FrontGesundheitDie Pflege kann gar von der Autoindustrie lernen

Die Pflege kann gar von der Autoindustrie lernen

Der weltweit agierende Rat der Pflegenden, Council of Nurses International (ICN), schlägt Alarm, prognostiziert einen Massenexodus aus dem Beruf: 80 Prozent der nationalen Pflegeverbände stellen bei ihren Mitgliedern gesundheitliche Probleme wie Erschöpfung, Burnout, Depression und Schlafstörungen fest. Viele der Pflegenden würden deshalb sehr früh aus dem Beruf aussteigen.

Ein Blick auf den Job-Radar bestätigt diese Aussage; sie gilt auch für die Schweiz: Mit 6124 offenen Stellen gehören gesuchte Pflegefachpersonen nebst Elektromonteuren und Software-Entwicklern in Bezug auf die ausgeschriebenen Stellen zu den Top 3. Nicht verwunderlich: Auch in der Schweiz präsentiert sich die Situation nicht anders: Fast die Hälfte der ausgebildeten Pflegefachpersonen verlässt nach der Ausbildung sehr schnell wieder ihren Beruf, suchen sich eine neue Herausforderung – viele bereits vor ihrem 35. Geburtstag (Quelle medinside). Pierre-André Wagner, Leiter der Rechtsabteilung des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner, sagt: «Im Pflegesektor kommt es zu Verstössen, die in jedem anderen Berufssektor als inakzeptabel angesehen würden. Das Arbeitsrecht wird systematisch mit Füssen getreten» (Quelle: die Wirtschaftsfrau.ch).

Im letzten Jahr, nach der ersten Welle der Pandemie, wurden die Pflegefachpersonen allseits gelobt, von Balkonen wurde ihnen laut applaudiert. Sie haben tatsächlich ganz entscheidend dazu beigetragen, dass unser Gesundheitswesen nicht aus den Fugen geriet. Nach wie vor haben sich die Arbeitsbedingungen aber nicht geändert. Können wir es uns leisten, dass diese weiterhin derart schlecht sind, so dass viele Pflegende ihren gelernten Beruf an den Nagel hängen? Es ist klar und mit eindeutigen Zahle bewiesen, dass wir in Zukunft im Zuge der demografischen Entwicklung auf zusätzliche Pflegekräfte angewiesen sind. Bis ins Jahr 2030, so wird in einem Bericht der kantonalen Gesundheitsdirektoren vorgerechnet, fehlen 65’000 zusätzliche Pflegende (Quelle: SBK aktuell, 7.11.2018).

Blick in die Geschichte der Pflege

Blicken wir etwas zurück in die Geschichte der Pflege. Sie entstand aus der Notwendigkeit, kranke und schwächere Mitglieder der eigenen Familie oder Gemeinschaft zu versorgen. Daraus entwickelte sich eine nicht-berufliche Pflege, die im Sinne der Nächstenliebe auch bedürftige Menschen außerhalb des eigenen Verwandtenkreises versorgte. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden spezialisierte Pflegeberufe. Es war aber immer eher ein dienender Beruf, der oft von eingekleideten Ordensschwestern mit viel Herzblut ausgeübt wurde. Bekanntlich hat die Pflege in den letzten Jahrzehnen eine rasante Veränderung erlebt. Die demografische Entwicklung, also der höhere Pflegebedarf in unserer Gesellschaft in Zukunft, wurde als neues Geschäftsfeld entdeckt. Auch in der Schweiz investieren zunehmend internationale Firmen in Alters- und Pflegeheime. Aufgrund der steigenden Kosten steht die Pflege auch in den Gemeinden, Städten bzw. Kantonen immer mehr zur Debatte. Diese finanzieren, zusammen mit den Krankenkassen, die Pflegekosten. Einen kleineren Anteil ist durch die Betroffenen selber zu tragen. In der Öffentlichkeit sind die Pflegekosten zunehmend dem Druck einer Finanzpolitik ausgesetzt, bei der Steuererhöhungen ein Tabu sind, Steuersenkungen dagegen im Trend liegen. Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen Rahmenbedingungen?

