FrontGesellschaftGestaltungsprinzipien der Alterspolitik SG

Gestaltungsprinzipien der Alterspolitik SG

Regierungsrätin Laura Bucher, Vorsteherin des Departements des Innern des Kantons St. Gallen, schickt den Berichtsentwurf «Gestaltungsprinzipen der Alterspolitik» bis zum 31. August 2021 in die Vernehmlassung. Damit soll das bisherige kantonale Altersleitbild aus dem Jahre 1996 ersetzt und eine Grundlage für die zukünftige kantonale Alterspolitik geschaffen werden, um den anstehenden Herausforderungen zu begegnen. Ein Blick in den 78-seitigen Entwurf lohnt sich.

Im Folgenden wird der Untertitel «Gutes Alter(n) gemeinsam aktiv gestalten» mit Verweisen auf Textstellen Wort für Wort kurz erläutert. Zum Schluss beantwortet Karolina Staniszewski (Co-Projektleitung) vier Fragen.

Gutes Alter(n) gemeinsam aktiv gestalten:

Ein gutes Leben ist ein selbstbestimmtes Leben, in dem alle ihre Vorstellungen eines guten Lebens in ihrem sozialen Umfeld verfolgen und hoffentlich mindestens teilweise realisieren können. Das Gelingen eines guten Lebens ist abhängig von objektiven Bedingungen wie  «z.B. Einkommen, medizinische Versorgung, soziale Kontakte, Umweltbedingungen» (S. 22) und von subjektiven Einstellungen zu diesen Bedingungen wie «z.B. wahrgenommene Lebensqualität, psychologisches Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit» (S. 22).

Gutes Alter(n) gemeinsam aktiv gestalten:

Altern ist ein Prozess, der mit der Geburt beginnt und mit zunehmendem Alter völlig unterschiedlich verläuft. Das dritte und das vierte Alter bieten für jede Person individuelle Chancen und Herausforderungen, so dass allgemeine Aussagen über das Älterwerden schnell zu Gemeinplätzen werden, welche die enorme Heterogenität des Alterns überdecken (vgl. Kap. 2). Mit veralteten Vorurteilen über das Altern kommt man alterspolitisch nicht weiter.

Gutes Alter(n) gemeinsam aktiv gestalten:

Ältere Personen, gerade wenn sie pensioniert sind und mehr freie Zeit zur Verfügung haben, können viel zumgemeinsamen Wohlergehen beitragen, etwa durch Care-Arbeit als Grosseltern oder durch Begleitung der eigenen hochbetagten Eltern, durch Freiwilligenarbeit in Vereinen und Organisationen. Soziale Teilhabe und soziales Engagement stärkt die gemeinsame Sorge füreinander, das intergenerationelle Teilen von Erlebnissen, Erfahrungen und Einsichten. (vgl. Kap. 5)

Gemeinsames Wohnen ist ein probates Mittel gegen Einsamkeit (vgl. S. 33). Eine integrierte Versorgung unterstützt multimorbid Beeinträchtigte mit dem entsprechenden Fachpersonal und informellen Kräften aus dem Umfeld (Kap. 8.4.)

Gutes Alter(n) gemeinsam aktiv gestalten:

Wer rastet, der rostet. Okay, aber ein bisschen Sport treiben genügt nicht. Man kann physisch, psychisch und sozial «rosten». Um dem entgegenzuwirken, soll das kantonale Aktionsprogramm «In Balance älter werden» (Kap. 7.2.2) noch stärker gefördert werden. Ein aktiver Lebensstil umfasst neben der körperlichen Ertüchtigung auch soziale und kulturelle Aktivitäten. Gesundheit umfasst viele Dimensionen, wie folgende Abbildung zeigt: Quelle: Dahlgren, G. / Whitehead, M., 1991, S. 11.

Gutes Alter(n) gemeinsam aktiv gestalten:

Altern ist nicht bloss ein biologisches Geschehen, sondern kann von allen Beteiligten mitgestaltet werden, von den Alternden und ihrem sozialen Umfeld selbst und begünstigt durch Rahmenbedingungen, für welche die öffentliche Hand langfristig zu sorgen hat, da auch ökologische, städtebauliche und finanzielle Dimensionen dazu gehören.

Der Entwurf orientiert sich an folgenden vier Gestaltungsprinzipien:

  1. Soziale Teilhabe sowie gesellschaftliches Engagement ist für alle möglich
  2. Partizipation ist für alle möglich
  3. Ökonomische Sicherheit ist für alle gewährleistet.
  4.  Eine adäquate Gesundheitsversorgung ist für alle gewährleistet und Gesundheit wird für alle gefördert.  (S.23) 

Fragen an Karolina Staniszewski

Seniorweb: Nach 25 Jahren erneuert der Kanton St.Gallen sein Altersleitbild. Wie unterscheidet sich das neue Altersleitbild vom alten?

