FrontGesellschaftRassismus im öffentlichen Raum

Rassismus im öffentlichen Raum

Sind historische Wappen, Statuen, Wandbilder oder Glasfenster mit dunkelhäutigen Personen rassistisch? Müssen sie entfernt werden? In der Stadt Bern haben Darstellungen von Afrikanerinnen und Afrikanern zu hitzigen Diskussionen und einem Wettbewerb geführt.

«Black Lives Matter» hat einer Veranstaltungsreihe zu zusätzlicher Brisanz verholfen: Ab nächstem Montag organisiert die Stadt Bern zum zehnten Mal eine Aktionswoche zum Thema «struktureller Rassismus». Auf dem Programm stehen Workshops, virtuelle Ausstellungen, Videopräsentationen und Online-Diskussionen über Diskriminierung im Alltag, in der Sprache, in der Religion, an der Hochschule, über verdrängte Geschichte und Rassismus im öffentlichen Raum.

Ist der schwarze Kopf im Wappen der Berner Zunft zum Mohren eine rassistische Darstellung? Über diese Frage streiten seit einigen Jahren namhafte HistorikerInnen und PolitikerInnen. Selbst die Stadtregierung und das Stadtparlament haben sich mit dem Thema beschäftigt. Die Zunft selber hat mit dem Anbringen einer Infotafel am Zunfthaus reagiert. Auf dem Schild wird das Zunftwappen als Referenz an den heiligen Mauritius gedeutet, den aus Nordafrika stammenden Schutzpatron der Farb- und Tuchwerker.  Eine andere These besagt, dass es sich um einen der Heiligen Drei Könige handeln könnte. Diese galten als Schirmherren der Reisenden, weshalb landauf landab Gasthöfe «Zum Mohren» benannt wurden.

Einen kontroversen Hintergrund weist auch die zweite Mohrenfigur der Berner Zunft auf – die Statue an der Fassade des Zunftlokals über der Kramgasse. Sie ist älter als das heute sichtbare Wappenzeichen. Sie stammt aus der Zeit um 1700 und stellt einen «Wilden mit Pfeil, Bogen und Schild» dar. Sowohl das Wappenzeichen als auch die Statue der Mohrenzunft sind nach Ansicht des Historikers und Kolonialismusforschers Bernhard C. Schär nicht nur Symbole aus der Blütezeit des europäischen Rassismus, sondern erinnern daran, «wie stark die herrschenden Berner Familien in die Sklaverei und wirtschaftlichen Ausbeutung afrikanischer Kolonien involviert waren.»

Die Sklavereivorwürfe riefen in Bern Politiker auf den Plan: Mit Vorstössen meldeten sich die SP-Stadträte Halua Pinto de Magalhães und Fuat Köçer zu Wort: Die Mohrensymbole seien Teil der strukturellen Diskriminierung, in welcher der alltägliche Rassismus gedeihe. Berns Altstadt müsse «dekolonialisiert», die Wappen und Figuren neu gestaltet werden, fanden die einen. Die Kritik an solchen Figuren sei blosse «Symbolpolitik» und lenke von viel gravierenderen Problemen des realen Rassismus in der Schweiz ab, meinten andere.

Die Zunft zum Mohren hat inzwischen eine breite Aufarbeitung und Grundsatzdebatte über ihre Vergangenheit eingeleitet. Einen Beitrag zur Aufklärung will auch die Stadtregierung leisten. 2017 gab sie bekannt, dass sie einen Auftrag zur Inventarisierung des Rassistischen im öffentlichen Raum erteilen wolle. Es gehe darum, «Bern zu scannen», um «Reminiszenzen an die koloniale Vergangenheit» zu erkennen. Verdächtige Objekte gibt es weitere.

Wandbild mit Erklärungsbedarf

Auf die Liste gehört eine Malerei der Künstler Eugen Jordi (1894-1983) und Emil Zbinden (1908-1991) im Schulhaus Wylergut. Das Wandbild zeigt ein Alphabet, das die Buchstabenfolge mit Tierbildern, einzelnen Pflanzen und Artefakten, aber auch mit drei stereotyp dargestellten Menschen aus Afrika, Asien und Amerika illustriert. Nach der Debatte über die Symbole der Mohrenzunft liess der Rassismusvorwurf auch in diesem Fall nicht lange auf sich warten. Es müsse übermalt werden, lautete die Forderung. Die Stadtbehörden bremsten.

Das koloniale Wandalphabet aus dem Jahre 1949 im Schulhaus Wylergut in der Stadt Bern.

Das Bild der in ihrer Zeit sozial engagierten Künstler Jordi und Zbinden überzeuge dank seiner hohen malerischen Qualität, schrieb die Stadt. Als Teil der originalen Ausstattung des Schulhauses sei es unter denkmalpflegerischen Gesichtspunkten als «erhaltenswert» einzustufen. Weil die Darstellung aber im Hinblick auf die gesellschaftliche Sensibilisierung für Rassismus und Diskriminierung problematisch sei, dürfe es nicht unkommentiert bleiben. Am Beispiel des historischen Wandalphabetes will die Stadt die Aufarbeitung und den Umgang mit dem Kulturerbe der Kolonialzeit im öffentlichen Raum vorantreiben. Über eine Ausschreibung wurden Vorschläge für eine künstlerische Arbeit gesucht, die das rassistisch geprägte Werk ebenso kritisch wie zeitgemäss einordnen wird. Inzwischen wurde das Siegerprojekt bestimmt.

