FrontGesundheitWelche Impulse kann die «Dekade des gesunden Alterns 2021-2030» liefern?

Welche Impulse kann die «Dekade des gesunden Alterns 2021-2030» liefern?

Die WHO hat für das von der Vollversammlung der UNO im Dezember 2020 ausgerufenen «Jahrzehnt des gesunden Alterns» die Federführung übernommen und den über 200-seitigen Grundlagenbericht «Decade of healthy ageing. Baseline Report» veröffentlicht.

Welche Impulse kann der Bericht für die schweizerische Alterspolitik liefern? Dieser Frage soll in mehreren Textbeiträgen nachgegangen werden. Hier ein erster Beitrag:

Auf Seite IV des Vorworts des Grundlagenberichts der WHO werden vier Ziele für das «Jahrzehnt des gesunden Alterns» genannt:

  1. Veränderung der Denk-, Sicht- und Handlungsweisen in Bezug auf Alter und Altern
  2. Entwicklung von Gemeinschaften, welche die Fähigkeiten älterer Menschen fördern
  3. Bereitstellen von altersgerechten integrierten personenzentrierten Angeboten und Leistungen der primären Gesundheitsversorgung
  4. Schaffen von Angeboten der Langzeitpflege für hilfsbedürftige ältere Menschen

Haben diese vier Ziele auch für die Schweiz Priorität und welche Massnahmen sind daraus abzuleiten?

Zum ersten Ziel: Sind Denk- Sicht- und Handlungsweisen in Bezug auf Alter und Altern zu korrigieren?

Gegenüber alternden Personen bestehen positive und negative Vorurteile, je nachdem, wen man in welchem Alter mit welchem Bildungs- und Erfahrungshintergrund fragt. Während die einen vor der «Rentnerschwemme», der «Überalterung», der «Kostenexplosion» im Gesundheitswesen, dem «Pflegenotstand», der «Altersarmut» , dem «Generationenkonflikt» Angst haben, sehen andere in der älter werdenden Bevölkerung enorme Chancen: Mehr Lebensqualität für alle, Generationensolidarität, emotionale Bereicherung der Enkel durch die Grosseltern, Bildungs- und Entwicklungschancen für Ältere, Engagement und Freiwilligenarbeit vom Personen zwischen 60 und 80 für Ältere und Jüngere usw.

Es besteht in der Schweiz wohl Konsens darüber, dass Personen aus allen Generationen sich gegenseitig zum Wohle aller unterstützen sollen, dass niemand diskriminiert werden soll, so dass alle in Würde leben und altern können. Für ein Altern in Würde sorgen zunächst die Betroffenen selbst und sie erhalten von privater Seite und von der öffentlichen Hand von Gemeinde- bis Bundesebene für ein möglichst selbstbestimmtes und verantwortliches Handeln in der Regel die jeweils passende Unterstützung. Was aber als gute Unterstützung und Fürsorge, was als Überversorgung oder paternalistische Bevormundung wahrgenommen wird, ist durch eine stetige gute Kommunikation und das wohlwollende Gespräch im privaten Kreis, mit staatlichen Amtsträgern und mit Altersorganisationen zu klären. Wenn Ältere an diesen Gesprächen wegen physischen, psychischen oder mentalen Einschränkungen nicht oder nur beschränkt teilnehmen können, brauchen sie aus ihrem Umfeld und von professioneller Seite her wohlwollende Fürsprache, damit die jeweils passenden Massnahmen zur Problembewältigung getroffen werden können.  Wie gut läuft das Gespräch zwischen den Beteiligten konkret vor Ort und in der Gestaltung der politischen und institutionellen Rahmenbedingungen? Wo besteht Optimierungsbedarf? Welche Antworten werden in der «Dekade des gesunden Alterns auf diese Fragen gegeben werden?

Zum zweiten Ziel: Braucht es weitere Gemeinschaften, um die Fähigkeiten älterer Menschen zu fördern?

