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Ein Kurztext durchs Brennglas

Ist Ihnen Hans Magnus Enzensberger (*1929) vertraut? Der ‚grand old man‘ der deutschen Literatur gehört immanent zum künstlerisch bedeutsamen Gewissen Deutschlands und hat sich als Lyriker, Essayist, Herausgeber, Übersetzer und Redaktor in all diesen Berufsfeldern ausgezeichnet. Wir rücken eine seiner Kurzgeschichten aus dem Jahre 1992 in den Fokus.

Enzensberger arbeitete zuerst bis 1957 für Alfred Andersch als Redaktor beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart. Schon sein erster Gedichtband ‚Die Verteidigung der Wölfe‘ enthielt virtuose Sprachspiele, die sein Querulantentum und seinen Weltekel dokumentierten. Er zählte dann auch zur Gruppe 47, wurde Schriftsteller und erhielt mit 33 Jahren bereits den renommierten Büchner-Preis. Von 1965 bis 1975 gab er die Zeitschrift ‚Kursbuch‘ heraus, die der Studentenbewegung als Wegmarke diente. Sich politisch vereinnahmen liess er sich aber nie. In der Anthologie ‹Freisprüche› (1970) versammelte Enzensberger 24 Stücke, in der überwiegenden Zahl Verteidigungsreden, die von revolutionären Angeklagten in politischen Prozessen gehalten wurden.

Ein Lyrik-Fundus von 70 Jahren:
Suhrkamp Taschenbuch 5013
ISBN 978-3-518-47013-8
Foto © Jürgen Bauer, Suhrkamp

Zitat: „Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor. Zweifel sind mir lieber als Sentiments. Widerspruchsfreie Weltbilder brauche ich nicht. Im Zweifelsfall entscheidet die Wirklichkeit.“

Zahlreiche Essaybände zu den Themen Migration und Gewalt in Zivilgesellschaften und gewichtige Gedichtproduktionen folgten, darunter das Versepos ‚Der Untergang der Titanic’ (1978), ein Rückblick auf die revolutionären Hoffnungen der Sechzigerjahre und mit einem ironischen Kommentar zu Weltuntergangsszenarien versehen.
In seinem Spätwerk setzte er sich auch mit der EU (2011) und mit Überlebenskünstlern (2018) auseinander. 2014 vermachte er sein Werk dem Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Fremde im Zug‘ gehört als Kurztext in den ersten der drei Essaybände, die zwischen 1992 und 2006 erschienen sind. Migration, Massenbewegungen, Fremdenfeindlichkeit  und Ausgrenzung zählen zu einem weiten Themenbogen, der seither nichts an Aktualität eingebüsst hat. Vergewissern Sie sich selbst:   

Hans Magnus Enzensberger: Fremde im Zug (1992)

Zwei Passagiere in einem Eisenbahnabteil. Wir wissen nichts über ihre Vorgeschichte, ihre Herkunft oder ihr Ziel. Sie haben sich häuslich eingerichtet, Tischchen, Kleiderhaken, Gepäckablagen in Beschlag genommen. Auf den freien Sitzen liegen Zeitungen, Mäntel, Handtaschen herum. Die Tür öffnet sich, und zwei neue Reisende treten ein. Ihre Ankunft wird nicht begrüsst. Ein deutlicher Widerwille macht sich bemerkbar, zusammenzurücken, die freien Plätze zu räumen, den Stauraum über den Sitzen zu teilen. Dabei verhalten sich die ursprünglichen Fahrgäste, auch wenn sie einander gar nicht kennen, eigentümlich solidarisch. Sie treten den neu Hinzukommenden gegenüber als Gruppe auf. Es ist ihr Territorium, das zur Disposition steht. Jeden, der neu zusteigt, betrachten sie als Eindringling. Ihr Selbstverständnis ist das von Eingeborenen, die den ganzen Raum für sich in Anspruch nehmen. Diese Auffassung lässt sich rational nicht begründen. Umso tiefer scheint sie verwurzelt zu sein. Nun öffnen zwei weitere Passagiere die Tür des Abteils. Von diesem Augenblick an verändert sich der Status der zuvor Eingetretenen. Eben noch waren sie Eindringlinge, Aussenseiter; jetzt haben sie sich mit einem Mal in Eingeborene verwandelt. Sie gehören zum Clan der Sesshaften, der Abteilbesitzer, und nehmen alle Privilegien für sich in Anspruch, von denen jene glauben, dass sie ihnen zustünden. 

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1 Kommentar

  1. Das Abstecken des eigenen Reviers und der Widerwille gegen Eindringlinge liegt seit Jahrmillionen tief in unseren Genen verankert. Intelligenz, Vernunft, Erziehung und Bildung mahnen uns zwar zu solidarischem Verhalten. Aber leider sind die Instinkte oft stärker als unsere kognitiven Fähigkeiten. Frank Urbaniok stellt nüchtern fest: «Darwin schlägt Kant». Solidarität mit Fremden wurde uns nicht in die Wiege gelegt, wir müssen uns um sie bemühen, Tag für Tag, immer und immer wieder.

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