FrontGesellschaftDie Welt als unsicherer Ort

Die Welt als unsicherer Ort

Luise Reddemann hat unter dem Titel «Die Welt als unsicherer Ort» ein Buch geschrieben für die Zeit der Covid-19-Pandemie, aber auch für andere Krisenzeiten.

Obwohl das Buch vor allem an Psychotherapeutinnen und -therapeuten adressiert ist, können auch alle, die sich in unsicheren Zeiten fühlen, sich vom Buch inspirieren lassen. Seniorweb hat Frau Reddemann ein paar Fragen gestellt:

Seniorweb: Frau Reddemann, Sie sind im März 78 Jahre alt geworden. Nun ist gerade das Altern oft verunsichernd, wenn man nicht weiss, welche Beeinträchtigungen und Krankheiten anstehen und was einem vor und im Sterbeprozess erwartet. Erlauben Sie mir, dass ich Ihr «Handwerkszeug» für die therapeutische Arbeit ausdehne auf die Selbstfürsorge und Fürsorge von alternden Menschen. Ich werde deswegen ihre Liste von «Empfehlungen für den Beginn einer Behandlung» (S. 63) ausweiten zu Empfehlungen für die Entwicklung einer sorgenden Haltung in einem unsicheren Alltag. Halten Sie diese Ausweitung überhaupt für akzeptabel?

Luise Reddemann: Unbedingt! Vielen Dank dafür!

Empfehlung 1:  «Eine Vertrauensbasis schaffen»: Wie kann man in unsicheren Zeiten Selbstvertrauen, Vertrauen in andere und in die Welt schaffen?

Vertrauen in die Welt geht auf Dauer nur, wenn wir uns Selbstvertrauen erlauben, sprich damit sollte begonnen werden. Das heißt für mich, mich bedingungslos immer wieder aufs Neue freundlich zu akzeptieren.

Empfehlung 2: «Die Entwicklung einer sicheren und haltgebenden erfahrenen therapeutischen Beziehung fördern». Daraus entnehme ich für den selbsttherapeutischen Alltag: Die Pflege von guten Beziehungen zu sich, zu andern und zur Welt ist wichtig. Haben Sie Tipps, wie Beziehungen besser kultiviert werden können?

Ich bezweifle, dass es hilfreich ist, alles immer noch besser machen zu müssen. Kultivieren von Beziehungen bedeutet für mich, freundlich zur Verfügung stehen, offen sein und Interesse am anderen Menschen zeigen. Wer das immer wieder macht, hat gute Chancen auf erfreuliche Beziehungen.

Empfehlung 3: «Möglichst immer zuerst das Leiden würdigen und ihm Raum geben, also Mitgefühl zeigen». Dazu die Frage: Wie kann man Leiden in Selbstmitgefühl und Mitgefühl zu andern umwandeln?

Aus meiner Sicht heute hat das zu tun mit Freundlichkeit. Diese zu pflegen im Umgang mit sich selbst und der Welt halte ich für kostbar. Und das heißt auch, sei freundlich zu Dir in allem, auch mit Deinen Irrtümern und Fehlern.

Empfehlung 4: «Hoffnung unterstützen bzw. halten, wenn die Patientin/ der Patient dazu nicht in der Lage ist». Dazu die Frage: Bei religiösen Menschen gibt es eine Hoffnung auf ein ewiges Leben. Worauf kann Hoffnung und Zuversicht bei nicht religiösen Menschen gründen?

Das dürfte eher unterschiedlich sein. Ich finde ostasiatische Gedanken hilfreich, die zum einen einladen, Wandel zu akzeptieren und zum anderen zur Akzeptanz der Dinge und immer wieder zu Freundlichkeit!

Empfehlung 5: «Verbindungen zu anderen Menschen erkunden und so gut wie möglich fördern. In Pandemiezeiten unbedingt nach guten Beziehungen fragen und ob es Möglichkeiten gibt, diese – zumindest virtuell – zu pflegen. Dazu auch ermutigen. Selbstwirksamkeit fördern, falls gewünscht. Dazu gehören vor allem gelingende Affektsteuerung und differenzierte Wahrnehmung von Affekten.»
Aus dieser Empfehlung nehme ich für den Alltag Folgendes: Ermutigung zur Pflege von Verbindungen zu andern real, virtuell oder auch telefonisch. Durch das Pflegen der Verbindungen erlebt man Selbstwirksamkeit und in der Verbindung zu andern können die eigenen Launen und Emotionen besser betrachtet, gespiegelt und in angenehmere Gefühlslagen transformiert werden. Einverstanden?

Ja, vorausgesetzt, es fühlt sich stimmig an. Man darf auch mal alleine zufrieden sein!

Empfehlung 6: «Sinnfragen aufgreifen und ernst nehmen und bereit sein, zu trösten und zu beruhigen». Der Kirchenvater Augustinus konnte im 4. Jh. noch schreiben: «Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir.» Die Vertröstungen vieler Religionen auf ein Leben nach dem Tod greifen für viele nicht mehr. Was verleiht dem Leben im Alter mit zunehmenden Beeinträchtigungen und Altersleiden Sinn? Was ist zu tun, wenn religiöse Tröstungen versagen?

Auch wenn es platt klingen mag: Liebe! Liebe zu mir selbst, so gut es geht, Liebe zum Leben, Offenheit für Neues und so gut wie möglich für neue Menschen in meinem Leben, vor allem auch jüngeren. Das weitet den Blick!


Prof. Dr. med. Luise Reddemann ist Nervenärztin, Fachärztin für psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytikerin; Honorarprofessur für Psychotraumatologie und psychologische Medizin an der Universität Klagenfurt. Von 1985 bis 2003 war sie Leiterin der Klinik für Psychotherapie und psychosomatische Medizin des Ev. Johanneskrankenhauses in Bielefeld und entwickelte dort das Konzept zur Behandlung von Menschen mit komplexen Traumafolgestörungen »PITT«.

Buchhinweis: Luise Reddemann: Die Welt als unsicherer Ort. Psychotherapeutisches Handeln in Krisenzeiten. Stuttgart 2021. (Klett-Cotta). 160 S. Fr. 34.90 ISBN: 978-3-608-89277-2

 Porträtfoto von Luise Reddemann: Stefan Blume

Vorheriger ArtikelTrunken von Musik
Nächster ArtikelInnenschau eines Gefängnisses

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel