FrontKulturDinge. Stilleben bis heute

Dinge. Stilleben bis heute

Seit der Antike beschäftigen sich Kulturschaffende mit der Darstellung des Stillebens. Eine Auswahl von Arbeiten zeigt die Kunstplattform akku in Emmen bis 18. Juli 2021.

Dinge umgeben uns überall, sind uns zur Hand und im Weg! Kein Wunder, haben sich Künstlerinnen und Künstler seit der Antike mit der Darstellung der allgegenwärtigen und alltäglichen Objekte beschäftigt. In der Moderne war das Stillleben, die Bildgattung, welche sich dieser Aufgabe widmet, gar ein Medium zur Erneuerung der Kunst, da die unspektakulären Motive nicht von den eigentlichen, formalen Merkmalen des Bildes – Farbe und Fläche – ablenkten. Bis heute bleibt die Auseinandersetzung mit den Dingen eine zentrale Aufgabe der Kunst.


Sebastian Utzni, Grosse schwarze Kerze, 2015, Glass, Docht, Leihgabe des Künstlers und der Galerie Lullin+Ferrari, Zürich

Beim Betreten der Halle fällt ein mit Baubändern abgegrenztes Gebiet auf, das suggeriert, da habe man eine Baustelle nicht vollständig aufgeräumt. Auf dem Boden erweckt eine schwarze Masse den Eindruck, es handle sich um Teer. Das ist eine der vielen Überraschungen der Ausstellung. In Wirklichkeit handelt es sich um die Darstellung einer abgebrannten schwarzen Kerze, vom Künstler Sebastian Utzni inszeniert. Der Gast-Kurator Heinz Stahlhut erklärt das so: «Die Kerze kommt im Stilleben im 17. Jahrhundert sehr häufig vor. Das ist ein Symbol der Vergänglichkeit, entweder die brennende oder die erloschene Kerze. Sebastian Utzni nahm die Kerze aus dem Stilleben heraus und hat sie mit Glas nachgebaut. Die Spannung zwischen dem weichen Wachs, der sehr verformbar ist, und hier dem Glas, das auch einmal flüssig war, aber heute zerbrechen würde, wenn man daran etwas macht, das hat ihn sehr gereizt. Und es ist eine schwarze Kerze, normalerweise sind sie weiss.»

Die nachgebildeten Uhren der Prominennten. Von oben links bis unten rechts. Dalai Lama, James Bond, Papst Johannes Paul II, Che Guevara, Jay-Z, Pablo Picasso

Eine weitere Überraschung sind ebenfalls von Sebastian Utzni digital hergestellte und abgebildete sechs Rolex-Uhren, die von Prominenten getragen wurden. Von Dalai Lama über James Bond bis zu Papst Johannes Paul II.

Wie er dazu gekommen ist, erklärt der Künstler Seniorweb so: «Ich sah in einer Zeitung Johannes Paul II mit einer Rolex. Darauf habe ich recherchiert, wer alles von den Prominenten eine Rolex getragen hat. Pablo Picasso beispielsweise war ein riesiger Fan von Rolex und der Papst sah die Uhr nicht als Wertgegenstand, sondern als Tradition vom Handwerk der Uhrmacherkunst.»


Antoine Zgraggen, Destructive Maschine: Die Zerquetscherin, 2005, Metall, Hydraulik, Leihgabe des Künstlers verreist ein Buch

Die nächste Überraschung sind zwei 300 Kilo schwere Maschinen, die mit Starkstrom betrieben werden. Karl Bühlmann, Geschäftsführer Stiftung akku Emmen, lüftet das Geheimnis: «Das sind Zerstörungsmaschinen. Stilleben ist immer ein Arrangement von Werken, die man auch zerstören kann. Die Besucher können hier Vasen, Bücher, Flaschen und andere Gegenstände abgeben, die dann in den beiden Maschine eingeklemmt und zerstört werden.» Die Maschinen gehören dem in Süddeutschland lebenden Schweizer Antoine Zgraggen. Er hatte sie nach Emmen transportiert und eingerichtet.

Jiri Kolàr (1914-2002) Birne 1969, Collage über Kunststoff, Privatbesitz, Luzern

Die Ausstellung versammelt ausserdem verschiedene künstlerische Positionen zum Stillleben: So setzt sich Marcel Glanzmann (*1965) mit den Prunkstillleben des holländischen 17. Jahrhunderts auseinander, Bernd Finkeldei (*1947) gewährt Einblicke in sein Atelier, Marcel Scheible (*1974) kreiert eine neue Variante des Bücherstilllebens, während das Zusammentreffen von Büchern verschiedenster Herkunft und Inhalts auf dem Bücherregal Monika Dillier (*1947) interessiert und Bernd Goering (*1962) hingegen bis dahin sakrosante Bücher attackiert. Daniel Spoerri (*1930) serviert die Frühstücksvariationen, Ernst Buchwalder (1941-2014) zeigt uns unmögliche Dinge.


Marcel Glanzmann, Study for Silent Grey Nr. 3, Öl auf Leinwand, Leihgabe des Künstlers

Weitere beteiligte Künstlerinnen und Künstler: Judith Albert, Aimé Barraud, Anna Blume, Roland Bugnon, Hans Emmenegger, Nancy Hagin, Werner Hartmann, Ernst Maass, Alfred Sidler, Petra Weiss, u.a.


Monika Dillier («Gesetz der guten Nachbarschaft», 2017, Aquarell auf Fabriano)

Sebastian Utzni neben der nachgebildeten Rolex von Papst Johannes Paul II

Die Ausstellung dauert bis 18. Juli 2021

Fotos: Josef Ritler

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