Karolina Staniszewski: Das neue Altersleitbild fokussiert weniger auf das stationäre Angebot – sprich Alters- und Pflegeheime, sondern auf das Umfeld am Wohnort. Früher war Alterspolitik primär Bettenplanung, heute wird Alterspolitik breiter gefasst. Dies ist auch im neuen Altersbild durch die breitere Themenwahl ersichtlich. Ein weiterer Unterschied zeigt sich im Bild des älteren Menschen. Da ältere Menschen heutzutage länger fit und aktiv sind sowie ihre Ressourcen in die Gemeinschaft einbringen, wird ihnen auch im neuen Altersleitbild eine aktivere Rolle in der Gestaltung der Alterspolitik eingeräumt. Zudem hat aufgrund der demografischen Entwicklung die Prävention und Gesundheitsförderung an Bedeutung gewonnen.

Der Berichtsentwurf besticht durch eine intensive Verarbeitung wissenschaftlicher und politischer Quellen zur Alterspolitik. Da wurde viel gearbeitet. Wie kam es zu diesem Entwurf?

Bei der Erstellung des ersten Entwurfes hatte die Begleitgruppe Gestaltungsprinzipien bestehend aus Fachpersonen und Delegierten von Organisationen eine wegweisende Rolle. Gemeinsam mit der Begleitgruppe wurden wichtige Themen priorisiert und zukünftige Trends erörtert. Basierend darauf, hat das Amt für Soziales Abteilung Alter und unsere Fachstelle Gesundheit im Alter unter Einbezug von Fachliteratur und internen Quellen in enger Zusammenarbeit einen ersten Entwurf erstellt.

Adressaten der «Gestaltungsprinzipien der Alterspolitik» sind der Kanton SG, die Gemeinden des Kantons, Organisationen, die sich mit Alterfragen beschäftigen und Seniorinnen und Senioren selbst.  Wie gelangen die wertvollen Impulse des Berichts an die entsprechenden Adressaten?

Wir planen, eine ansprechende Kurzfassung des Berichtes für die interessierte Bevölkerung zu publizieren. Uns ist es ein grosses Anliegen, dass der Bericht nicht in der Schublade landet, sondern der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht und diskutiert wird.

In den Zwischenfaziten werden jeweils die zuständigen Verantwortlichen Mitwirkenden und Unterstützenden für die Umsetzung von alterspolitischen Lösungsansätzen genannt. Sind hier insbesondere Seniorinnen und Senioren aufgerufen, den politisch Verantwortlichen wenn nötig «Beine» zu machen?

Die Gestaltungprinzipien der Alterspolitik betonen eine aktive Rolle der älteren Generation. Von daher ist ein Mit-Denken, Mit-Diskutieren und Mit-Gestalten sehr erwünscht.


Karolina Staniszewski hat an der UNI Zürich Soziologie studiert (MA 2008), war bis 2017 Dozentin für Soziologie an der Hochschule für Wirtschaft (HWZ) und gleichzeitig Fachspezialistin für Alter, Behinderung der Stadt St. Gallen. Seit 2017 ist sie Programmleiterin Gesundheitsförderung und Prävention im Alter im Amt für Gesundheitsvorsorge des Kantons St. Gallen.

Vernehmlassungsentwurf abrufbar unter: https://bit.ly/3yVVWWL

4 Kommentare

  1. Wohl formulierte Worte – doch werden diese überdachten und sicher auch auf Erfahrungen basierteN Prinzipien im besten Fall, in stark atomisierter Form, verwirklicht werden können. Immerhin.
    Zu wenig berücksichtigt, fast unhinterfragt, wird das global wirkende, mehr oder weniger thematisierte Oberste Prinzip:
    GELD REGIERT DIE WELT
    Diesem Prinzip werden – wie bewusst oder unbewusst auch immer, moralische, ethische, religiöse, humanistische
    Werte gegen den Willen von vielen Bürgerinnen und Bürgern GEOPFERT.

    • Liebe Frau Liechti, besten Dank für Ihren Kommentar. Es liegt an uns, dass nicht Geld die Welt regiert. Wir können vernünftige Menschen wählen, die sich mit einem guten Herz und Tatkraft für das Wohl von Mensch und Tier jetzt und in der Zukunft einsetzen. Wie können alle abwählen, die sich vom schnöden Mammon korrumpieren lassen.

  2. Wenn die vier erwähnten Gestaltungsprinzipien tatsächlich realisiert sind, liegt es an jedem/ jeder unserer Gesellschaft (nicht nur an uns Aelteren), das Beste daraus zu machen und ein selbsterfülltes Leben zu leben.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel