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Schweizer Barockmalerei neu erzählt

«Mit Pinsel, Palette und Perücke» ist ein Übersichtswerk über die Malerei des Barocks in der Schweiz. Der Kunsthistoriker Matthias Oberli lenkt den Blick auf eine Epoche, die in der Kunstwelt bislang wenig Aufmerksamkeit gefunden hat.

Die Idee zu diesem umfangreichen Nachschlagewerk kam Matthias Oberli noch während des Kunstgeschichtestudiums. Ihm wurde bewusst, als er über das Thema Barocke Malerei in der Schweiz arbeitete, dass es seit den 1950er-Jahren kein aktuelles Standardwerk mehr zu dieser Epoche gibt. Zwar existieren zahlreiche Einzelstudien zu einzelnen Themen und Künstlern, doch sind sie punktuell und regional eingegrenzt.

Innenansicht der Klosterkirche in Muri, Kanton Aargau.

Oberli machte es sich zur Aufgabe, die unendlich vielen Einzelstudien zu überprüfen, zusammenzutragen, zu verknüpfen und eine systematische Übersicht zu schaffen. Wenngleich das Zusammenspiel von Skulptur, Architektur und Dekor als Gesamtkunstwerk ein zentrales Wesensmerkmal des Barocks ist, steht es in seiner Untersuchung nicht im Mittelpunkt. Das reich illustrierte Kompendium richtet sich nicht nur an Fachleute, sondern ebenso an Kultur- und Kunstinteressierte.

Wasserkirche in Zürich als Stadtbibliothek, Zeichnung von Franz Hegi, 1845. Zentralbibliothek, Zürich.

Die Studie beginnt mit der Gegenreformation im späten 16. Jahrhundert und endet mit der Französischen Revolution. Internationale Einflüsse, lokale und regionale Eigenheiten und Gemeinsamkeiten bearbeitet der Autor innerhalb der Besprechung einzelner Bildgattungen und Motive. Ein Künstlerverzeichnis mit kurzen biografischen Angaben im Anhang listet die wichtigsten Kunstschaffenden der Epoche auf.

Joseph Werner d.J., Allegorie der guten Regierung Berns, 1682. Bernisches Historisches Museum.

Es ist ein Standardwerk alter Schule, das der Autor bezüglich moderner digitaler Möglichkeiten selbstkritisch hinterfragt und in Anbetracht der Flut von Informationen und Detailkenntnissen doch als sinnvoll erachtet. Auf die Frage, ob eine nationale Eingrenzung heute noch zulässig sei, meint er, dass es schon früh Einflüsse durch zugereiste Künstler in der Schweiz gab, zumal Künstler aus Süddeutschland, Frankreich und Norditalien die hiesige Kunst mitprägten.

Dreieckige Gemälde in der Kapellbrücke, 1614-1625, Luzern. Der Bilderzyklus mit ursprünglich 158 Bildtafeln entstand in der Zeit der Gegenreformation. Beim Passieren wird daran erinnert, nicht nur einen frommen Lebenswandel zu führen, sondern auch Solddienst in Frankreich zu leisten.

Das zweite Kapitel beschreibt die kulturelle Situation in der Schweiz, ihre Weltoffenheit und die internationalen Beziehungen in Handel und im Wissenstransfer. Auch der sich verändernde Alltag wird dargestellt, etwa die Einführung der Schulpflicht nach der Reformation. Doch trotz akademischer Aufklärung bleibt der Aberglauben so stark, dass noch 1782 der letzte Hexenprozess mit Anna Göldi nicht verhindert wird.

Im Kapitel «Contrafäte» mit Halskrausen und Perücken geht Matthias Oberli auf Porträts und Gruppenbildnisse ein, die sich nur die Oberschicht leisten konnte. Bereits in der Renaissance waren Bildnisse von Kriegern in der Eidgenossenschaft populär. Das 17. Jahrhundert brachte einen neuen Typus hervor, in dem sich die Regenten und Offiziere weniger statisch inszenierten, aber ebenso ehrfurchterheischend posierten. Der Einfluss ausländischer Vorbilder wie Rubens oder Van Dyck ist offensichtlich.

