StartseiteMagazinKultur40'000 Jahre abstrakte Kunst

40’000 Jahre abstrakte Kunst

Die steinzeitliche Fels- und Höhlenmalerei ist die einzige Kunstform, welche Jahrtausende überdauert. Der Reichtum der Felsbilder in der Ausstellung «Kunst der Vorzeit» im Museum Rietberg aus den Frobenius-Expeditionen lässt uns staunen.

Die Entdeckung der altsteinzeitlichen Felsbilder Ende des 19. Jahrhundert veränderte die Vorstellung über die Anfänge der Kunst von Grund auf. Doch Felsbilder sind standortgebunden und lassen sich nicht in ein Museum bringen, höchstens in Form von Abbildungen. Das trieb den abenteuerlustigen Frobenius an, sie vor Ort in Form zweidimensionaler Gemälde festzuhalten und so transportierbar zu machen.

Ausstellungsansicht im Museum Rietberg. Foto: rv.

Die Inszenierung der Dokumentationsarbeit von Leo Frobenius im Museum Rietberg folgt entlang den Expeditionen: Durch die Sahara, Südafrika, Papua-Neuguinea, Australien und Europa, auch mit ein paar zeitgenössischen Werken von Paul Klee als Kontrapunkt. Die rund hundertzwanzig teils meterlangen Abzeichnungen der Originalbilder werden ergänzt von Arbeitsfotos und Expeditionsgegenständen.

Liegender mit Hörnermaske, Simbabwe, Rusape, Diana Vow, 1929, Agnes Schulz.
Foto: © Frobenius-Institut, Frankfurt am Main.

Leo Frobenius (1873-1938) war ein deutscher Ethnologe und lernte prähistorische Felsbilder schon in den 1890er Jahren kennen. Um sie zu dokumentieren, verzichtete er weitgehend auf die Fotografie, weil ihm diese zu wenig präzise war. Bis heute ist es schwierig, Felsbilder in den teilweise engen, dunklen Höhlen akkurat zu fotografieren. So zog er vor hundert Jahren mit einem Team von Künstlerinnen und Künstlern aus, die zweitausendfünfhundert bis fünfzigtausendjährigen Werke vor Ort abzumalen, was die Archäologie als unwissenschaftlich abwertete. Dafür feierten seine Kopien zwischen 1914 bis 1938 in den Kunstmuseen auf der ganzen Welt grosse Erfolge und inspirierte Künstler der Moderne wie Paul Klee, Augusto Giacometti oder Jackson Pollock.

Die schwierigen Arbeitsbedingungen vor Ort schmälerte die Begeisterung der Künstlerinnen und Künstler keineswegs, 1934 in Spanien.

Seit 1904 war Frobenius in West- und Zentralafrika unterwegs und brachte neben Aufzeichnungen von Erzählungen und Märchen ethnografische Objekte zurück, die er Museen und Privaten zur Finanzierung seiner Reisen verkaufte. Er sah, wie gefährdet die afrikanische Kultur war, und betrachtete sich als deren Retter. Dank der grosszügigen Unterstützung des abgetretenen Kaisers Wilhelm II. war ihm die erste Expedition 1913-1914 mit einem Team in den Maghreb und an den Nordrand der Sahara möglich. Jede seiner zwölf Forschungsreisen war eine logistische Herausforderung, ebenso die Finanzierung mit Spendengeldern.

Frobenius packte für jede Expedition die neuesten Fotokameras ein und engagierte mehrere Kunstmalerinnen und Kunstmaler, die die Felsbilder vor Ort sorgfältig mit Stift und Pinsel im genauen Massstab kopierten, auch Pausen abnahmen und die Farben des Gesteins in Aquarellproben fixierten, um daheim die Kopien auch in Oel auf Leinwand wiederzugeben. Im Gegensatz zur Fotografie sah Frobenius in der lebendig entstandenen Zeichnung die Geistigkeit, die in der Darstellung mitschwingt. Wissenschaft und Kunst waren für ihn gleichwertig.

Ausschnitt aus: Elefantenkontur, riesiges rotes Tier, Böcke und Menschen, Simbabwe, Marandellas, Inoro, 1929, Joachim Lutz, 151 x 616 cm. Foto: rv.

Lange herrschte die Meinung vor, dass Menschen der Vorzeit primitiv wären. Doch je mehr sie erforscht werden, auch dank Frobenius Bildern, umso mehr erstaunen sie uns. Die abstrakten Malereien zeigen ein grosses Können und geben Tiere und Menschen in ihren Bewegungen lebendig wieder. Besonders eindrücklich sind auch die Jagdszenen mit Menschen in angespannter Haltung, die auf ein Tier zielen. Viele der Bilder sind in Schichten gemalt, wie das fast sieben Meter lange Wimmelbild mit grossen Elefanten, die von unzähligen Menschen und Tieren übermalt sind. Offenbar wischten die alten Künstler eine bestehende Malerei nicht weg, sondern führten sie weiter.

Wandjina, Mount Hann, Kimberly, Australien, 1938. Douglas C. Fox, Aquarell auf Papier. Foto: ©Frobenius-Institut, Frankfurt am Main.

Die Ausstellung zeigt in einem Video den Besuch des Ausstellungskurators bei den traditionellen Besitzern der Felsmalereien im Kimberley in Nordwestaustralien. Er bittet sie um Erlaubnis, Frobenius’ Bilder von 1938 heute ausstellen und im Katalog wiedergeben zu dürfen. Mit einem besonderen Ritual mit Feuer, Rauch und Blättern werden dafür die Ahnen angefragt. So wird ihnen Achtung entgegengebracht, was bei den Expeditionen sicher fehlte.

Skiläufer, Norwegen, Rödöy, 1934, Agnes Schulz, Kreide auf Papier. Foto: rv.

Die ausgestellten Kopien umfassen Felsbilder aus allen Kontinenten und aus den unterschiedlichsten Jahrtausenden. Viele Originale sind heute zerstört oder schwer zugänglich, was sie gleichzeitig schützt. Denn sobald Orte bekannt sind, kommen Neugierige und beschädigen die Bilder mit Sprayereien und Kritzeleien. Manche Felsbilder werden von den Einheimischen noch gepflegt, verblassende Farbe regelmässig aufgefrischt, wie bei den Ureinwohnern in Südafrika oder in Australien. Sie leben noch mit ihren Bildern, die sie mit ihren Ahnen in Verbindung bringen.

Handsilhouetten, Fische und Mond, 1937, Tabulinetin, Westpapua/Indonesien, Albert Hahn. Foto: rv.

Viele Felsbilder zeigen Handsilhouetten – ob da der Künstler seine Markierung hinterliess? –  wir wissen es nicht. Wir wissen überhaupt kaum etwas über die Bedeutung der Darstellungen. Wir erkennen zwar Menschen, Tiere, Wesen, die uns wie Ausserirdische vorkommen, auch abstrakte Formen, die Frobenius Formlinge nannte, doch bleiben sie alle für uns geheimnisvoll und faszinierend.

Bis 11. Juli

«Kunst der Vorzeit. Felsbilder der Frobenius-Expeditionen» im Museum Rietberg, Zürich,
mehr siehe hier

Illustrierter Katalog zur Ausstellung, Museum Rietberg, Neuauflage 2021, CHF 49.00.

 

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