FrontGesellschaftKleines Schild mit grosser Wirkung

Kleines Schild mit grosser Wirkung

Die «’Happy to Chat’ Bench» – die Plauderbank bittet um Gespräche. Sie hat sich seit 2018 von England aus in der ganzen Welt verbreitet. Nun gibt es die «Begegnungs-Bank» auch hierzulande.

Von weitem ist es eine Parkbank wie jede andere auch. Doch bei näherer Betrachtung sieht man das Schild Grüezi in verschiedenen Sprachen, darunter Begegnungs-Bank. Eine englische Erfindung, die als niederschwelliges Angebot gegen Einsamkeit in kürzester Zeit die Welt erobert hat, auch die Schweiz. Am 20. März 2021 werden Begegnungs-Bänke in Baden, Wettingen und in Schlieren eingeweiht im Rahmen der internationalen Antirassismus-Woche, ein begleitendes Theaterprojekt muss wegen der Pandemie verschoben werden.

Ab 20. März 2021 findet man dieses Schild auf öffentlichen Sitzbänken in Baden, Wettingen und in Schlieren.

In der Thuner Bahnhofshalle steht bereits eine Zuhör-Bank, wo Freiwillige anderen Menschen ein offenes Ohr leihen. Sie ist so beliebt, dass Einzelne für ein Gespräch absichtlich ihren Zug verpassen. In Chur stiess man anlässlich der Recherchen für ein Theaterstück über Einsamkeit ebenfalls auf die Happy Chat Bench. Nun stehen dort seit einem Jahr zehn Schwatzbänkli in der ganzen Stadt verteilt. Andere Orte wie Stäfa/ZH machen sich Gedanken über eine Diskussions-Bank, wo über aktuelle politische Themen diskutiert werden kann.

Pionier der Happy-Chat-Bänke war ein Polizist in England. Auf seinen Kontrollgängen fiel ihm auf, dass auf den Parkbänken jeweils nur ein Mensch sass. Da er wusste, dass einsame Menschen leichter Opfer von Kriminellen werden, kam ihm vor drei Jahren eine genial-simple Idee. Er befestigte an einzelnen Bänken ein Schild mit der Aufschrift «The ‘Happy to Chat’ Bench». Die Menschen verstanden schnell, legten das Misstrauen anderen gegenüber ab, setzten sich und begannen miteinander zu reden. Mittlerweile gibt es sie nicht nur in Grossbritannien, auch in Deutschland, Spanien, Kanada, den USA und Australien, und es funktioniert überall.

«Setz dich hierhin, wenn es dir nichts ausmacht, wenn jemand stehenbleibt und Hallo zu dir sagt.» Filmstill aus: SRF 4 News aktuell vom 23.08.2019.

Der Lockdown hat das Thema Einsamkeit ins Bewusstsein geholt. Damit beschäftigen sich zwei Frauen in Baden seit längerer Zeit: Katharina Barandun ist Siedlungscoach und fördert den Dialog zwischen Menschen in immer dichter werdenden Stadt- und Freiräumen. Yvonne Brogle arbeitet als interkulturelle Projektleiterin in der Stadtbibliothek Baden. Die Einsamkeit ist das Hauptproblem, das ihnen regelmässig begegnet, und sie lieben es, Menschen zusammenzubringen.

Die Idee einer Begegnungs-Bank hatten sie dank Medien-Berichten. Mit dem Lockdown erkannten sie, dass Sitzgelegenheiten im Freien noch die einzige Möglichkeit boten, unter Einhaltung des nötigen Abstands, Kontakte zu knüpfen. Es folgten intensive Gespräche, denn auch wenn es ein einfaches kostenneutrales Projekt ist, braucht es in der Schweiz ein Konzept und den Segen der Behörde. Diese war in Baden, Wettingen und Schlieren erfreut und bereit, das Projekt zu unterstützen. Der Vorteil ist, Parkbänke gibt es viele, sie müssen nicht extra errichtet werden.

Katharina Barandun (links) und Yvonne Brogle (rechts) auf der Begegnungs-Bank am Theaterplatz in Baden.

Die Projektleiterinnen wollen mittels der Begegnungs-Bank der Bevölkerung den Impuls geben: «Redet miteinander, nehmt einander wahr.» Bei schönem Wetter sitzt jeder für sich allein und isst über Mittag sein Sandwich, ohne den Nachbarn im öffentlichen Raum wahrzunehmen. Dabei könnte man doch jederzeit übers Wetter reden, wenn man ins Gespräch kommen möchte, aber nicht recht weiss, womit anfangen. Ist die Begegnungs-Bank besetzt, kann man sich auch auf die Bank ohne Schild nebenan setzen und miteinander reden. Viele Menschen leben isoliert, doch im Grunde wollen alle Menschen wahrgenommen werden, stellen die Projektleiterinnen fest.

