FrontKolumnen«Mensch, ärgere Dich nicht!»

«Mensch, ärgere Dich nicht!»

War das nicht der Name eines Spieles? «Mensch ärgere Dich nicht». Eine Lebensweisheit in ein Spiel verpackt, damit wir sie immer wieder «üben» können? Nur, mein Leben hat dieses Spiel nicht begleitet. In meiner Familie war seinerzeit «Eile mit Weile» Trumpf. Französisch: «Hâte-toi lentement», Italienisch: «Chi va piano – va sano!» Gar kein schlechtes Motto für die Lebensgestaltung!

Aber der Satz im Titel geht mir in letzter Zeit nicht mehr aus dem Kopf. Und erinnert mich paradoxerweise an eine verstorbene Bekannte, einige Jahre älter als ich, die uns immer wieder von ihrer Lebenseinstellung erzählte. «Ich überlege mir nie, was ich nicht mehr kann», sagte sie uns. «Ich halte mich an das, was ich noch kann. Und das mache ich dann!». Ihr Leben war auch im hohen Alter erfüllt.

Sie gehörte zu einer Gruppe, die sich einmal in der Woche traf – alle hatten ein SBB-Generalabonnent – und dann spontan entschied, wohin die Fahrt gehen soll. Oder sie erzählte uns von ihrem Enkel, der sich eine gestrickte Mütze erbat, und ihr einen genauen Plan vorlegte, welche Farben er in welchen Streifen nacheinander sehen wollte. Der Junge bekam die Mütze, obwohl das Herstellen gar nicht so einfach gewesen sei, wie sie uns erzählte.

Sie beeindruckte uns überhaupt mit ihren Strickkünsten. «Ich kann mich am Abend nicht hinsetzen und nichts tun. Meine Hände stricken von selbst» erzählte sie uns jeweils. Ihr Leben war nicht einfach gewesen. Aber die Erinnerung daran war offensichtlich verflogen, hatte sich in die Tiefe der Seele verkrochen. Sie konnte sich für eine Sache ereifern, aber «Ärger», das war ihr offensichtlich fremd.

So gelassen bin ich nicht. Wenn sich mein tragbares Radio nicht dort befindet, wo ich meine, es hingestellt zu haben, wenn ich vom Festnetz aus meinem Handy telefonieren muss, damit ich höre, wo ich es finden kann, dann erfasst mich eine gewisse Ungeduld mit mir selbst.

Besonders das Handy ist für mich ein kostbares Kleinod. Nicht weil ich mit Anrufen überhäuft würde. Aber es dient mir als Fotoalbum. Die Strasse, an der ich wohne, ist mit Bäumen gesäumt. Ich habe sie mit dem Handy festgehalten. Vor kurzem waren sie noch schneebedeckt, es sah aus wie eine Blütenpracht. Und jetzt sind sie braun. Die dürren Blätter haben den Schnee abgeschüttelt. Deprimierend! Aber nein, sie sind gar nicht mehr nur braun. Da und dort ist ein grünes Blättchen zu entdecken. Ich freue mich darauf, zu sehen, wie ein grüner Flaum die Bäume überziehen wird. Und selbstverständlich werde ich das mit meinem Handy fotografieren. Und dann die Bilder auch wieder löschen, wenn ihre Zeit vorbei ist.

Heute morgen setzte ich mich mit einem «Coffee to go» auf ein Bänklein am Bahnhofplatz. Und beobachtete das Treiben der Menschen. Und wollte selbstverständlich die Tauben fotografieren, die da herum trippelten. Nichts zu machen. Ohne Brötchen keine Tauben, die für eine Porträtaufnahme stillhalten! Macht nichts. Muss diese Aktion eben einmal seriös vorbereiten!

Natürlich habe ich auch Bilder vom Vierwaldstättersee, mit dem Pilatus im Hintergrund. Mehr als eines. Denn den Kurs Luzern-Beckenried retour, ohne Aussteigen, benütze ich als «Auslauf» oder für einen «Tapetenwechsel». Der glitzernden Wasseroberfläche mit der vielfältigen Uferlandschaft kann ich selten widerstehen, «Knips», schon ist sie festgehalten und erfreut mich dann auch noch in der Erinnerung.

Was ich da beschreibe, erlebe ich selten allein. Auf dem Bänklein am Bahnhofplatz, für eine Schifffahrt, finden sich meistens Kolleginnen ein. Manchmal geplant, manchmal zufällig. Luzern ist eine kleine Stadt. Das hat auch seine Vorteile!

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