Die Pflege wird zunehmend aufgeteilt, gar «industrialisiert». Ziel dieser Aufteilung in Arbeitsschritte ist, die «Produktivität» der Pflegenden zu steigern, um Kosten einzusparen. So teilen die Verantwortlichen der Institutionen die Pflege zunehmend nach Kompetenzen auf. Es gibt Verrichtungen, die eine höhere Kompetenz verlangen, die können nur von einer diplomierten Pflegekraft ausgeführt werden. Andere Pflegleistungen, wie die Körperpflege beispielsweise, werden auch durch andere weniger gut qualifizierte Mitarbeitende übernommen. Bei der ambulanten Spitex Pflege kann das sogar heissen, dass der Klient am gleichen Tag von 2 verschiedenen Personen besucht wird. Es ist grundsätzlich möglich, dass anstelle einer diplomierten Pflegefachperson auch eine Fachangestellte Gesundheit und weiteres Assistenzpersonal bei Grundpflege eingesetzt wird. Doch lassen sich durch die tieferen Löhne dieser weniger qualifizierten Mitarbeitenden wirklichen Kosten einsparen? Als Folge dieser Aufteilung besteht die Gefahr einer zunehmend unsicheren Pflege. Die Umwandlung von Funktionen im Gesundheitswesen, bei denen es diplomiertes Pflegepersonal bräuchte, diese aber mit Assistenzpersonal besetzt werden, führt insbesondere in der ambulanten Spitex Versorgung dazu, dass Personal fehlt, das in der Lage ist die Pflegequalität zu beurteilen. Eine gute Qualität im Gesundheitswesen entspricht aber dem generellen Wunsch der stimmberechtigten Bürgerinnen und Bürger (Quelle: Studie Interpharma, Gesundheitsmonitor 2019). Die Versorgungsqualität ist nach wie vor auch zentral für eine nachhaltige Kostenentwicklung im Gesundheitswesen.

Von der Autoindustrie lernen

Doch gehen wir nun zur Geschichte der Autoindustrie. Im Gegensatz zur Pflege werden dort Objekte, also Autos hergestellt. In der Autoindustrie hat man beobachtet, dass die Aufteilung der Arbeitsprozesse zu einer Abstumpfung und zur Entwertung der Arbeitskraft führte, da nur noch wenige, monotone Handgriffe des Einzelnen nötig waren. Die sogenannte Humanisierung der Arbeitswelt führte dann zu einer veränderten Arbeitsorganisation. Die Arbeitsschritte wurden in Gruppen ausgeführt, weil damit die Arbeitsbedingungen und Motivation der Mitarbeitenden verbessert werden konnte. Es gab dadurch sicher auch weniger Krankheitsabsenzen. Könnte davon nicht auch die Pflege etwas lernen?

In der Pflege haben wir es mit Menschen zu tun, deren Leben durch ihre Biografie geprägt wird. Menschen sind keine Objekte wie Autos und nehmen wahr, ob die Pflegeperson gestresst, oberflächlich oder motiviert und einfühlsam agiert. Menschliche Zuwendung ist ein Bestandteil guter Pflege. Bei der «Industrialisierung der Pflege» ist das offenbar noch nicht erkannt worden. Es gibt in Holland ein ambulantes Spitex Konzept, das sogenannte Buurtzorg-Modell. Dort arbeiten die Pflegenden in autonomen Teams. Das Ziel ist eine ganzheitliche Pflege. Und siehe da: auch die Kosten sind sogar tiefer als in herkömmlichen Pflegeorganisationen. Natürlich spielt auch die digitale Unterstützung der Prozesse eine wichtige Rolle. Holland ist bei diesen digital gesteuerten Prozessen weit besser aufgestellt als wir in der Schweiz.

Es ist unbestritten. Unser Gesundheitswesen ist teuer und den ökonomischen Druck können wir in der heutigen Zeit nicht ausblenden. Aber lernen können wir nun – so wie damals die Autoindustrie – dass die Pflege als Fliessbandarbeit in keiner Weise ideal ist und ein ganzheitliches Verständnis braucht. Starke Persönlichkeiten aus der Pflege sind gefragt, die der Öffentlichkeit aufzeigen, was eine gute Pflege für die Betroffenen bedeutet und was für diese Personen die Folgen der «Industrialisierung» sind. Wir alle können eines Tages pflegeabhängig werden und möchten nicht wie «Objekte» abgefertigt werden.

Die äusseren Rahmenbedingungen in der Pflege können nicht von heute auf morgen verändert werden. Aber das Ziel von motivierten und kompetenten Pflegeteams kann schon heute verfolgt werden. Pflegequalität soll noch viel stärker auch aus Sicht der Betroffenen definiert werden. Zudem ist im Gesundheitswesen aufzuzeigen, dass mit einer guten Pflegequalität Kosten für unnötige Spitaleinweisungen und Komplikationen gespart werden können, die Hausärzte durch kompetente Pflegepersonen entlastet werden. Dann sind auch die Gemeinden und Kantone bereit, die Finanzpolitik – zumindest im Bereich der Pflege – zu überdenken. Packen wirs an, wer macht den nächsten Schritt?


*Erich Scheibli (55). MAS FHO in Health Service Management

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