FrontKulturBarock in Berner Bürgerhäusern

Barock in Berner Bürgerhäusern

Das ewige Thema das Menschen, die Suche nach dem Glück, wird im Berner Kunstmuseum aus der Perspektive des Barockzeitalters präsentiert: «Der Weg zum Glück: Das barocke Mindset in Bildern» zeigt Gemälde und Stiche, die vor allem in Bern für Berner Auftraggeber entstanden sind.

Wie der richtige Weg zum Lebensglück zu gehen ist, erklärt uns das zentrale Gemälde: die Berner Kebes-Tafel, ein Werk des Berner Malers, Architekten und Kartographen Joseph Plepp. Um 1633 schuf er dieses Werk auf der Basis einer hellenistischen Wegleitung zum Heil. So gewichtig der Titel und die Moral dahinter, so gross sind die Ausmasse dieses Bildes: über drei Meter breit und ca. anderthalb Meter hoch.

Als Höhepunkt füllt es die Wand im letzten Ausstellungsraum des Berner Kunstmuseums. Alle anderen Werke erläutern gleichsam, was es mit diesem Gemälde und seinem Anspruch auf sich hat.

Joseph Plepp, Die Berner Kebes-Tafel: eine hellenistische Wegleitung zum Heil, um 1633,
Öl auf Leinwand, 161,4 x 308,2 cm

Wir erkennen, wie viele Werke vom 16. bis 18. Jahrhundert auf dem Hintergrund relativ strenger moralischer Regeln entstanden. Wir werfen auch einen Blick auf die Gepflogenheiten der reichen Bürger – der Berner Burger -, wir entdecken, welche Erträge ihre Landgüter einbrachten und was auf den Tisch kam, denn Stillleben waren beliebt geworden. Auch daran war Joseph Plepp beteiligt. Bei holländischen Malern hatte er die Kunst des Stilllebens kennengelernt und in die Schweiz gebracht.

Der Weg zum Glück – ein Mindset

Die sog. Berner Kebestafel (tabula Kebes) ist Joseph Plepps bildliche Umsetzung des Textes eines griechischen Philosophen namens Kebes, der heute vollkommen vergessen ist, der aber bis ins 18. Jahrhundert bekannt war. Dargestellt werden Tugenden und Laster in allegorischer Form, die sich auf einem Weg in ausladenden Landschaften befinden. Es geht um den Weg des Menschen durchs Leben, besonders um die Frage: Wie gelange ich zu einem glücklichen Leben. Im 16. und 17 Jahrhundert war dieser Kebes so beliebt, dass man aufgrund eines Bildes in einem italienischen Tempel einen Text anfertigte als sog. Rückübersetzung, d.h. man erfand einen Text, den es gar nicht mehr gab.

Zitat aus dem sog. Kebes-Text (Zitat in der Ausstellung)

Joseph Plepp hielt sich in seinem Gemälde ganz eng an diesen vermeintlichen Kebes-Text. Als Vorlage diente ihm möglicherweise ein Stich von Hendrick Goltzius. In der unteren Mitte weist ein alter Mann auf die Tugenden hin, nicht weit davon steht die Verführung, zu ihren Füssen ein schlauer Fuchs und ein Getränk, das wohl den Verstand verwirrt. In gewundenen Wegen gelangt der Mensch auf den Pfad der Tugend, der ihn zuletzt in den elysischen Tempel oben in der Mitte führt. Wer den Pfad des Lasters wählt, landet als armer Sünder auf der rechten Seite des Gemäldes. Wer genau schaut, findet viele allegorische Gestalten, z.B. die Schmeichelei, die ganz konkret einer Person den Bauch pinselt. – Der moralisch-didaktische Charakter ist unübersehbar.

Allegorien – lebendige Moral

Die Studierenden, die sich unter Leitung von Urte Krass und Annette Kranen in zwei Semestern mit der Ausstellung beschäftigten, wählten als Grundidee die Darstellung der Werte im Barockzeitalter. Alle gezeigten Werke stammen aus dem Bestand des Berner Kunstmuseums.

Joseph Heintz d. Ä., Die Erscheinung der Wahrheit, 1590/1596, Öl auf Eichenholz, 42 x 68,5 cm

Auf den Erkenntnissen der Humanisten und Reformatoren des 15./16. Jahrhunderts fussend, waren die Tugenden, die der Mensch anstrebt, bzw. die Laster, von denen er Abstand halten sollte, eine Säule der Gesellschaft des 17. Jahrhunderts. Das ging so weit, dass vom Berner Rat jährlich verkündet wurde, welche Sitten und Gebräuche erlaubt waren. Die Junker, die Repräsentanten des Berner Staates, fühlten sich verpflichtet und ermächtigt, als Regulatoren der Moral zu wirken. Staat und Kirchen wachten über die Einhaltung der Moral.

