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Klimawandel am Polarkreis

«Meine Welt schmilzt» ist ein schonungsloser Bericht aus der Arktis von Line Nagell Ylvisåker. Sie lebt mit ihrer Familie in Spitzbergen und erlebt den Klimawandel unmittelbar vor der Haustüre.

Als Line Nagell Ylvisåker im Jahr 2006 bei der Zeitung Svalbardposten als Journalistin begann, wurden in Spitzbergen erstmals die höchsten Temperaturen gemessen. Doch ausser den Klimaforscherinnen und Klimaforschern war niemand beunruhigt. Das Eis komme wieder zurück, meinten die Leute, Wetter, Wind und Schneeverhältnisse seien schon immer unbeständig gewesen. Die Erzählungen der Alten, wie sie mit den Schneemobilen in voller Fahrt quer über das Eis zu den Hütten und Fangstationen bretterten, oder wie die Robben ihre Jungen im Adventfjord gleich unterhalb der Stadt bekamen, waren abenteuerlich und spannend. Doch seit einigen Jahren frieren die Fjorde im Winter nicht mehr zu, sie liegen dunkel und offen da und die Frachtschiffe erreichen den Hafen rund ums Jahr.

Blick auf Longyearbyen, den Adventfjord und das Adventdalen im September 2006 nach dem ersten Schneefall. Foto: Bjørn Christian Tørrissen.

Das Buch «Meine Welt schmilzt – Wie das Klima mein Dorf verwandelt» schrieb Line Nagell Ylvisåker aus persönlicher Betroffenheit. Sie hatte sich als Journalistin mit ihrem Mann und ihren Kindern vor etwa fünfzehn Jahren eine Existenz am Polarkreis aufgebaut. Jetzt beobachtet sie, wie Longyearbyen, die Hauptstadt von Spitzbergen, zu einem immer unwirtlicheren Ort wird.

Als eine Lawine im Jahr 2015 mehrere Häuser verschüttet und Menschen sterben, beginnt sie die Ursachen und Folgen der Erwärmung der Arktis zu ergründen. Sie spricht mit Meteorologen, Klimaforschern, erfahrenen Trappern, begegnet hungrigen Eisbären und misst die steigenden Wassertemperaturen des Polarmeers.

Die Inselgruppe Spitzbergen oder Svalbard (dt. «Kühle Küste»), in der Sprache der Einheimischen, gehört zu Norwegen und ist etwa 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt.

Auf Spitzbergen wachsen keine Bäume, einzig kleine Zwergbirken, aber bei genauer Betrachtung der Geröllfelder und im Gebirge findet man Spuren von Baumkronen. Geologisch betrachtet ist Spitzbergen ein einzigartiges Geschichtsbuch, schreibt die Autorin. Forschende können hier achthundert Millionen Jahre zurückblättern, bis zu der Zeit, als die Inselgruppe noch im Südpolarmeer lag. Sie bewegt sich bis heute jährlich 2,5 Zentimeter in nordöstliche Richtung und befand sich vor etwa dreihundertachtzig Millionen Jahren auf der Höhe des Äquators. Damals wuchsen Palmen und riesige Farne, aus deren Biomasse das reiche Kohlevorkommen entstanden ist.

Der 928 m hohe Berg Hiorthfjellet gegenüber von Longyearbyen. Foto: Bjoertved.

Spitzbergen wurde nach 1900 wegen der Ausbeutung der reichen Steinkohlevorkommen besiedelt. Heute fördern noch zwei sowjetische Anlagen sowie eine Norwegische bei Longyearbyen Kohle, diese Produktion wird jedoch infolge des niedrigen Preises zurückgefahren. Weil Kohleenergie auf Spitzbergen intensiv genutzt wird, hat es einen überdurchschnittlich hohen CO2-Ausstoss pro Einwohner. Doch nicht nur die lokale, auch die globale Erwärmung beeinflusst das Klima, das sich hier in der kältesten Zone nahe am Nordpol weltweit am schnellsten erwärmt.

