FrontKulturAndreas Homoki als Züri-Loki

Andreas Homoki als Züri-Loki

Offenbachs letzte Oper „Hoffmanns Erzählungen“ ist auch seine faszinierendste und kühnste. Kühn und technisch pionierhaft war nun auch die Umsetzung im Opernhaus Zürich – leider wieder vor leeren Rängen.

Intendant Andreas Homoki hat im Führerstand seines Hauses am See derzeit so einiges um die Ohren. Erst musste die Übergriffigkeit des Operndirektors Michael Fichtenholz geklärt werden, dann holte die Direktion mit einheimischer Verspätung die MeToo-Debatte ein, was eingehende Befragungen des Personals nach sich zog. Die Auswertung trug in Sachen Machtmissbrauch aber zur Klärung und halbwegs zu einem Persilschein bei, sodass die Homoki-Loki die vorgesehene Regiearbeit an Offenbachs phantastischer Oper wieder mit Dampf und gewohnter Verve aufnehmen konnte.

Stella (Lauren Fagan) und Hoffmann (Saimir Pirgu) auf doppelt schiefer Ebene

Und nun gilt es, dem technischen Stab und der gesamten Haustechnik mal ein Kränzchen zu winden, denn welches Opernhaus leistet sich weltweit eine derart perfekt ausgetüftelte Maschinerie mit der Zuspielung des Orchesters und des Chors aus dem Hightech-Proberaum am Kreuzplatz. 40 Mikrophone sind im Orchesterraum positioniert und weitere 20 unter den Choristen. Via Glasfaserkabel wird das Resultat dann ins Parkett gestreamt und dort via Mischpult und Bildschirm den Solistinnen und Solisten zugeschaltet – schon fast nobelpreiswürdig. Es lohnt sich, die Aufzeichnung, die bis Ende April kostenfrei zu geniessen ist, über die Website des Opernhauses herunterzuladen, denn die eingespeisten Interviews belegen die sehr persönliche Note der Zürcher Bühne, und die technischen Einspielungen erweisen sich als anregend und hilfreich.

Oper als fesselndes Live-Kino    

Das Bühnenbild von Wolfgang Gussmann weiss mit rautenförmigen Spielflächen, die sich drehen, herumfahren und kippen lassen, einzunehmen. Verblüffende Trompe-l’oeil-Effekte à la M.C. Escher befeuern die halluzinöse Traumwelt des Schwarmgeists Hoffmann. Die schwarz-weiss gefächerten Rechtecke rücken die anmutigen Damenroben vor dem schwarz ausgekleideten Niemandsland ins betörende Blickfeld, sodass die abenteuerlichen Liebesgeplänkel zwischen der Automatenpuppe Olympia, der zum Tode geweihten Antonia und der Kurtisane Giulietta mit ihrem liebestollen Hoffmann auch ohne verklärende Brillengläser gefangen nehmen können.

Die Automatenpuppe Olympia sorgt für Entgeisterung / Fotos © Monika Rittershaus 

Der Bösewicht Coppélius, der in vier verschiedenen Chargen sein teuflisches Wesen treibt, hält als Bindeglied die fünfaktige Handlung zusammen und besticht in der Person von Andrew Foster-Williams darstellerisch wie sängerisch durch ränkeschmiedende Agilität. Wie denn die musikalische Qualität samt und sonders zu loben ist. Antonino Fogliani leitet die Philharmonia Zürich mit französischem Esprit und Janko Kostelic steuert die Choreinsätze mit fülliger Präsenz bei.  Saimir Pirgu überzeugt in der halsbrecherischen tenoralen Titelpartie durch lyrischen Schmelz wie durch dramatisch gleissenden Impetus. Und die Gespielinnen Olympia (Katrina Galka), Antonia (Ekaterina Bakanova) und Giulietta (Lauren Fagan) gehören zur jüngeren Garde von exzellent ausgebildeten Solistinnen, denen man die Rollendeckung gerne abnimmt. Aber auch Alexandra Kadurina (als Nicklausse) und Erica Petrocelli (als Stella) fügen sich wie eine Vielzahl von Nebenrollen in eine fein austarierte Besetzung ein, die durch hohes internationales Format besticht.

Hoffmann (Saimir Pirgu) weiss nicht mehr, wo ihm die Sinne stehen. Statisten mit Gesichtsmasken mimen den Chorpart.

Und was fällt dem Hausherrn ein, wenn er in der Schenkszene halt doch einen Chor auf der Bühne braucht? Er lässt zwanzig Statisten als studentische Trinkbrüder in Vollmaske mimisch agieren, welche die Choristen taktgenau und ohne dümmliches Besäufnis ersetzen. Das Schutzkonzept wird rigoros umgesetzt und hoffentlich auch inskünftig erfolgreich angewendet werden können.

Und es ist mehr als Intendantenschmus, wenn Andreas Homoki im Programmheft mit Wehmut auf den leeren Zuschauerraum blickt: „Ist das Opernhaus voll besetzt (und das war vor Corona-Pandemie meistens der Fall) wirkt der konvexe Publikumskorpus wie ein Brennglas, das die Bühne mit seiner Konzentrationshitze auflädt. Es ist eine Menschensonne, die Abend für Abend aufgeht und die Kunst auf der Bühne mit Energie versorgt, sie wachsen, blühen, leuchten lässt. Diese Sonne, also Sie, verehrtes Publikum, vermissen wir. Sie ahnen gar nicht, wie sehr. Wie eine Fata Morgana steht uns der Anblick eines vollen Hauses während des Corona-Lockdowns vor Augen, wenn wir, wie jetzt wieder bei den Endproben zu Jacques Offenbachs Oper «Les Contes d’Hoffmann», nur auf Parkettreihen mit hochgeklappten Theaterstühlen schauen.“ 

Wir alle wünschen uns diese Erlebnisse bald wieder zurück, doch diesen Offenbach in der warmen Stube zu streamen, kann auch etwas über die nach wie vor geschlossenen Pforten hinwegtrösten. Tun Sie es, es ist auch ein Zeichen der Solidarität.        

 

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1 Kommentar

  1. Andreas Homoki als Züri-Loki:
    Zu Offenbachs letzte Oper „Hoffmanns Erzählungen“
    Ich bin überhaupt kein Opern-Fan, doch diese Oper und diese Aufführung ist eine Sensation, zusammen mit allen Corona-Bedingtheiten!
    Mein persönlicher Tipp: Bis Ende April ist diese Produktion auf der Website des Opernhauses als Screen zu sehen, zu hören und mitzuerlelben.
    Hanspeter Stalder

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