Zitat aus dem sog. Kebes-Text (Zitat in der Ausstellung)

Da erstaunt es nicht, dass solche Tugenden oft allegorisch, das heisst für alle leicht verständlich, dargestellt wurden, mit Symbolen, die für eine bestimmte Tugend typisch war – z.B. die Wahrheit als nackte Frau. Allegorien waren jahrhundertelang beliebte Gegenstände der Malerei. Hier ein Beispiel eines berühmten Berner Malers Niklaus Manuel (Deutsch), der seine Versuchung des Heiligen Antonius in der Wüste schon ein Jahrhundert früher gemalt hatte.

Niklaus Manuel (Deutsch), Altar des heiligen Antonius: Die Versuchung des hl. Antonius (Aussenseite oben), 1518-1520, Mischtechnik auf Fichtenholz, 101 x 126 cm

Vor krassen Darstellungen schreckte man nicht zurück: Die Darstellung der Vergänglichkeit, ein Totenschädel, wirkt auch heute noch leicht gruselig. – So hatte es der anonyme Künstler auch gemeint.

Das Stillleben – vom Lebendigen in die steife Schönheit

Eine andere Stilrichtung hatte sich im 15. und 16. Jahrhundert vor allem im flämisch-holländischen Raum entwickelt: die Darstellung von kunstvoll arrangierten Gegenständen, Pflanzen, Früchten, aber auch von Fleisch, Fisch, Tieren und Lebensmitteln. Dafür entstand der in sich paradoxe Begriff Still-Leben, eine stille Darstellung von (zumeist) Lebendigem oder dem Leben dienlichen Dingen.

Albrecht Kauw: Stillleben mit Käse und Züpfe, 1656, Öl auf Leinwand, 110,4 x 139,2 cm

Es war Joseph Plepp, der diesen Stil in den Niederlanden kennengelernt hatte und nach Bern mitgebracht hatte. Ein anderer aus dem Elsass stammender Maler, Albrecht Kauw pflegte ebenfalls das Stillleben. Von beiden sind Werke ausgestellt. Sie sind für uns besonders interessant, denn sie zeigen, über welche Lebensmittel die Familien der Berner Bürger verfügten: Auch hier galt es, das rechte Mass zu wahren: Die Familie zeigten stolz, was ihre Landgüter in einem Jahr hervorgebracht hatten, aber auftrumpfen wollten und durften sie damit nicht.

Der vielseitige Künstler Joseph Plepp

Joseph Plepp, 1595 in Bern geboren und dort 1642 gestorben, ist in der Kunstgeschichte fast vergessen, dabei war er ein vielseitig gebildeter Mann. Besondere Verdienste hat er sich vor allem als Kartograph der Stadt Bern und anderer Schweizer Städte erworben. Er wird deshalb auch mit dem weit berühmteren Matthäus Merian verglichen, mit dem er bei der Schaffung der Topografia Helvetiae zusammenarbeitete. In der Kunst der Stadtgeografie sind sich die beiden ebenbürtig. Die Karte, die Plepp vom damaligen Staat Bern herstellte, gilt noch heute als die beste, genaueste und korrekteste Karte jener Zeit auf einem Blatt. Als Architekt, damals «Werkmeister» bezeichnet, baute Plepp den Käfigturm so um, wie dieser heute noch besteht.

Allegorie auf die Vergänglichkeit (Kopie nach Jacopo Ligozzi, Maler unbekannt), anfangs 17. Jahrhundert, Öl auf Kupfer, 28 x 22,6 cm (alle Fotos © Kunstmuseum Bern bzw. mp)

Wenn wir an Werke aus der Barockzeit denken, fallen uns die Maler aus den Niederlanden oder aus Italien ein, die prächtigen Barockschlösser und Kirchen. Wir denken auch daran, dass in Europa viele Kriege geführt wurden, allen voran der Dreissigjährige Krieg (1618 – 1648), der weite Landstriche verwüstete.

Dass auch in dieser Zeit Kunst geschaffen wurde, auch hier in der Schweiz, zeigt diese Ausstellung.
Vor kurzem ist ein umfangreiches Buch über Schweizer Kunst im Barock erschienen, das Ruth Vuilleumier hier vorgestellt hat.

Der Weg zum Glück. Die Berner Kebes-Tafel und die Bilderwelten des Barock.
Kunstmuseum Bern 3. September – 28. November 2021

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