Die Schweiz ist ein Land mit unzähligen Vereinen und Gemeinschaften, auch für Ältere. Zudem haben viele mit An- und Zugehörigen, mit Freund*innen und Bekannten einen regen Austausch. Trotzdem hat sich gerade in der Corona-Pandemie das Problem der Einsamkeit mit den daraus entstehenden Folgeproblemen wie Sucht, depressiven Verstimmungen, Niedergeschlagenheit und psychosomatischen Leiden in aller Härte gezeigt. Viele sind nicht mehr in tragende familiäre oder freundschaftliche Beziehungen eingebunden. Freundschaftliche Begegnungen im Wohnblock oder im Quartier ergeben sich nicht von selbst. Gerade im Alter ist ein sorgender Umgang untereinander von grosser Bedeutung und der Schaffung sorgender Gemeinschaften (Caring Communities) und der guten Zusammenarbeit zwischen professionell Pflegenden, den Angehörigen und freiwillig Betreuenden ist vor allem auf kommunaler Ebene mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Das grosse Potential der gesunden Älteren zwischen 60 und 80 kann für die Betreuung Hochaltriger kann noch besser genutzt werden zum Wohle der Betreuenden und zum Wohle der Betreuten. Denn wer für andere sorgt, trägt auch zu sich Sorge, da er im sorgenden Umgang mit andern Sinnstiftendes erlebt. Damit kann in einer allzu individualisierten Gesellschaft mit einem allzu egoistischen Freiheitsbegriff ein gemeinschaftlicher Geist entstehen, der die Lebensqualität aller fördert.

Zum dritten Ziel: Personenzentrierte Gesundheitsversorgung!

Bei diesem Ziel soll nur ein Punkt herausgehoben werden: Zeit! Um herauszufinden, was beeinträchtigte Personen zu Linderung von Schmerzen und Leiden benötigen, braucht es die Zeit, genau hinzuhören und zu spüren, was hilfsbedürftige Personen brauchen. Wenn in Pflegeeinrichtungen Profitmaximierung und ökonomische Überlegungen zeitintensiver personenzentrierter Pflege und Betreuung vorgezogen werden, ist ein würdevoller Umgang mit Unterstützungsbedürftigen gefährdet. Eine Ökonomisierung der Pflege und Betreuung ist durch die Betroffenen selbst, durch An- und Zugehörige, von den Pflegeeinrichtungen und von der Alterspolitik zugunsten einer empathischen, liebevollen Umgangsweise ohne Zeitdiktat in Schranken zu weisen.

Zum vierten Ziel: Gute Langzeitpflege!

Erfreulicherweise wird chronifiziertem, langfristigen Leiden immer mehr durch präventive Aufklärungsmassnahmen entgegengewirkt: Weniger Rauchen! Weniger Alkohol! Mehr Bewegung! Gesunde Ernährung! Kampf dem Übergewicht! Soziale Kontakte und soziales Engagement im Alltag! Lebenslanges Lernen! Sinnvolle Lebensführung! Die Folge ist, dass die Gesundheit, Vitalität und Lebensfreude vieler 60- bis 80Jährigen markant zugenommen hat und weiter zunimmt.

Wer aber wegen chronischen Gebrechen Langzeitpflege braucht, wird im optimalen Fall von professionellen und nichtprofessionellen Kräften im Alltag nach bestem Wissen und Gewissen begleitet. Als medizinischer Laie habe ich aber den Eindruck, dass die Medizin im Bereich der organspezifischen Therapie zwar bewundernswerte Fortschritte gemacht hat, in der professionellen Begleitung chronischen Leidens mit Multimorbidität aber nicht überzeugt. Sind die haarsträubenden Geschichten von Über- und Fehlmedikamentation wahr? Kann es sein, dass die Chronifizierung multimorbiden Leidens oft gerade durch falsche oder ungenügende Therapie gefördert wird? Ganzheitlich orientierten psychosozialen oder soziokulturellen Ansätzen und Formen des Heilens unter Beibezug von Meditations- und Yogatechniken sollte m.E. mehr Beachtung geschenkt werden. Zudem sind bei der Begleitung und Betreuung von Menschen mit chronischen Erkrankungen ausserhalb von Pflegeeinrichtungen finanzielle und fachliche Unterstützung der An- und Zugehörigen gehörigen grosszügiger und gezielter einzusetzen. Chronische Erkrankungen sind wohl noch stärker interdisziplinär unter Einbezug von medizinischem, psychologischem, sozialem, kulturellem, spirituellem Know-How und dem sogenannt «gesunden Menschenverstand» zu mildern und können nicht allein der medizinischen «Kunst» und den Pflegeeinrichtungen überantwortet werden.


Links:

Weitere Infos zur Dekade des gesunden Alters (in Englisch) unter: https://www.who.int/initiatives/decade-of-healthy-ageing

Download des Baseline Reports (engl.) unter: https://www.who.int/publications/m/item/decade-of-healthy-ageing-baseline-report

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