Eine Primarschule sei kein geeigneter Ort für das Wandbild, hält die Jury fest; im Schulhaus Wylergut entziehe es sich der dringenden, gesamtgesellschaftlich zu führenden Debatte über den Umgang mit dem kolonialen Erbe. Daher soll das Wandbild von der aktuellen Stelle entfernt und an ein Museum übergeben werden. Mit der Schenkung soll zudem eine kritische Aufarbeitung der Berner Kolonialgeschichte initiiert werden, zum Beispiel in Form einer Ausstellung. Das Projektteam plant zudem Workshops für Lehrkräfte sowie öffentliche Veranstaltungen.

Antisemitisches Brunnensymbol

Als Folge der Rassismusdebatte geriet kürzlich auch der «Kindlifresserbrunnen» auf dem Kornhausplatz ins Scheinwerferlicht. Bei der Brunnenfigur handle es sich nicht, wie auf Rundgängen zu hören sei, um ein «Fasnachtsfigur», schrieb der Publizist Roy Oppenheim. Dargestellt sei vielmehr ein Jude mit dem typischen, nach oben verlaufenden Spitzhut. Diesen Hut mussten die Juden im Mittelalter als Erkennungszeichen tragen. Auf dem Berner Brunnen verschlingt der monströse «Kindlifresser» ein nacktes Kind; in einem umgehängten Sack befinden sich weitere Kinder. Die furchterregende Darstellung gehe auf eine Ritualmordlegende aus dem späten Mittelalter zurück, schrieb Oppenheim. Damals beschuldigte man die Juden satanischer Verbrechen: Sie würden Ritualmorde, oft verbunden mit Kindesentführung und Kindsmord, Hostienfrevel sowie Brunnenvergiftungen begehen.

Oppenheim schlägt vor, die «fadenscheinige Berner Fastnachtslegende» endlich zu begraben, die in Tourismusinformationen und Geschichtsbüchern nach wie vor unkritisch verkündet wird. «Wir müssen den Mut aufbringen, den antisemitischen Charakter der «Kindlifresser-Figur» zuzugeben.» Ein Minimum wäre nach seiner Ansicht ein entsprechender Erklärtext in Deutsch und Englisch, in dem die Skulptur in ihren historischen Kontext eingebettet wird und sich die Stadt Bern unmissverständlich vom Charakter der judenfeindlichen Brunnenfigur distanziert.

Differenzierte Betrachtung notwendig

Historische Darstellungen von afrikanischen Menschen gibt es sogar in bernischen Kirchen. Im Pfingstfenster im Chor der Nydeggkirche findet sich ein Bild von Robert Schär: Abgebildet ist Apostel Philippus, der einen äthiopischen Hofbeamten tauft. Die älteste Darstellung einer Afrikanerin ist in der Französischen Kirche zu entdecken. Auf der Grabtafel des Adeligen Walther Senn von Münsingen aus dem Jahre 1323 findet sich ein Familienwappen mit dem Kopf einer schwarzen Frau als Helmzier. Der Mohr oder die Mohrin im Wappen Adeliger wird als Merkmal der Anhänger der Staufer interpretiert. Die Geschichte der «Heiligen Drei Könige» kann im Berner Münster im Dreikönigsfenster und im Wurzel-Jesse Fenster bewundert werden. Haben auch diese Darstellungen einen rassistischen Hintergrund?

Nach Ansicht von Daniel Moser-Léchot, Historiker und pensionierter Dozent für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der PHBern, müssen Bilder afrikanischer Menschen im öffentlichen Raum unterschiedlichen historischen Zusammenhängen zugeordnet werden. In der Heraldik und im kirchlichen Bereich seien Darstellungen zu finden, die nicht mit Kolonialismus und Rassismus in Verbindung gebracht werden könnten. Eine differenzierte Betrachtung müsse zwischen den Epochen und den unterschiedlichen Sinnzusammenhängen unterscheiden, findet Moser-Léchot.

Links:

Mehr Informationen zur Berner Aktionswoche gegen Rassismus: www.berngegenrassismus.ch.

Stadtführungen zur kolonialen Vergangenheit Berns organisiert ab April die Stiftung Cooperaxion: www.cooperaxion.org

2 Kommentare

  1. Meines Erachtens kann man die Vergangenheit nicht auslöschen, indem man einfach Bildnisse und Skulpturen entfernt.-Wichtig ist, dass wir uns bewusst sind, welchen Weg wir gegangen sind, bis wir endlich bemerkt haben, was für schreckliche Taten dahinter steckten.-Es könnte auch ein Mahnmal sein, nie wieder in diese fatale Richtung zu gehen.-Eventuell müsste eine Tafel mit Hintergrunds Information angebracht werden.- Wir können nur mahnen und hoffen, dass die Menschheit endlich begreift was Menschlichkeit bedeutet.-

  2. Seien wir ehrlich: vor einem Vierteljahrtausend waren (fast) alle Europäer «Rassisten», unsere Vorfahren inbegrifffen. Die Ueberlegenheit der weissen Rasse wurde als normal empfunden, nicht zuletzt von Kirche und Missionaren. Deshalb sollten wir endlich aufhören, bestimmte Bürger oder Kunstwerke aus jener Zeit (von Stadtarchitektur bis zum Sarganser Alpsegen) zu verteufeln.
    Sie sind Zeugen der damaligen Kultur und kein Mensch dachte an Fremdenhass, wenn er im Tea Room einen Mohrenkopf verschlang oder im Kolonialwarenladen einen Coruba Ruhm mit dem grinsenden «Neger» auf der Etikette kaufte.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

spot_img

Beliebte Artikel