«Svalbard Global See Vault» (2008), der Saatgutspeicher ist die weltweit grösste Aufbewahrungsanlage für Saatgut, wie Reis, Mais, Weizen, Kartoffeln, das in einem Katastrophenfall nachgezüchtet werden könnte. Schon kurz nach dem Bau musste wegen dem auftauenden Permafrost nachgerüstet werden.

Während die Vereinten Nationen vor einer globalen Erwärmung von mehr als 2 oder 1,5 Grad seit der vorindustriellen Zeit warnen, ist die Durchschnittstemperatur auf Spitzbergen von 1961 an um 5,6 Grad gestiegen, sechsmal höher als im Rest der Welt. Im Gespräch mit einem Klimaforscher erfährt die Autorin, dass heute deutlich weniger Wintermeereis gebildet werde als früher: Das schneebedeckte Eis bildet eine Isolationsschicht zwischen dem wärmeren Wasser und der kalten Polarluft. Als das Eis noch die Fjorde bedeckte, waren an klaren, kalten Tagen im März und April Temperaturen von minus 25 Grad üblich. Ohne Eisdecke wird es nur noch selten kälter als minus 15 Grad. Die Winter sind im Schnitt neun Grad wärmer geworden, dabei setzt der Frühling früher ein und der Herbst kommt später.

Line Nagell Ylvisåker erzählt von einem ungemütlichen Zusammentreffen mit Eisbären, als sie mit ihrer Familie ein paar Urlaubstage auf dem Land verbrachte. Dafür müssen nicht nur Lebensmittel und Kleider, sondern auch Waffen, Notpeilsender und Satellitentelefon eingepackt werden. Und die waren bei der Begegnung mit einer dreiköpfigen Eisbärenfamilie äusserst nützlich, mithilfe der Signalpistole liessen sich die Bären vertreiben.

Den Eisbären sind mehrere Kapitel gewidmet. Nach 1970 waren sie auf Westspitzbergen fast ausgerottet, 1973 wurden sie international unter Schutz gestellt. Jetzt haben sie die Gegend zurückerobert und die Menschen müssen sich auf häufigere Begegnungen mit ihnen, auch in der Stadt, einstellen. Doch für die Eisbären ist die Bedrohung noch grösser, denn ihre Rückzugsgebiete sind weitgehend verloren. Wenn das Meer zwischen den Inseln im Spätherbst nicht mehr zugefroren ist, können die trächtigen Weibchen nicht mehr in ihre Winterruhe gehen und die Geburtenrate wird sinken.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben für Longyearbyen ein Klimamodell erstellt: Wenn die Weltbevölkerung den gegenwärtigen CO2-Ausstoss beibehält, kann es auf Spitzbergen im Jahr 2100 sieben Grad wärmer sein als jetzt. Phasen von heftigen Niederschlägen in Form von Regen werden sich häufen, die Gefahr von Schlamm- und Nassschneelawinen wird steigen, die Schneesaison wird sich verkürzen, Erdlawinen und Überschwemmungen häufiger vorkommen.

Die Menschen sind inzwischen für das Klima sensibilisiert. Die Regierung prüft Massnahmen für den Tourismus, wie die grossen Schiffe, die ins Schutzgebiet fahren, beschränkt werden können, die Lokalverwaltung arbeitet an einer umweltfreundlicheren Energieversorgung. Doch Line Nagell Ylvisåker befürchtet, dass es die Arktis für ihre Urenkel nicht mehr geben wird.

Titelbild: Eisbären-Warnschild – «Gilt für ganz Spitzbergen». Foto: Hagman.

Line Nagell Ylvisåker, Meine Welt schmilzt – Wie das Klima mein Dorf verwandelt, Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2021. ISBN 978-3-455-01125-8

 

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