sie wissen, wie unsere Wanderung damals zu Ende ging? Der Regen hatte aufgehört, zögerlich kam der blaue Himmel hervor; trotz Müdigkeit trugen mich meine Füsse sicher nach Muotathal. Die Besichtigung des Höllochs fiel buchstäblich ins Wasser. Durch die starken Regenfälle der vorherigen Tage standen die Gänge unter Wasser und waren nicht begehbar. Das erfuhr der Leiter unserer Gruppe, als er auf halbem Weg nach Muotathal ein Telefon fand. – Mobilfunk gab es damals noch nicht.

Titelbild: © Ben Bramhall / unsplash.com

 

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