Einsamkeit ist nicht nur während des Lockdowns ein zentrales Problem in der Gesellschaft. Foto: rv

Aus der Sicht von Katharina Barandun und Yvonne Brogle geht es bei der Begegnungs-Bank um mehr als einfach um ein Plauderbänkli. Sie soll nicht als blosse Sitzgelegenheit wahrgenommen werden, sondern für die Gesellschaft nachhaltig und nützlich sein, auch nach der Pandemie. Deshalb ist ihnen wichtig, dass die lokalen Quartiervereine in das Projekt einbezogen werden und sich auch Freiwillige darum kümmern und Ideen einbringen: «Vielleicht bringt jemand einmal Kaffee und Kuchen vorbei, erzählt eine Geschichte oder liest etwas vor.» Die Begegnungs-Bank könnte im Sommerhalbjahr mit kulturellen Veranstaltungen bespielt werden und auch verschiedene Kulturen zusammenbringen: Grüezi, Hallo steht auf dem einladenden Schild in verschiedenen Sprachen. Den Dialog zwischen unterschiedlichen Kulturen fördern, liegt den interkulturell tätigen Projektleiterinnen am Herzen.

Das Projekt kann auch in andere Gegenden übertragen werden, entsprechende Anfragen liegen bereits vor. Für Interessierte wird ein Konzept erarbeitet, das auch einen Fragenkatalog mit verschiedenen Kriterien umfasst. Dabei denken die Projektleiterinnen nicht zuletzt an Altersheime, die mit einer Begegnungs-Bank Generationen verbinden könnten oder an eine Zusammenarbeit etwa mit der «Dargebotenen Hand».

Die neu erstellten Begegnungs-Bänke werden in ihrer Entwicklung von den Projektleiterinnen begleitet. Sie wollen Erfahrungen sammeln und im Herbst evaluieren, ob das Konzept funktioniert oder ob Anpassungen nötig sind.

Die Begegnungsbank in 5400 Baden befindet sich auf dem Theaterplatz, in 5430 Wettingen an der Ecke Matten- und Altenburgstrasse, in 8952 Schlieren im Zentrum, Pischte 52.

Fotos: Katharina Barandun und Yvonne Brogle, Baden

Mehr Infos zu den Begegnungs-Bänken, siehe hier.

3 Kommentare

  1. Die Bank in Baden ist am Theaterplatz, dem ödesten aller Plätze vermutlich in der ganzen Schweiz. Er ist das Dach einer Tiefgarage, wo man offensichtlich eine Abdeckung mit guter Erde eingespart hat. Jetzt ist dort eine riesige Lehm/Kiesfläche ohne jedes Grün und auch ohne Bäume. Die Initiative ist ja lobenswert, aber der Theaterplatz eine Zumutung.

  2. Hoppla! Das tönt ja, als hätte die Endzeit begonnen. Lebensfreude ist von der Sichtweise abhängig. Schieben Sie Ihren Griesgram zu Seite und freuen sich über das Bänkli. Es gibt immer noch zu viele Spazierwege und Plätze wo Bänkli fehlen.

  3. Die Begegnungsbank ist in einer Welt, wo man sich nicht unoft falsch versteht, eine ideale Lösung. Vor allem in Laendern,bei denen -nicht selten aus dem Nichts- am laufenden Band Missverstaendnisse enstehen , waeren sie ein idealer Weg, um die Zwietracht in eine Freundschaft zu verwandeln. Selbstverstaendlich bedarf dies einer entsprechenden»Einführung», ferner einer richtigen «Organisation», welche über die Psychologie der «Interessenten» gut informiert ist. Denn besonders die menschliche Gesellschaft in solchen Laendern, geraet manchmal unverhofft ins «Rasen». Gerade in meinem «Laendli» begegnet man solchen Menschen. Sie könnten aber, wenn sie erleben, wie sehr so eine Bank zu einer Verstaendigung zwischen Menschen (manchmal auch mit ganz differenten Ansichten) dazu führen kann, die Welt aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten. . Jedenfalls könnten gerade die kleineren Gemeinden ihre Bewohner dazu aufmuntern, auf diesen Baenken gegenseitig Gespraeche zu führen, die zur Verstaendigung von zwei und auch mehr Menschen einen Beitrag leisten. Sie würden dabei einem Grossteil ihrer Einwohner etwas Gutes tun.
    Ich möchte dem Verfasser dieses Beitrags, Herrn Ewald Rudolf von Rohr, meinen herzlichen Dank für seine Inspiration ausdrücken.

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