Ein weiteres Kapitel befasst sich mit dem Künstlerleben, den Auftraggebern sowie den Sammlern. Malerfürsten, wie an ausländischen Höfen, gab es in der Schweiz nicht. Nur einzelne im Ausland tätige Künstler bekamen dieses Renommee, etwa Anton Graff aus Winterthur am kurfürstlich-sächsischen Hof in Dresden oder Angelika Kauffmann aus Chur am englischen Königshof.

Die meisten Schweizer Künstler stammten aus dem städtischen Umfeld, wo sich Malerwerkstätten und Künstlerdynastien etablierten, doch oft eingeschränkt durch Zunft- und Gewerbeverordnungen. So blieben die Maler der Barockzeit in der Schweiz in erster Linie Handwerker und Unternehmer.

Angelika Kauffmann, Selbstporträt, 1784. Neue Pinakothek, München.

Dekorative Malereien in privaten Innenräumen, ursprünglich direkt auf Wand und Decke gemalt, kennt die Schweiz seit der römischen Antike. Seit dem frühen 18. Jahrhundert erscheinen sie auf den Wänden in Ölfarbe in Form von Täfermalereien und Leinwandbespannungen als eine Art Bildtapete mit Allegorien, Landschaften mit Staffagen, Chinoiserien oder floralen Mustern. Diese Ausstattungen finden sich in grossbürgerlichen Wohnräumen, illusionistisch gestaltete Festräume mit Trompe-l’oeil Malereien auch in Schlössern.

Die Schweizer Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts stand anfänglich im Zeichen der Kartografie; Karten und Ansichten waren stolzer Ausdruck der Stadtväter und Schlossherren über ihren Besitz. In Zürich nahm die barocke Landschaftsmalerei mit Conrad Meyer (1618-1689) ihren Anfang. Als Wandergeselle kam er in Deutschland in Kontakt mit der niederländischen Landschaftsmalerei und avancierte 1642 zum produktivsten Künstler in Zürich. Der Einfluss der niederländischen Malerei prägte die Landschaftsmalerei noch im 18. Jahrhundert.

Johann Heinrich Wüest, Landschaftszimmer mit in Öl gemalten Leinwandbespannungen in holländischer Manier, Schloss Au, Kanton Zürich. Foto: © Kantonale Denkmalpflege Zürich, Dübendorf.

Der in Zürich, Amsterdam und Paris ausgebildete Maler Johann Heinrich Wüest (1741-1821) malte den Schaffhauser Rheinfall und den Rhonegletscher als heroische Landschaften um 1775. Das ausgewählte Hochformat evoziert durch den hohen Betrachter-Standpunkt ein weites Panorama, das die Menschen vergleichsweise zwergenhaft erscheinen lässt.

Ludwig Aberli (1723-1786), Wimmis, um 1783, Kolorierter Kupferstich.

Der aus Muri/AG stammende Caspar Wolf (1735-1783) kletterte in die Alpen und prägte als Pionier die Hochgebirgsmalerei. Gewiefte Verleger nutzten die Stunde und publizierten kolorierte Stiche nach Wolfs Gemälden, die durch den zunehmenden Tourismus Anklang fanden. Mit dem beginnenden 19. Jahrhundert wurden die kolorierten Grafiken kombiniert mit Trachtenbildern und Berghütten zur Massenware.

Titelbild: Joseph Plepp, Stillleben, 1632. Sammlung Eremitage, Sankt Petersburg.
Alle Bilder: Wikimedia commons

Matthias Oberli, Mit Pinsel, Palette und Perücke. Barocke Malerei in der Schweiz, Hrsg. Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA) Zürich, Schwabe Verlag, Basel 2021
ISBN 978-3-7965-4200-8

siehe auch: Maja Petzold Barock in Berner Bürgerhäusern

 

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