FrontKulturKonstruktive Kunst in Serien

Konstruktive Kunst in Serien

Das Zürcher Haus Konstruktiv zeigt Druckgrafiken, Fotografien, Filme und Malereien der ungarischen Künstlerin Dóra Maurer sowie zwei Installationen des jungen Berner Künstlers Zimoun. Für beide ist es die erste grosse Einzelausstellung in der Schweiz. Auch wenn sie höchst unterschiedlich arbeiten, verbindet sie das serielle Schaffen.

Das Haus Konstruktiv widmet dem Berner Künstler und Musiker Zimoun (*1977) seine bisher grösste Einzelausstellung in einem Schweizer Museum. Gezeigt werden zwei immersive Raum- und Klanginstallationen, die er aus alltäglichen und industriellen Materialien gefertigt und den architektonischen Gegebenheiten des Hauses angepasst hat. Zimoun arbeitet mit banalen Materialien wie Kartonkisten, Metallscheiben, Holzlatten und erschafft damit erstaunliche Welten, die einen in den Bann ziehen.

Zimoun, 191 prepared dc-motors, 39 kg wood, 2021, Ausstellungsansicht. Foto: rv

Im Erdgeschoss wird man von wabernden und klingenden Hölzern empfangen: Hunderteinundneunzig einzelne schräg auf einem Holzblock aufliegende Holzstäbe sind nach einem bestimmten Raster im Raum verteilt. Jedes Element ist mit einem kleinen Gleichstrommotor verbunden, bewegt sich unterschiedlich und erzeugt dabei einen feinen Klang. Die Betrachterin bleibt stehen, schaut fasziniert auf diesen sich wellenartig bewegenden «Teppich» und denkt an emsige Ameisen. Die zweite Installation im ersten Obergeschoss berührt ebenso und regt die Fantasie an. Man steht am Rand einer Kartonlandschaft, aufgebaut aus achthundertfünfundzwanzig unregelmässig übereinandergestapelten Kartonkisten, die sich sanft wie im Wind bewegen.

Dóra Maurer bei der Arbeit. Foto: Ben Westoby © Dóra Maurer and White Cube Gallery.

Dóra Maurer (*1936) lebt und arbeitet in Budapest und gilt als Vertreterin der ungarischen Neoavantgarde. Die retrospektive Schau mit Arbeiten von 1970 bis 2020 ist ihre erste Einzelausstellung in der Schweiz; sie ist in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin realisiert worden. Dabei hat Dóra Maurer eine enge Beziehung zur Schweiz. Im Alter von neun und elf Jahren reiste sie mit den vom Roten Kreuz organisierten Kinderzügen in die Schweiz, wo sie sich während drei Monaten bei Pflegeeltern von den Strapazen des Krieges erholen durfte – Erfahrungen, die sie nachhaltig geprägt hätten, wie die Künstlerin berichtet.

Dóra Maurer, Reversible and Changeable Phases of Movements, No. 5, 1972. Nachdruck. Collection Zsolt Somlói and Katalin Spengler. Foto: rv.

Die Ausstellung zeigt Maurers Werk chronologisch angelegt über zwei Etagen. In ihrem Schaffen sind Prozesse der Bewegung, Verschiebung und Veränderung, ebenso das Streben nach einer Systematisierung zentral. Die Gegenüberstellung von Film und Malerei macht deutlich, wie sich das filmische Denken in Sequenzen und Reihen im malerischen Werk der Künstlerin niederschlägt.

Dóra Maurer, Schautafel 3, 1972, Sand, Stroh, Schnur auf Spanplatte. Privatsammlung. Vintage Galéria, Budapest. Foto: rv.

Ende der 1960er Jahre entwickelte Dóra Maurer ausgehend von Naturbeobachtungen und menschlicher Bewegung grafische, fotografische und filmische Arbeiten, die im damaligen Kunstverständnis Ungarns nicht anerkannt wurden. Heute hat sie als Professorin an der Akademie der Bildenden Künste in Budapest und als Kuratorin für viele jüngere Kunstschaffende eine Vorbildfunktion.

Maurer fokussiert ihre Arbeit nicht auf ein vollendetes Werk, sondern zerlegt eine Form oder Bewegung in Einzelteile und fügt diese durch systematische Verschiebung in ein neues Raster. In der Fotoserie Reversible and Changeable Phases of Movements (1972) sind kleine Schwarz-Weiss-Fotografien in vertikaler und horizontaler Reihung rasterartig angeordnet. Sie geben verschiedene Phasen einer einfachen Bewegung wieder, dabei wiederholen sich die gereihten Bewegungsabfolgen in unterschiedlicher Kombination.

Dóra Maurer, Proportions 5 out of 4, Acryl auf Holz, 1979. Private Collection © Dóra Maurer.

Maurer stellt auch Druckgrafiken her, in denen Veränderungen von Materialien durch den Druckprozess selbst im Vordergrund stehen, dabei druckt sie so lange auf der mit Kaltnadel gerillten Aluplatte, bis der Druckstock völlig abgerieben ist, wie in Printing till Exhaustion (1979-1981). In der 1979 entstandenen Werkgruppe Proportions 5 out of 3 und 5 out of 4 spielt die Künstlerin mit Grössenverhältnissen.

Dóra Maurer, IXEK 22 / Disputa 3, 2020, Acryl auf Leinwand auf Holz. Museum of Fine Arts, Budapest, und I and Hungarian Naional Gallery. Foto: rv

Ein Raum vereint verschiedene Varianten der sogenannten Displacements, die 1972 aus den Schautafeln hervorgegangen sind. Die Basis dieser Werkgruppe bildet ein Rasternetz, nun aus 10 x 10 Feldern. Darauf werden acht verschiedenfarbige, mit diagonalen Streifen markierte Vierecke systematisch verschoben – die warmen Farbtöne horizontal, die kalten diagonal, sodass es zu vielschichtigen Überlagerungen kommt. Maurer nennt diese Arbeiten Quasi-Bilder und bemalt damit die Wände eines gewölbten Turmzimmers im österreichischen Schloss Buchberg 1982/1983, wie ein Film zeigt.

Die Weiterentwicklung ihrer Malerei wird im grossen Ausstellungsraum im dritten Stock mit den von ihr betitelten Werken Quod Libet, Overlapping, IXEK (Pluralform des ungarischen X) und Stage präsentiert. Auch diese Arbeiten beruhen auf dem Prinzip einer systematischen Verschiebung, allerdings zeigen sie einen viel freieren Umgang, auch in der Farbgebung. Die Künstlerin konstruiert perspektivisch verzerrte, schwerelos wirkende Bildsegmente. Die Farbflächen dieser Segmente überlagern und durchdringen sich gegenseitig und rufen scheinbar kinetische Effekte hervor.

Dóra Maurer, Stage III, 2016. Vintage Galéria, © Dóra Maurer.

Bis 12.9.
Haus Konstruktiv Zürich, Dóra Maurer / Zimoun

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